Zuerst hatte man kein Glück, und dann kam Pech dazu.“ Sagt André Dillmann, technischer Geschäftsführer der SWU Verkehr, über den Montag vor einer Woche, den er als „Härtetest“ für die Linie 2 bezeichnet. Es war der erste Werktag, in dem die neue Straßenbahnlinie vollen Betrieb fuhr – und sich auf ganzer Strecke verspätete, teils auf Schienenersatzverkehr umstellen musste oder ganz ausfiel.

Das Pech suchte die die Tram auch am Mittwoch nochmal heim: Gegen 12.50 Uhr ging eine Weiche am Theater kaputt – es ist schon die fünfte in den vergangenen zehn Tagen, weiß SWU-Sprecher Bernd Jünke. Zwei Stunden lang fuhr Schienenersatzverkehr, gegen 15 Uhr war die Tram wieder auf dem Gleis. Warum die Weiche defekt war, war noch unklar.

Nur wenige Stunden zuvor hatte Dillmann auf einer Pressekonferenz noch die Gründe für die Probleme am 10. Dezember nachgezeichnet. Die waren vielseitig: Erst war schon am Morgen ein RAB-Bus an der Haltestelle am Theater liegen geblieben: „Da war schon kaum noch was zu retten.“ Dazu kamen Türstörungen in der Tram und der durch den Bahnstreik zusätzliche Individualverkehr. Letzterer ist laut SWU mit ein Grund, weshalb es auf der Linie 2 auch zehn Tage nach der Inbetriebnahme immer noch nicht richtig rund läuft. „Es zeigt sich in den ersten Tagen, wo es klemmt“, sagt André Dillmann:

  • Im Lehrer Tal gibt es dort, wo die Straßenbahn nicht auf ihrer eigenen Trasse fährt, nachmittags einen starken Rückstau.
  • Ebenfalls nachmittags staut es sich rund um Beyerstraße, Hindenburgring und Ehinger Tor. Ein Grund dafür ist laut Dillmann, dass „die Autofahrer sich nicht an die Verkehrsregeln halten“ und am Ehinger Tor in Knotenpunkte hineinfahren, die sie nicht rechtzeitig freimachen.

Dort soll es im neuen Jahr Verbesserungen geben. Spezialisten justieren derzeit die 33 Signalanlagen auf der Strecke, schauen sich vor Ort den Verkehr an und stehen in den Straßenbahnen bei den Fahrern, um zu schauen, wo es hakt. „Wir sind auf einem guten Weg und werden immer stabiler“, versichert Dillmann. Verspätungen gebe es zwar immer noch, aber in der Regel fahre alle zehn Minuten eine Tram.

„Das ganze ist ein komplexes Rechensystem“, erläutert Baubürgermeister Tim von Winning. Zwar habe man ein Modell aufgesetzt, „aber jetzt merkt man, dass man das der Realität anpassen muss“. Dazu kommt, dass die Fahrer auf der Strecke erst noch Routine bekommen und derzeit am Hauptbahnhof besonders vorsichtig fahren müssen. Dort ist der Bahnsteig an den bahnhofseitigen Haltestellen so schmal, dass es viel Gedränge gibt und Fahrgäste auf die Straße ausweichen.

„Uns war klar, dass es unter Umständen nicht von der ersten Fahrt an alles pünktlich ist“, gibt Tim von Winning unumwunden zu. Dillmann ergänzt: „Da können Sie simulieren, so viel Sie wollen. Das System muss sich einschwingen.“ Viele Ampelanlagen seien erst wenige Tage vor der Inbetriebnahme installiert worden, sagt Ralf Gummersbach, Projektleiter für die Linie 2. Eventuelle Fehler müssten noch eliminiert werden. Bis die Feinheiten eingestellt sind, setzen die SWU den Fünf-Minuten-Takt am Nachmittag noch aus. Mitte, Ende Januar sollte dann aber endlich fahrplanmäßig gefahren werden können. Bis dahin stehen weiter vier Verstärker-Trams auf Abruf bereit.

Trotz der Anlaufschwierigkeiten habe es bislang keine Beschwerden gegeben, sagt Dillmann. Im Gegenteil: Das Verständnis der Fahrgäste sei hoch. „Das hätte auch anders sein können“, ist er sich sicher. Er hat festgestellt: „Die Ulmer lieben ihre Straßenbahn. Das hab’ ich noch in keiner anderen Stadt erlebt.“ Und der Wunsch von OB Gunter Czisch, die Bürger mögen die Straßenbahn in Besitz nehmen, sei in Erfüllung gegangen. Zählungen gebe es zwar nicht, aber: „Wir haben augenscheinlich mehr Fahrgäste in den Bahnen als vorher in den Bussen.“

Nur noch ein Platz für Rollstuhlfahrer im Avenio


Beschwerde Zum Fahrbetrieb der Linie 2 haben die SWU bisher keine Beschwerden erreicht, zu einem anderen Thema aber schon: In den neuen Avenio-Wagen gibt es nur noch einen Platz für Rollstuhlfahrer – im Combino sind es zwei. Dies sei einer neuen Norm geschuldet, erklärt Projektleiter Ralf Gummersbach auf Nachfrage.
Norm Sie sehe eine so genannte Anlehnhilfe vor, an die Rollstuhlfahrer mit dem Rücken zur Fahrtrichtung parken sollen. Dies sei sicherer, als die Rollstühle quer zu stellen, nehme aber mehr Platz in Anspruch, sagt Gummersbach. Die SWU weisen darauf hin, dass die Ausstattung des Avenio mit den Behindertenverbänden abgestimmt gewesen sei, sagt André Dillmann.