Ulm / Henning Petershagen  Uhr

Lustige Witwen mag es auch im ausgehenden Mittelalter gegeben haben, aber die entsprachen keineswegs der damaligen Idealvorstellung. Die sah vor, dass die Gattin des Verblichenen diesem weiterhin bedingungslos diente, indem sie sich betend, büßend und durch fromme Stiftungen mühte, seine Sündenschuld abzutragen und ihm so den Weg ins himmlische Jerusalem zu ebnen. Was der gläubige Christ damals von einer Witwe erwartete, das hat der Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri in seiner 1481 verfassten Schrift „Vom Witwenstand“ zusammengefasst. Diesen Leitfaden für ein gottgefälliges Witwendasein hat die Kulturhistorikerin Britta-Juliane Kruse untersucht.

Das Grundprinzip eines witwengemäßen Verhaltens war recht einfach: Jesus, der Herr über Leben und Tod, trat an die Stelle des verstorbenen Ehemanns. Insofern landete die Witwe hinsichtlich ihrer Beziehung zum anderen Geschlecht auf derselben Stufe wie eine Klosterfrau, deren einzige männliche Bezugsperson Jesus Christus zu sein hatte. Folgerichtig sollte die ideale Witwe auch das Leben einer Klosterfrau führen: zurückgezogen, der Welt entsagend und dem Glauben frönend durch regelmäßiges Gebet und ständigen Besuch von Predigten. Erst die Reformation hat laut Kruse diese Praxis ersetzt – durch das Ideal der zügigen Wiederheirat und einer protestantischen Ehe.

Fabri wusste freilich, dass Witwe nicht gleich Witwe ist. Basierend auf den Lehren der Kirchenväter nahm er daher eine systematische Einteilung vor, die mit dem Familienstand begann. Den höchsten Rang räumte er den keuschen Jungfrauen ein, gefolgt von keusch gewordenen Witwen. Auf Rang drei landeten die Ehefrauen, die sich freilich verbessern konnten, wenn sie sich in puncto Keuschheit den beiden ersten Rängen näherten.

Fabris nächstes Ranking betraf die Witwen als solche. Hier unterschied er vier Kategorien. An erster Stelle stehen jene, für welche der Verlust des Gatten keineswegs den Abschied vom Geschlechtsleben bedeutet, gewissermaßen die lustigen Witwen. Zur zweiten Kategorie zählt er keusche Witwen, die ein Ende ihrer Keuschheit herbeisehnen. Der nächsthöheren gehören die „wahren Witwen“ an, die sich für ewige Enthaltsamkeit entschieden haben. Die höchste Stufe haben jene erreicht, die darüber hinaus die Armut wählten und damit den Nonnen und Beginen gleichen. Das sind die „heiligen Witwen“, für welche die Bibel Vorbilder lieferte.

Fabri und seine Kollegen fühlten sich in der Lage, Witwen, die ihnen wohl kaum ihre geheimen Wünsche mitteilten, jenen Gruppen zuzuordnen. Als Maßstab galt deren Kleidung und Auftreten, ihre Gestik, ihr Gang und die Art, wie sie lachten, sprachen, aßen und tranken. Der Dominikanermönch sprach ob solcher Offensichtlichkeiten konkrete Empfehlungen aus, was etwa das Vermeiden von Luxus bei Kleidung und Schmuck betraf.

Das deutet darauf hin, dass seine Zielgruppe eher wohlhabende Damen waren, die sich entsprechende Extravaganzen hätten leisten können. Dasselbe gilt für seine Empfehlungen hinsichtlich des Umgangs: Um nicht in Verruf zu geraten, galt es, Abstand zum Personal, zu Sängern, Spielleuten, Gauklern zu halten Stattdessen riet er zu kontrollierter Gesprächsführung mit Beichtvätern, Geistlichen und älteren Vermögens- und Rechtsberatern.

Auch dem Selbstschutz der Witwen sollte der Kanon von Verhaltensregeln dienen, die Fabri empfahl: Spaziergänge, Teilnahme an der Jagd, auch mit Falken, sowie das Fischen sollten ebenso unterbleiben wie der Besuch von Märkten und Plätzen. Ganz konkret verurteilte er Herumschreien und Hüftenschwingen. Stattdessen sollte die Witwe zu Hause bleiben, und zwar so, dass man sie möglichst weder sah noch hörte. Nicht einmal ein Haustier gestand der Frater den ratsuchenden Wittfrauen zu. Hunde, Katzen, Eichhörnchen, Vögel und Affen seien eine teure Form der Zeitverschwendung.

Bibellesen hingegen führe zur Erleuchtung und Vervollkommnung. Besonders bemerkenswert ist das Schreibverbot, das Fabri, der Vielschreiber, den Witwen erteilt: Selbst wenn sie begabt seien, sollten sie das Verfassen von Büchern unterlassen. Es sei schon genügend geschrieben und niemand warte auf ihre Ansichten.

Angesichts all dieser Ratschläge zur gottgefälligen Lebensführung, die freilich keine Erfindung Fabris, sondern damals herrschende Auffassung waren, ist es kein Wunder, dass tatsächlich viele Witwen, vor allem wohlhabende, ins Kloster eingetreten sind. Dafür hatten sie im Übrigen auch noch eine Mitgift zu entrichten. Ihnen wies Fabri eine besondere Rolle zu: Als Multiplikatorinnen sollten sie dafür sorgen, dass die Inhalte und Forderungen seines Witwentraktats unter weiteren Witwen Verbreitung fänden.

„Die Welt des Felix Fabri“

Britta-Juliane Kruses Aufsatz über Felix Fabris Witwenbuch ist einer von insgesamt elf Beiträgen im kürzlich erschienenen Band „Die Welt des Frater Felix Fabri“. Herausgegeben haben ihn die Fabri-Experten Folker Reichert und Alexander Rosenstock. Das Buch basiert auf einer wissenschaftlichen Tagung über den Ulmer Dominikaner-Frater, die anlässlich des 500-jährigen Bestehens der Ulmer Stadtbibliothek im Jahr 2016 in Ulm stattgefunden hat. Er enthält die Vorträge jener Tagung, erweitert um die Arbeit Kruses über das Witwenbuch und einen Beitrag Folker Reicherts über Maximin von Rappenstein, der Fabri auf dessen Pilgerreise ins Heilige Land begleitet hat. Im Übrigen geht es unter anderem um die Klosterreform jener Zeit, um den Buchdruck und nicht zuletzt um Fabris Latein. pn

Folker Reichert, Alexander Rosenstock (Hg.): Die Welt des Felix Fabri. Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Ulm, Band 25. Anton H. Konrad Verlag Weißenhorn, 286 Seiten, 39.80 Euro.