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Baggerfahrer, Straßenbauer, Ingenieurin: Die Baustelle der Linie 2 ist für die Arbeiter eine ganz besondere.

Thomas Haferkorns Arbeitsplatz sieht aus wie ein großer Abenteuerspielplatz. Schutt- und Sandhaufen, so hoch wie Mehrfamilienhäuser und fast so weit das Auge reicht. Lastwagen mehrerer Baufirmen karren den gesamten Aushub des Streckenastes Eselsberg zum Zwischenlager am Science Park III und von dort zu den Steinbrüchen oder Deponien, wo er endgültig gelagert oder verfüllt wird. Dazwischen liegt das Reich von Thomas Haferkorn.

Der 52-Jährige von der Firma Heim ist für die „ordnungsgemäße Entsorgung“ zuständig. Aushub ist nicht gleich Aushub. Erdreich ist dabei, Sand, Schotter, Beton, auch Schadstoffe – alles in allem mehr als 400.000 Kubikmeter bisher. Im Zwischenlager werden Proben des gesamten Aushubs gezogen, und nach den Ergebnissen des Labors entscheidet sich, was mit dem Material weiter passiert. „Nicht alles darf überall hin“, sagt Thomas Haferkorn. Überwiegend gehört der Aushub aber zur Klasse Z 0: unbelastet. Jede Lkw-Ladung wird dokumentiert. Zu seinem Job gehört auch viel Papierkram.

Für Thomas Haferkorn ist seine Arbeit im Zwischenlager der Straßenbahnbaustelle Routine. Seit 1997 ist er in der Altlastensanierung tätig. Früher, in der DDR, hat der 52-Jährige aus der Gegend von Leipzig im Kohletagebau gearbeitet. „Da waren die Maschinen viel, viel größer.“ Dagegen wirken seine jetzigen Bagger fast wie Spielzeuge.

Thomas Haferkorn
© Foto: Oliver Schulz

Carmen Schmitt ist eine von drei Frauen auf der Baustelle der Linie 2. Die Bau-Ingenieurin arbeitet für die Firma Sweco in der Bauüberwachung. Ihre Tätigkeit umschreibt sie lachend so: „Wir sind die Leute, die zu viert um ein Loch rumstehen und runtergucken.“ Im Ernst: Sie geht mit den Polieren der Baufirmen die Baupläne durch, macht die Aufmaße vor Ort, misst also aus, ob das Gebaute passt, und prüft die Rechnungen. Stimmt etwas nicht oder hat eine Baufirma gepfuscht, merkt das die Bauüberwacherin – „früher oder später auf jeden Fall“.

Carmen Schmitt ist für den Abschnitt in der Innenstadt zuständig. Ihr Büro hat die 31-Jährige im Glaspalast der SWU. Dort verbringt sie aber höchstens die Hälfte ihrer Arbeitszeit. Zum Glück, sagt die Unterkirchbergerin. Immer im Büro zu sitzen, das ist nichts für sie. Das hat sie schon in ihrer Lehre als Bauzeichnerin gemerkt. Sie schloss das Studium an, spezialisierte sich auf Tief- und Straßenbau und ist nun froh, auch raus zu kommen auf die Baustellen.

Carmen Schmitt
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Bernhard Opolka wollte schon als Kind nur eines werden: Baggerfahrer. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt der 29-Jährige. Mit zwölf saß er zum ersten Mal in einem Bagger, sein Vater war Polier in einer Baufirma. Von da an stand der Berufswunsch fest. Opolka lernte zunächst Maurer. Bagger fährt er, seit er 18 ist.

Doch auch im Traumberuf gibt es stressige Tage. Auf der Baustelle der Linie 2 vielleicht sogar mehr als sonst. Bernhard Opolka arbeitet für die Firma Leonhard Weiss auf dem Oberen Eselsberg. Die Baustelle ist umgeben von Verkehr und von Fußgängern, die auch mal versuchen, quer über die Baustelle abzukürzen. „Da muss man unheimlich aufpassen“, vor allem, wenn man mit so schwerem Gerät hantiert wie er mit seinem Bagger.

Außerdem muss er penibel darauf achten, beim Ausbaggern keine der Wasser- oder Gasleitungen zu treffen. „Das wäre ganz schlecht wegen der Klinik“, sagt der 29-jährige aus Bissingen im Landkreis Heidenheim. Für ihn ist das eine weitere Herausforderung. Stressige Tage gehören dazu, meint er. Seinen Job liebt er trotzdem. „Es macht immer noch Spaß.“

Bernhard Opolka
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Thomas Jaworskyj stöhnt über die Baustelle der Linie 2. „Nervlich anstrengend und sehr strapazierend“, nennt der Straßenbauer sie. Es kommt einiges zusammen: „Das enge Schaffen im Verkehr, die vielen Autos und Fußgänger.“ Dann die Menge alter Leitungen, von denen oft nicht klar sei, welche noch in Betrieb sind. Die alten Pläne, sofern es welche gibt, stimmten oft nicht, die Leitungen seien manchmal kreuz und quer verlegt. „Da muss man höllisch aufpassen, dass man nicht aus Versehen eine Leitung kappt.“ Ist trotzdem schon passiert.

Der 34-jährige Neu-Ulmer arbeitet am Streckenast Kuhberg. Die Bewohner der Römerstraße seien schon geplagt, sagt er, „sie beschweren sich über Vibrationen“. Die Baustelle dauert lang, das Verständnis der Anwohner schwinde, die Klagen häuften sich. „Aber ich baue die Line 2 ja nicht für mich“, sagt Thomas Jaworskyj fast trotzig. „Zu 60 Prozent macht’s keinen Spaß mehr.“ Er hat auch schon an der Verlängerung der Linie 1 nach Böfingen mitgearbeitet und erinnert sich ein bisschen wehmütig daran: „Das war doch um einiges entspannter.“

Thomas Jaworskyj
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Für Murat Karaman ist die Linie 2 „eine ganz besondere Baustelle“. Der 49-Jährige kennt viele. Seit 1984 arbeitet der gelernte Straßenbauer bei der Firma Eckle, seit vielen Jahren nach einer Weiterbildung als Polier. Er ist auf dem Streckenast am Eselsberg tätig, seit drei Jahren mittlerweile, „außergewöhnlich lang“ für eine Baustelle.

Die Linie 2 hat für den gebürtigen Türken, der seit 1979 in Deutschland lebt, noch eine Reihe weiterer Besonderheiten. „Die Baustelle liegt mitten in der Stadt, mitten im Verkehr, mitten unter den Anwohnern.“ Das ist hart für Autofahrer, Fußgänger, Bewohner, aber auch für die Leute vom Bau. Alles ist eng, alles ein stetes Ringen um Durchlässigkeit und Baunotwendigkeiten. Bauarbeiter wie Murat Karaman müssen sich da oft manches anhören. Zum Beispiel: „Die Müllabfuhr ist ganz kritisch“, die Fahrzeuge kommen nicht durch, die Anwohner müssen ihre Mülleimer weit tragen. Oder haben das Gefühl, es geht nichts vorwärts beim Bau. Geht es aber schon, versichert der Polier. Nur könne eben nicht jeder die Abläufe bei einer solchen Baustelle nachvollziehen.

Dass die Anwohner sich ärgern, könne er schon verstehen, sagt der Langenauer. Und dass sie ihren Ärger auch mal bei den Bauarbeitern abladen auch. „Es ist hart für die Leute.“

Murat Karaman.
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Schächte, Lehrrohre, Unterbau – die Tiefe ist das Reich von Peter Harder (links) und Hartmut Hechler. Die beiden Poliere der Firma Geiger und Schüle sind für Straßen- und Tiefbau zuständig. Solange sie und ihre Kollegen nicht fertig sind, kann kein einziges Gleis verlegt werden. „Wir sind an der Spitze“, sagt Peter Harder. „Alle anderen kommen nach uns. Da muss man schon aufpassen.“
Der 55-jährige Harder arbeitet seit 40 Jahren im Straßenbau, Hechler (58) noch zwei Jahre länger. Um das durchzuhalten, muss man „schon hart“ sein, sagt Harder. „Wir schaffen den Winter durch und auch viele Wochenenden.“ Man müsse sich dran gewöhnen, meint Hechler. „Aber dann ist es besser als in der Fabrik.“ Eine Großbaustelle wie die Linie 2 werde jedenfalls nie langweilig.

Peter Harder arbeitet seit 30 Jahren bei der Firma Geiger und Schüle. Er wohnt in Ing-
stetten und fährt jeden Tag 40 Kilometer zur Baustelle auf dem Eselsberg und wieder zurück. Ein geregeltes Leben. Das führt auch sein Kollege Hartmut Hechler, wenngleich auf völlig andere Art. Hechler wohnt wochentags im Container, „aber in einem schönen“. Das sei schon wichtig, „man muss sich wohl fühlen“. Zuhause ist der 58-Jährige in Nienburg an der Saale in Sachsen-Anhalt, aber seine Familie sieht er nur am Wochenende und im Urlaub.

Peter Harder und Harmut Hechler.
© Foto: Lars Schwerdtfeger