Literatur Hermann Hesse und Ulm

Hermann Hesse im Jahre 1927.
Hermann Hesse im Jahre 1927. © Foto: mauritius images / Alamy
Ulm / Von Jürgen Kanold 06.11.2018

Mit Harry Haller, dem faustisch zerrissenen Intellektuellen, haben es jetzt die Deutsch-­Abiturienten zu tun: Hermann Hesses „Steppenwolf“ ist ein Sternchenthema. 1946 erhielt der Ulmer Siegfried Unseld auch von seinem Lehrer, Eugen Zeller, den „Steppenwolf“ in die Hand gedrückt: Er las das Buch derart ­begeistert, dass er nicht nur bei Aegis eine Buchhandelslehre absolvierte, sondern Literatur studierte, über Hermann Hesse pro­­movierte – und bekanntlich bei Suhrkamp der berühmteste Verleger der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde. Lernen und lesen fürs Leben!

Eugen Zeller war ein guter Freund Hesses, der mit dem späteren Nobelpreisträger schon im April 1904 in der „Schwarzen Henne“  hinter dem Gänsturm die Nacht durchzecht hatte. Hesse, damals 26 Jahre alt, hatte gerade „Peter Camenzind“ veröffentlicht. Sein Halbbruder Karl Isenberg hatte ihn auf seinen Ulmer Studienkollegen aufmerksam gemacht. Isenberg war Hilfslehrer in Ulm, wo ihn Hesse schon 1901 besucht hatte: „eine behagliche, bürgerlich stattliche Stadt, vom Münster beherrscht“.

Jene fernen Tage

1904 nützte Hesse einen längeren Aufenthalt in München, um nach Ulm zu fahren und Zeller zu treffen. In einem Brief vom 4. Januar 1947 schreibt Hesse: „Ihre Erinnerungen an jene fernen Tage und die schwarze Henne machen mir rechte Freude . . . Aber daß Sie mir damals zum Heiraten rieten, war nicht recht von Ihnen, alter lieber Freund, meine Heiraten sind nicht das in meinem Leben, woran ich mit Freude, gutem Gewissen oder Stolz denken könnte . . .“ 1924 heiratete der von Maria Bernoulli längst wieder geschiedene Hesse zum zweiten Mal, und zwar die junge Sängerin Ruth Wenger – was aber auch nicht gut ging. Und so ehelichte diese Dame im Jahr 1930 wiederum den in Neu-Ulm geborenen und in Ulm aufgewachsenen Schauspieler Erich Haußmann, der auch am Ulmer Theater auf der Bühne gestanden hatte – und der war der Vater des DDR-Stars Ezard Haußmann und Großvater des Schauspielers und Regisseurs Leander Haußmann . . .

Unglaublich, diese biografischen Verästelungen Hesses mit Ulm! Wer das alles recherchiert und aufgeschrieben hat, das sind die in Ulm und Neu-Ulm lebenden Bibliothekare Jan Haag und Bernd Michael Köhler. „Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm“ heißt ihr jüngst bei Klemm+Oelschläger erschienener feiner Band über Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt.

Als die Kulturredaktion der SÜDWEST PRESSE vor zehn Jahren die Leseraktion „Fundstellen“ startete und nach Spuren Ulms in der Literatur fahndete, war Bernd Michael Köhler mit einem Buch seines „lebensbegleitenden Lieblingsdichters“ sofort dabei und empfahl „Die Nürnberger Reise“, eine auch selbstironisch autobiografische Erzählung Hesses, die 1927, fast parallel zum „Steppenwolf“, bei S. Fischer herauskam. Auf fünf Seiten schildert Hesse „die Beobachtungen und Wahrnehmungen“ seines Aufenthalts in Ulm im November 1925, als er, auf Einladung von Julius Baum, dem Leiter des Ulmer Museums,  dort aus seinem Werk las.

Lesungen mochte Hesse eigentlich gar nicht, aber: „In Ulm nun war diese Sache nicht schwierig. Nicht nur gab es im Saal einige freundliche und bekannte Gesichter, sondern auch im ganzen war ich unter Freunden, war in Schwaben, zu Hause . . .“ Und er genoss auf seinen Rundgängen das alte Ulm, „diese außerordentlich schöne und originelle Stadt“.

Haag und Köhler aber haben nun, von dieser Ulm-Episode ausgehend, noch viele weitere Fundstellen entdeckt. Sie porträtieren ebenso die besagten Freunde: neben Zeller auch Hesses alten Schulfreund Wilhelm Häcker, den er oft in Blaubeuren besuchte. Und natürlich Eugen Link, Sohn einer Laupheimer Beamtenfamilie, der in Ulm eine Militärkarriere machte – was den Pazifisten Hesse nicht störte – und der 1916 die Ulmerin Lydia Wieland heiratete, die Tochter des Geheimen Kommerzienrats und Chefs der Wieland-Werke, Philipp Wieland. So wohnte die Familie Link dann auch standesgemäß in einer Villa in der Neutorstraße 7, Ecke Olgastraße, wo seit 1969 das Ulmer Theater steht.

Entsprechend boten die Links dem Freund eine großzügige Unterkunft, was Hesse in der „Nürnberger Reise“ dokumentierte. So schreiben die Ulmer Hesse-Experten: „Die Freude am Genuss bürgerlicher  Behaglichkeit gehört zu den vielen Facetten von Hesses Persönlichkeit.“ Das ist auch bei seinem Alter Ego, dem Steppenwolf Harry Haller, so.

Biografie mit Ulmer Spuren

Das Buch „Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm“ heißt das Buch von Jan Haag und Bernd Michael Köhler – erschienen im Verlag Klemm+Oelschläger in Ulm, 115 Seiten, 12.80 Euro. Die Autoren erzählen fundiert die Ulmer Aspekte im Leben des in Calw geborenen Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877-1962).

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel