Kranke und behinderte Menschen wurden von den Nationalsozialisten systematisch verfolgt – in Ulm wie anderswo auch. Denn sie galten als „Belastung für die deutsche Volksgemeinschaft“. 183 Frauen und Männer, die aus Ulm stammten oder in der Landesfürsorgeanstalt Oberer Riedhof im Donautal gelebt hatten, wurden im Rahmen der „Euthanasie“-Programme ermordet. Ihre Namen und Biographien sind jetzt gemeinsam mit jenen der 343 Ulmer Opfer von NS-Zwangssterilisation im Gedenkbuch mit dem Titel „… aber ich hoffe, dass ich nicht verloren bin“ festgehalten.

Friedrich Leibinger ist eines der Opfer, geboren 1893 in Basel. Wie Josef Naßl vom Stadtarchiv recherchiert hat, war er kleinwüchsig und hatte „gewisse kognitive Einschränkungen“. Im Laufe seines Lebens war Leibinger in verschiedenen Heilanstalten und kam 1937 in den Oberen Riedhof. Er war dort vier Jahre lang und wurde als „verträglich und gutmütig beschrieben“. 1941 wurde er nach Zwiefalten verlegt, drei Jahre später stand in seiner Krankenakte der Vermerk „unverändert wertlos“. Als er im Oktober 1994 an Lungen-Tuberkulose erkrankte, wurde Leibinger laut Naßl nicht behandelt.

Perfides Tötungs-System der Nazis

Im Folgenden hält die Akte fest, wie der Kranke stetig an Gewicht verlor und am 23. Mai 1945 auf 26 Kilo Körpergewicht abgemagert starb. „Die Menschen wurden auch dadurch ermordet, dass sie nicht ausreichend versorgt wurden oder gezielt überdosierte Medikamente bekamen“, schildert Naßl das perfide Tötungs-System der Nazis.

Vorgestellt wird das Buch im Rahmen der Veranstaltungen rund um den 27. Januar. An diesem Tag jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. „Wir haben ein dichtes Programm, weil zwei Ereignisse zusammenkommen“, sagt Nicola Wenge, Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg (DZOK). Denn 1940 – also vor 80 Jahren – begannen die Deportationen nach Grafeneck bei Münsingen, wo geistig behinderte Menschen vergast wurden.

Wider das Vergessen

Der Grundstein für das Erinnerungsprojekt wurde vor fünf Jahren gelegt, als sich ein Initiativkreis gründete. Ihm gehören Vertreter der Behinderteneinrichtung Tannenhof sowie von Stolpersteininitiative, Volkshochschule, DZOK, Kirchen, und Ulmer Bürgerschaft an. Ihr Ziel war es, „die Opfer wieder hereinzuholen ins Gedächtnis der Menschen in Ulm“, so Wenge weiter.

Erstes sichtbares Ergebnis des Projekts ist seit Oktober 2019 das Erinnerungszeichen für die Ulmer Opfer von NS-Zwangssterilisation und „Euthanasie“-Morden am Landgericht.

Programm zum Gedenktag

Gedenktag Der 27. Januar ist der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Darum gibt es am Montag um 14.30 Uhr in der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg eine Veranstaltung mit dem Titel „Was in Ulm am Oberen Kuhberg begann“. Dabei spricht Nicola Wenge über die Entwicklung des KZ-Systems: Zu den frühen Formen gehört das von November 1933 bis Juli 1935 betriebene Lager, in dem die Nazis mehr als 600 politische und weltanschauliche Gegner inhaftierten. Wenge spannt den Bogen des „nationalsozialistischen Terrorapparats bis zum Menschheitsverbrechen des Holocausts“.

Weiter verdeutlicht der Historiker Ingo Bergmann anhand von konkreten Biographien Ulmer Bürger, welche furchtbaren Verbrechen die Nazis begangen haben. Der Eintritt ist frei. Um 17 Uhr beteiligt sich die Gedenkstätte an der bundesweiten Flashmob-Aktion „Lichter gegen die Dunkelheit“.

Kranzniederlegung Am Gedenkstein für ehemalige jüdische Mitbürger auf dem Neu-Ulmer Friedhof wird am Montag, 27. Januar, um 15.30 Uhr ein Kranz niedergelegt. An der Gedenkfeier beteiligen sich Schüler des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums.

Konzert und Gedenkbuch

Gedenkkonzert Mit dem Titel „Requiem“ ist die zentrale Gedenkveranstaltung am 27. Januar überschrieben, die um 20 Uhr in der Wengenkirche beginnt. OB Gunter Czisch spricht ein Grußwort, Stadthaus-Leiterin Sabine Presuhn erläutert den Hintergrund der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programme. Dann singt das Vokalensemble Hochwang Werke von Johann Sebastian Bach, Max Reger, Rudolf Mauersberger, Herbert Howells und Arvo Pärt. Außerdem hat die Künstlerin Marianne Hollenstein eine Installation in der Kirche gestaltet: Sie visualisiert das Gedenken an die 183 Ulmer Opfer der „Euthanasie-“-Morde als ein langes Band mit den Namen.

Buchvorstellung Das Gedenkbuch wird am Donnerstag, 30. Januar, um 19 Uhr im Schwörhaus vorgestellt. Mehr als zwei Jahre lang haben die Autoren Josef Naßl und Gudrun Silberzahn-Jandt in 25 Archiven geforscht, um die individuellen Biographien der 343 bekannten Ulmer Opfer von NS-Zwangssterilisation und der 183 Opfer von „Euthanasie“-Morden zu recherchieren. Das Ergebnis ist, so Michael Wettengel vom Stadtarchiv, ein Buch, das die Hintergründe beleuchtet und „Wissenslücken schließt“. Denn beide Bereiche sind längst nicht so bekannt wie der Holocaust.

Erhältlich ab 30. Januar


Neuerscheinung Das Gedenkbuch für die Ulmer Opfer von NS-Zwangssterlisation und „Euthanasie“-Morden trägt den Titel „... aber ich hoffe, dass ich nicht verloren bin“. Herausgegeben ist es gemeinsam von Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg und Haus der Stadtgeschichte Ulm/Stadtarchiv Ulm. Die Autoren des 208 Seiten starken Werks sind Gudrun Silberzahn-­Jandt und Josef Naßl, erschienen ist es im  Verlag Klemm+Oelschläger. Es kostet 26,80 Euro und ist erhältlich ab 30. Januar im Buchhandel, beim DZOK und im Haus der Stadtgeschichte.