Ein vierjähriges Mädchen, das von seinem Vater misshandelt worden ist und bei der Aussage vor Gericht kein Wort herausbringt. Ein anderer Vater, der seine Kinder verprügelt, es aber eigentlich nicht möchte. Mehr als hundert solcher und ähnlicher Fälle muss Bettina Müller, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle des Kinderschutzbundes in Ulm, jedes Jahr ablehnen, weil das die Beratungskapazitäten des gemeinnützigen Vereins übersteigt. „Jeden Tag müssen wir Familien wegschicken“, bedauert sie. Dabei macht die Diplom-Psychologin die Erfahrung, dass sich seit der Einführung des Bundeskinderschutzgesetzes 2012 immer mehr Menschen beim Kinderschutzbund melden.

Sofort helfen

Ihnen Unterstützung zu verweigern ist nach Ansicht von Müller in vielerlei Hinsicht verheerend. Zum einen, weil die Betroffenen sofort Hilfe bräuchten. „Eine Warteliste ist hier nicht vertretbar“, führt die 56-Jährige aus. Zum anderen möchte die Leiterin der Beratungsstelle verhindern, dass die Fälle im Dunkelfeld verschwinden. Denn allein schon die Kontaktaufnahme sei für die Betroffenen ein Riesenschritt. „Viele rufen kein zweites Mal an“, so die Erfahrung der ausgebildeten Trauma-Therapeutin.

Doch auch für sie und ihr Team sei diese Situation nicht mehr auszuhalten. „Wir wollen das anpacken“, macht Müller deutlich. Damit diese Kinder nicht mehr verloren gehen, hat der Ulmer Verein deswegen ein neues Projekt für Kinder mit Gewalterfahrung ins Leben gerufen. Zwar kümmerten sich Berater beim Kinderschutzbund schon jetzt um misshandelte Mädchen und Jungen. Das Angebot soll jedoch ausgeweitet werden, damit Kinder und Eltern so schnell wie möglich Hilfe bekommen und Wege gefunden werden, die Kinder zu schützen. Denn die häufig wirklich grausamen und perfiden Lebenssituationen gingen den psychologischen Beratern unter die Haut. Müller erzählt von Vätern, welche die Genitalien ihrer Kinder anzündeten oder pornografische Filme mit ihnen drehten.

Eltern in der Krise

Durch das Erlebte würden die betroffenen Mädchen und Jungen Vertrauen in sich selbst und in das Leben verlieren. „Das ist sehr schädigend“, betont die Leiterin der Beratungsstelle. In den sogenannten Akutberatungen werde ihnen in erster Linie zugehört und die Sicherheit gegeben, dass ihnen geglaubt wird. „Häufig haben sie massive Schuldgefühle“, erläutert Müller. Zudem näherten sich die Kinder dem Erlebten auch spielerisch, etwa anhand von Spielfiguren. Das helfe ihnen diese Dinge zu verarbeiten.

Das ist hingegen nur ein Teil der Aufarbeitung. „Häufig sind die Eltern selbst in der Krise“, meint Müller, die in den Gesprächen mit den Erwachsenen merkt, dass diese trotz der oft selbst erlebten Gewalt als Kind wenig Empathie entwickelten. Häufig seien sie sogar davon überzeugt, dass ihnen das damals auch nicht geschadet habe. Hier erfüllt die Beratung das Ziel, diesen Kreislauf zu stoppen. „Häufig geht die Gewalt nämlich in die nächste Generation über“, sagt die Psychologin. Das bestärkt Müller und ihre Mitarbeiter darin, dass die Arbeit der Psychologischen Beratungsstelle des Kinderschutzbundes wichtig und nachhaltig sei. Für die Umsetzung des Projekts, das vollständig aus Eigenmitteln des Vereins finanziert wird, ist der Verein jedoch auf Spenden angewiesen.

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Zahlen (2017) zur Arbeit des Kinderschutzbundes


492 Kinder erhielten Beratung in der Psychologischen Beratungsstelle.

325 Familien fragten nach einer Beratung wegen Gewalterfahrung der Kinder.

116 Familien wurden abgewiesen.

2600 Beratungen waren spendenfinanziert.

4002 Beratungsstunden wurden durch öffentliche Mittel finanziert.