Als Shneur und Chani Trebnik im Jahr 2000 nach Ulm kamen, gab es dort schon lange keine jüdische Gemeinde mehr. Die Trebniks wollten das ändern, die Jüdinnen und Juden in der Stadt und der Region wieder zusammenführen. Dafür mussten sie erstmal viel telefonieren. „Die erste Frage war sehr oft: Wer hat ihnen meine Telefonnummer gegeben?“, sagt der Rabbiner. Die Leute hätten kein Interesse gehabt. Dazu sei noch ihr schlechtes Deutsch gekommen, ergänzt Chani Trebnik. Beide sind in Israel aufgewachsen.

Doch es gab Menschen, die sich auf das Angebot einließen. Die zu Treffen und gemeinsamen Gebeten kamen – im Wohnzimmer der Familie Trebnik, vierter Stock, kein Aufzug. Mit der Zeit wuchs die Gemeinde, 2002 mieteten die Gläubigen eine eigene Wohnung als Gebetsraum an.

Im Mittelalter aus der Stadt vertrieben

Shneur Trebnik sei dazu bereit gewesen, „in ein Land zu gehen, das er nicht kannte, um dafür zu sorgen, dass aus einzelnen Menschen jüdischen Glaubens eine jüdische Gemeinde wurde“, sagt Michael Joukov-Schwelling. Der Grünen-Politiker ist selbst Jude und bezeichnet sich als Dreiviertel-Atheisten. Über den orthodoxen Rabbiner sagt er: „Man muss anerkennen, dass er seine Ansichten hat, aber sie niemandem aufdrängt.“ Es sei wichtig, dass es jemanden gebe, „der sich komplett für die Gemeinde hergibt“.
Im Mittelalter waren die Jüdinnen und Juden aus Ulm vertrieben worden. Bis auf Einzelfälle blieben sie der Stadt für Jahrhunderte fern. Erst im 19. Jahrhundert entstand eine neue jüdische Gemeinde, die eine Synagoge errichtete. 1938 zerstörten die Nazis das Gotteshaus.

Youtube So hat sich die jüdische Gemeinde in Ulm entwickelt

Jubiläum: Feier wegen Corona-Krise abgesagt

Seit 2012 steht auf dem Weinhof wieder eine Synagoge. Ganz in der Nähe des Ortes, an dem der Vorgängerbau stand. „Der Standort am Weinhof ist sehr prägnant“, sagt Susanne Jakubowski, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Die Beziehungen zur Stadt und zum Land seien ausgezeichnet.
Im März wollte die Jüdische Gemeinde, die mittlerweile rund 400 Mitglieder hat, ihr 20-jähriges Bestehen feiern, in der Corona-Krise wurde die Feier auf Juni verlegt. Auch diesen Termin sagte die Gemeinde später ab. „Rabbiner Trebnik ist wirklich der allerletzte, der die Gesundheit von Menschen aufs Spiel setzen würde“, sagt Jakubowski. Dazu kam: Wichtige Gäste und Künstler aus Israel hätten wegen der Pandemie nicht anreisen können.
Wenn möglich, sollen die Feierlichkeiten im nächsten Jahr nachgeholt werden. „Die Lage auf der ganzen Welt ist so verrückt“, sagt Shneur Trebnik. „Menschen erkranken, Menschen verlieren ihre Arbeit, Menschen sterben.“ Eine Jubiläumsfeier zu verschieben, damit könne man im Vergleich dazu leben.