Aktueller kann eine Ausstellung eigentlich gar nicht sein. Besser: können Ausstellungen gar nicht sein. Denn „Inspiration Meisterwerk“ und „Pirating Presence“, die jetzt im Museum Villa Rot in Burgrieden eröffnet wurden, sind zwar zwei Ausstellungen, im Kern drehen sie sich aber um das gleiche Thema: Kunst, die sich bei anderen bedient. Bei der Industrie, bei Medien, im Internet, aber auch bei den Ikonen der Kunst. Wo endet die Inspiration? Wo beginnt das Plagiat? Was ist das Entscheidende eines Kunstwerks? Die Idee? Die Ausführung? Die Farben? Was darf man damit anstellen, was nicht? Klingt irgendwie nach juristischem Seminar. Ist es aber gar nicht: Kurator Marco Hompes hat da vielmehr zwei Ausstellungen zusammengestellt, die vor allem eines machen: Spaß.

Meisterwerke haben Künstler schon immer fasziniert, sie kopierten sie, um sich zu schulen; sie adaptierten sie als Hommage. Mit der digitalen Verfügbarkeit von Kunst, der damit einhergehenden grenzenlosen Reproduzierbarkeit über Copy & Paste, hat dieser Umgang eine ganz neue Qualität bekommen.  Noch nie war es so einfach, Kunst zu kopieren und als Ausgangsbasis für eine ganz eigene Interpretation zu verwenden.

Wie mannigfach sich mit Ikonen spielen lässt, kann man im Museum Villa Rot in einer geradezu überbordenden Vielfalt anschauen. Da ist Jürgen Knubbens Nofretete-Variation, die mit 22 planen Flächen jeglicher Individualität enthoben ist, doch auf den ersten Blick erkennbar bleibt – und zugleich ins Hier und Jetzt verweist. Denn statt des Porträts einer Herrscherin hat Knubben 99 seiner Skulpturen angefertigt, sie „über die Vervielfältigung demokratischer gemacht“, wie Marco Hompe sagt.

Dieser Demokratisierungsgedanke findet sich immer wieder, aber auch der schmunzelnde Umgang mit berühmten Werken. So hat Susi Gelb der „Capri-Batterie“ von Joseph Beuys ein Update mit Energiesparlampe verpasst, Kasimir Malewitschs „Schwarzes Quadrat“ pimpt sie via Solarpaneel zur Nachhaltigkeit. Den eigentlichen Witz enthüllen die inszenierten Fotografien Chantal Michels erst bei genauerem Hinsehen. Denn erst dann bemerkt man, dass sie alle Figuren auf Ferdinand Hodlers nachgestellter „Die Nacht“ selbst verkörpert. Die meistzitierten Werke der Ausstellung stammen von Caspar David Friedrich. „Ich hätte damit eine ganze Ausstellung bestücken können“, sagt Hompes. Der auch seine eigene Theorie über das Warum hat. „Friedrich hat seine Bilder im Atelier gemalt, die Realität also schon selbst manipuliert.“ Wie auch immer: Gerade die Interpretationen seiner Werke stechen in der Ausstellung in Burgrieden heraus. Der Japaner Hiroyuki Masuyama hat sich etwa mit seiner Kamera zu den Kreidefelsen auf Rügen begeben, hunderte Detailfotos gemacht und die so arrangiert, dass sie wieder das Original Friedrichs ergeben – mit kleinen modernen Anleihen wie etwa drei japanischen Touristen, die die Aussicht genießen.

Gleich einen ganzen Raum hat Hompes für die Neuauflagen von Friedrichs „Eismeer“ reserviert, und die reichen bis zu Mathias Kesslers Kühlschrank, in dessen Eisfach eine kleine dreidimensionale Nachbildung liegt – darunter wird das Bier gekühlt, das die Besucher trinken dürfen, solange sie miteinander auf einer Biergartengarnitur diskutieren.

Ganz aus der Gegenwart schöpft dagegen die Künstlergruppe Pirating Presence in der Kunsthalle der Villa. Deren Mitglieder eignen sich massenmediale und popkulturelle Inhalte an, spielen etwa wie Susanne Wehr mit dem Internet. Sie hat bekannte Bilder durch die Bildersuche von Google gejagt, die vermeintlich ähnliche Motive sucht. Die Ergebnisse sind verblüffend.

Auf die Tapisserie besonnen hat sich Margret Eicher, die aber statt Schlachtengetümmel etwa Beyoncé als Botticelli-Venus in der Frankfurter U-Bahn in Szene setzt – als zehn Quadratmeter großen Webteppich, den Adi Hoesle via Software fotogenetisch auflöst. Solche Werkpaare haben die beiden auch schon im Schuhhausaal des Kunstvereins gezeigt.

Isabel Kerkermeister zerlegt ganz im Wortsinne Werbeplanen in ihre Bestandteile, ermöglicht so Durch- und Einblicke, Heidi Sills „Cuts“ zerschneiden die perfekten Porträts von Models. Und die Frage, ob man das darf, erledigt sich spätestens, wenn man sieht, dass auch Gerhard Richter seine Werke schon mal ähnlich fotogenetisch via Computer verfremdet hat, wie es Adi Hoesle mit Richters „Kerze“ in der Burgriedener Schau tut. Und damit ist man schon wieder bei einer unzweifelhaften Ikone der Kunst.

Variationen von Original und Aneignung


Ausstellungen Kurator Marco Hompes hat für seine Ausstellung „Inspiration Meisterwerk“ im Museum Villa Rot die Arbeiten von 16 Künstlern zusammengestellt, die berühmte Meisterwerke neu interpretieren. Zudem zeigen in der Kunsthalle des Museums Mitglieder der Künstlergruppe Pirating Presence Arbeiten, die ebenfalls auf der Basis von fremdem Material entstanden sind.  Beide Ausstellungen sind bis 10. Juni im Museum Villa Rot (Schlossweg 2, Burgrieden-Rot) zu sehen: Mi-Sa 14-17, So 11-17 Uhr.

Aktion Am 30. März, 16.01 Uhr, heißt es in Mathias Kesslers Installation „Eismeer“ „Bier nach vier“. Bei Freibier wird über Kunst diskutiert.