Stuttgart / Kathrin Schuler

Neujahrsempfang der Landesregierung im Neuen Schloss in Stuttgart, 700 Gäste, Ministerpräsident Winfried Kretschmann – und ein Ulmer Schulchor, der für die musikalische Umrahmung sorgen soll. Aufgeregt? Sind die Sänger des Jungen Kammerchors des Humboldt-Gymnasiums trotzdem nicht. Klar, eine Ehre sei eine solche Einladung auf jeden Fall. „Aber das sind ja auch nur Menschen“, meint Alex. Und falls etwas schiefgeht? „Da mache ich mir eigentlich keine Sorgen“, sagt Nikoletta.

Trotzdem wird zwei Stunden vor dem Auftritt ein letztes Mal geprobt. Aufwärmen, einsingen, die Stimme lockern. Während im Hintergrund Techniker und Personal eifrig werkeln, schallt „Freude, schöner Götterfunken“ aus 26 Kehlen durch den Marmorsaal. „Lasst den Luftstrom fließen, alles schön legato – jetzt wird’s gut!“, sagt Guido Bauer. Der Chorleiter ist zufrieden, die Schüler sind fokussiert und bestens vorbereitet. „Ich mache mir fast gar keine Sorgen, dass irgendetwas nicht klappt“, sagt er.

Nervosität? Eher Vorfreude

Kleinigkeiten können Guido Bauer sowieso nicht aus der Ruhe bringen. Schon im Zug von Ulm nach Stuttgart gab es die erste kleine Panne: Ein Schüler hatte seine Noten vergessen. Darauf ist der Chorleiter aber vorbereitet: „Mit sowas muss man immer rechnen, darum habe ich Ersatz dabei.“ Auch die Schals und Krawatten, die obligatorische Ausstattung der Chorsänger, bringt er darum vorsorglich lieber selbst mit.

Noch eine Stunde bis zum Auftritt. Während um die Ecke die geladenen Gäste eintrudeln, werden die letzten Vorbereitungen getroffen, Krawatten gebunden und das passende Schuhwerk ausgepackt. Ob mittlerweile Nervosität aufkommt? „Eigentlich nicht. Eher Vorfreude“, sagt Vicky. Die Aufregung komme erst kurz bevor es losgeht. „Die hilft aber, damit man sich besser konzentrieren kann“, sagt Nicolas.

Endlich ist es soweit, die scheinbar endlose Warterei im Nebenflügel ist überstanden. Im Marmorsaal drängen sich die Amtsträger mittlerweile wie Sardinen in der Dose. Mindestens genauso eng aufgereiht steht der Chor neben der Bühne, während Winfried Kretschmann über Europa und die Zukunft spricht. So richtig auf seine Worte konzentrieren können sich die Schüler nicht, schließlich gibt es noch letzte Anweisungen – und eine kurzfristige Programmänderung.

Doch dann wird erst einmal gesungen: „Die Gedanken sind frei“ und das eigens mehrsprachig arrangierte „Go in Peace and Love“ passen perfekt zum Europa-Thema des Abends. Zwar ist die Akustik im Marmorsaal jetzt, mit den vielen Menschen, um einiges trockener als bei der Probe. Doch die klaren jungen Stimmen transportieren den Klang trotzdem bis in jede Ecke – und per Mikrofon und Video-Übertragung in die anderen Säle des Schlosses. Bravourös, findet auch das Publikum.

Nach nur zwei Liedern ist der Auftritt allerdings schon vorbei – ohne „Freude, schöner Götterfunken“ nämlich. Eigentlich hätte der Junge Kammerchor Beethovens „Ode an die Freude“ gemeinsam mit den Gästen und einem Bläserensemble anstimmen sollen, doch kurz vor knapp kam die Nachricht: „In Brüssel wollte man nicht, dass die Europahymne gesungen wird“, sagt Guido Bauer achselzuckend. Zu hören ist das Stück dann doch, allerdings nur instrumental.

Doch auch so ist es ein gelungener Auftritt, und ein Stück der Schwarzwälder Kirschtorte, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann später am Abend anschneidet, ist für die Schüler auch noch drin, bevor es zurück nach Ulm geht.

„Keine Anweisung aus Brüssel“

Der Regierungssprecher teilte gestern Abend auf Anfrage noch mit, es habe keine „irgendwie geartete Bitte oder gar Anweisung aus Brüssel“ gegeben. Die Entscheidung für die rein instrumentale Ausführung der Europahymne habe das Staatsministerium getroffen. Diese Fassung sei „durchaus üblich“. In der Tat: Auch um keine Sprache zu bevorzugen, ist die Europahymne kein Chorstück mit deutschem Text, sondern eine Instrumentalfassung der „Ode an die Freude“ aus dem vierten Satz der neunten Sinfonie Ludwig van Beethovens.