Ulm / Christine Liebhardt  Uhr
Ein Gespräch über skurrile Erlebnisse, Klopausen und Dinge, die nur menschliche Fahrer einschätzen können.

Die Stadt kennt er so gut wie seine eigene Wohnung: Gerhard Heiser ist seit mehr als 30 Jahren Bus- und Straßenbahnfahrer bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm (SWU), und er liebt seinen Beruf. Wegen der Disziplin, weil er mit Menschen zu tun hat und nicht wie früher als Fernfahrer mit Gütern. Mit seinem Gesicht hat er schon mehrfach für seinen Arbeitgeber geworben, auf Flugblättern und sogar auf einem Bus ist er zurzeit zu sehen.

Als er 14 Jahre alt war, ist Heiser aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Damit der 59-Jährige es nicht weit zum Betrieb hat, lebt er in der Weststadt. Dort empfängt er im Wohnzimmer. Auf dem hübsch gedeckten Esstisch stehen Wasserkaraffe, Kaffeekanne und Waffelkekse. „Sie sind pünktlich, das ist sehr gut!“, begrüßt er die Reporterin.

„Der ganze Bus hat angefangen zu lachen“

Herr Heiser, sind Sie schon mal eine falsche Strecke gefahren?

Ältere Leute fragen sehr viel, das bin ich gewohnt. Aber trotzdem hat mich eine Frau mal durcheinander gebracht. Ich war am Ehinger Tor in der Linie 3 Richtung Wiblingen. Sie wollte unbedingt, dass ich über den Kuhberg nach Wiblingen fahre. Ich habe gewartet, bis sie in die für sie richtige Linie 4 gestiegen ist. Ich fahr’ los, und wo fahr ich hin?

An den Kuhberg?

An den Kuhberg! Der ganze Bus hat angefangen zu lachen und ich mit.

An mehreren Stellen finden in den nächsten Tagen nochmals Arbeiten statt. Teilweise mit Verkehrsbeeinträchtigungen.

Fahren Sie mehr Straßenbahn oder mehr Bus?

Ungefähr gleich. Aber ab dem 9. Dezember ändert sich das gesamte System bei der SWU, da fahre ich dann zu 90 Prozent Straßenbahn.

Was fahren Sie lieber?

Zurzeit ist die Straßenbahn besser. Die Straßenverhältnisse in Ulm sind katastrophal, und mit dem Bus spürt man jedes Schlagloch. Allerdings muss man in der Straßenbahn mehr aufpassen als im Bus.

Warum?

Der Bremsweg ist sehr lang. Die Straßenbahn ist sehr leise, und im Zeitalter von Handy und verstopften Ohren ist sie fast nicht mehr hörbar. Der Fahrer muss sehr auf die Leute acht geben.

„Vor 15 Jahren habe ich meine Ehefrau kennengelernt – im Bus“

Es gab ja mal Pläne für noch viel mehr Straßenbahnlinien.

Die große Enttäuschung war für mich, als die Linie 1 bis 5 geplant war, und dann der Bürgerentscheid dagegen kam. Das war eine Riesenchance, es wäre eine Riesenbereicherung für die Stadt gewesen. Wir wären heute führend im Süden. Wir hätten niemals Staus in Ulm. Viele hätten umgedacht.

Wahrscheinlich haben Sie in Ihrem Berufsleben schon so Einiges erlebt.

Oh ja, sehr viel. Aber eins nicht: keinen Unfall. Keinen einzigen.

Was sticht in Ihrer Erinnerung heraus?

Vor 15 Jahren habe ich meine Ehefrau kennengelernt – im Bus. Sie war damals erst vor ein paar Monaten aus Rumänien nach Ulm gekommen und wollte die Stadt erkunden. Da hat sie sich bei mir im Bus verfahren. Ich hab’ sie gefragt, woher sie kommt, und dann haben wir unsere Heimatsprache benutzt. Und da hab’ ich mich gleich verliebt und gesagt: Du wirst meine Frau. Jetzt habe ich zwei Söhne, 13 und 11, und führe eine Top-Ehe.

Was war das Skurrilste, das Ihnen passiert ist?

Ich fuhr vom Bahnhof Richtung Theater, da schrie jemand. Ein Kind, zwei Jahre alt, im Kinderwagen, keine Mutter da. Da habe ich angehalten. Ich habe die Leitstelle angerufen, die haben das Kind in Empfang genommen. Die Mutter war ausgestiegen, ist einkaufen gegangen und hatte ihr Kind vergessen.

Hat sich das Verhalten der Fahrgäste im Lauf der Jahre geändert?

Oh ja. Im negativen Sinn, leider. Die Aggressivität ist viel höher. Die Beleidigungsquote ist sehr viel höher. Wir brauchen ein dickes Fell.

Es gibt viele Beschwerden, dass der Bus vor der Nase wegfährt.

Wir haben eine Devise: Der Fahrgast wartet auf den Bus. Und nicht der Bus auf den Fahrgast. Um sicher fahren zu können, müssen wir pünktlich wegfahren.

Wie gehen Sie als Fahrer mit der Abschaffung der Ding-Card um? Haben die Kunden damit noch Probleme?

Mir haben die alten Leute sehr leid getan. Ich kann von einer 80-Jährigen nicht verlangen, dass sie ein Smartphone rumträgt, um Straßenbahn zu fahren. Ich versuche, zu helfen, wo ich kann mit den Automaten. Die sind idiotensicher und sehr einfach zu bedienen. Und es gibt viele hilfsbereite Menschen.

Was hat sich technisch über die Jahrzehnte noch verändert?

Früher haben wir ja noch Kassetten gehabt statt Ansagen. Da vergisst man mal, den Schalter zu drücken, oder im Winter kam die Ansage eiernd, weil die Kassette kalt war. Die Zielschilder mussten wir selber drehen. Das war ein Riesenaufwand.

Und heute?

Jetzt ist die Technik extrem weit fortgeschritten. Wir beeinflussen die Ampeln. Die Busse sind so konzipiert, dass wir eigentlich nur noch fahren. Allerdings viel zügiger als früher.

Werden Sie als Fahrer in zehn, zwanzig Jahren überhaupt noch gebraucht, oder läuft in der Zukunft dann alles autonom?

Die Technik ginge nur für die Straßenbahn, auf keinen Fall für den Bus. Auf vielen Strecken in Ulm kann nur der Fahrer entscheiden, wie schnell er fährt, was alles geschehen kann. Sonst gibt’s nur Tote. Ich fahr’ auf eine Person zu und ich weiß ungefähr, was sie denkt. Wenn ich Parallelverkehr habe, schau’ ich aufs Nummernschild und weiß ungefähr, was der für Fehler machen könnte. (Er lacht.) Ich sag’ keine Kennzeichen, ich will niemanden beleidigen.

„In die Hosen gemacht hat bisher noch keiner“

Wie machen Sie das eigentlich, wenn Sie mal auf die Toilette müssen?

Ich hab’ eine Strategie: Ich weiß, wann meine Schicht beginnt, ich weiß, wann die nächste Pause kommt, und so trinke ich auch. Aber natürlich gibt es auch Kollegen, die nicht so mit ihrem Körper klarkommen. Das ist im Grunde genommen ein Riesenproblem. Die Toiletten sind an den Endstationen, aber bis man dahin kommt, kann es eine Stunde dauern. In Notsituationen hält man am Ehinger Tor, dann passt ein Kollege kurz auf. In die Hosen gemacht hat bisher noch keiner.

Haben Sie eine Lieblingsschicht?

Vor Jahren Frühschicht, aber jetzt habe ich Kinder. Ich fahr’ lieber mittags oder Spätschichten. Aber es hängt auch von der Jahreszeit ab, im Sommer hat man nach der Frühschicht noch den ganzen Tag.

Wie sind Sie privat unterwegs?

Ich wohne in der Stadt – logisch fahre ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln! Das ist wie ein Privattaxi, um nicht zu sagen wie ein Privatchauffeur.

Was ist für Sie das Schönste an Ihrem Beruf?

Da gibt es mehrere Aspekte: Die Entwicklung der Technik hat mich immer gereizt. Die Schulung auf die neue Straßenbahn hab’ ich hinter mir. Toll, was da für Hochtechnologie drinsteckt, auch in den neuen Hybridbussen, das reizt mich jeden Tag. Dann die genaue Verplanung unserer Dienste. Ich weiß ein Jahr im Voraus genau, wie ich arbeite und kann mein Privatleben planen.

Das war früher anders?

Im Fernverkehr als junger Mann habe ich oft 20 bis 30 Tonnen am Tag von Hand laden müssen, ich war viel unterwegs, oft habe ich nicht geschlafen. Ich hab’ diese Unregelmäßigkeit gehasst und die körperlich schwere Arbeit. Diese Regelmäßigkeit und diese Disziplin, die bei uns herrscht, die macht mir richtig Spaß.

Freud und Leid – natürlich freuen sich Anwohner und Geschäftstreibende entlang der neuen Linie, dass sie nun endlich fahren wird. Aber viele können den Ärger wegen der Bauarbeiten nicht vergessen.

„Es muss ein Bild für Götter sein“

Wie beurteilen sie die Strecke der neuen Linie 2 aus Fahrersicht?

Ich kann mir vorstellen, wo es klemmen wird. An der Kreuzung am Theater sehe ich ein Problem, da muss der Individualverkehr sehr acht geben, weil wir gemeinsam nach links fahren. Wenn da einer wendet, dann knallt er in die Straßenbahn. Ansonsten sehe ich keine Probleme. Wir fahren auch schneller als die Linie 1, weil wir überwiegend auf einer eigenen Trasse fahren.

Freuen Sie sich, mit der Tram vom Kuhberg zum Eselsberg zu fahren?

Fragen Sie mich nicht, wie ich auf Nadeln stehe! Ich bin auf die neue Straßenbahnbrücke hochgelaufen und hab mir vorgestellt, ich bin noch 1,50 Meter höher in der Tram. Es muss ein Bild für Götter sein, dieser Blick über die Stadt. Das ist wie ein Gedicht. Ich weiß noch nicht, welche Fahrgeschwindigkeit wir haben werden, aber ich werde sie auf jeden Fall um zehn Prozent reduzieren.

Das könnte dich auch interessieren:

Bei einer Probefahrt auf der neuen Ulmer Straßenbahnlinie 2 hat sich am Donnerstag eine Panne ereignet: Eines der Fahrzeuge verlor seinen Stromabnehmer.

Fast zehn Jahre auf Traumjob gewartet

Werdegang Gerhard Heiser hat sich zunächst direkt nach der Bundeswehr bei den SWU beworben – ohne Erfolg, denn damals wurden gerade keine Fahrer gebraucht. So begann er seine berufliche Laufbahn als Fernfahrer bei Honold. Als die Linie 12 entstand, konnte er nach neun Jahren Wartezeit zu den SWU wechseln. Eigentlich könnte er in fünf Jahren in Rente gehen, aber: „Wenn die Gesundheit mitmacht, verlängere ich um zehn Jahre!“

Hobbies Heiser spielt beim SV Ljiljan Fußball und engagiert sich für den Verein. Den Urlaub verbringt er mit seiner Familie am liebsten auf Amrum.