Die Umbenennung der Heilmeyersteige in Ulm wurde in einer streckenweise leidenschaftlich geführten Debatte des Gemeinderats in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause mit großer Mehrheit beschlossen. Lediglich die drei FDP-Stadträte stimmten dagegen, aus den Reihen der Freien Wähler gab es vier Enthaltungen.

Warum wird die Heilmeyersteige umbenannt?

Grundlage für die Entscheidung sind neue Erkenntnisse zur Biografie Ludwig Heilmeyers (1899 bis 1969). Der berühmte Hämatologe und spätere Gründungsrektor der Uni Ulm soll während der Nazizeit enge Kontakte zum Regime gesucht und nach Kriegsende ein Männernetzwerk gepflegt haben, das Mediziner des NS-Regimes schützte.

Beleg für Nazi-Vergangenheit des Gründers der Uni Ulm

Das belegt auch eine Stellungnahme des Ulmer Medizinhistorikers Prof. Florian Steger, das die Stadt zusätzlich eingeholt hatte. Er kommt zum Schluss dass Heilmeyer zwar kein überzeugter Nazi, aber ein opportunistischer Karrierist war. So habe er etwa die NS-Dozentenschaft geführt und Arbeiten jüdischer Kollegen als eigene ausgegeben.  Steger: „Vorbildliche Charaktereigenschaften sind nicht zu erkennen.“ Die Kriterien für eine Umbenennung seien „reichlich“ erfüllt, Heilmeyer eine „erheblich belastete Person“.

FDP hat Zweifel: Keine konkreten Tatvorwürfe

Dies bezweifelte FDP-Stadtrat Erik Wischmann. Ein Vorbild sei der Mitläufer Heilmeyer zwar wahrlich nicht. Aber konkrete Tatvorwürfe erhebe das Gutachten eben auch nicht. „Es geht hier nicht um einen Kriegsverbrecher wie Göring, sondern um einen Opportunisten. Deshab einen Bildersturm zu veranstalten, ist unnötig.“ Immerhin seien von der Umbenennung 1000 Anwohner und 100 Immobilieneigentümer betroffen, „denen wir Unannehmlichkeiten bereiten“. Machten derart niedrige Hürden Schule, stehe zudem zu befürchten, „dass wir in Deutschland bald ganze Straßenzüge und vielleicht sogar Städte umbenennen müssen“.

Widerspruch der CDU: Kein Vorbild für öffentlichen Raum

Massiver Widerspruch kam von CDU-Fraktionschef Thomas Kienle. „Es geht nicht um einen Bildersturm.“ Heilmeyer habe sein Wissen als Arzt „in den Dienst der NS-Vernichtungsmaschinerie gestellt“ und später versucht, „sich mit Lügen reinzuwaschen“. Bereitschaft zum Umdenken habe er zeitlebens nicht gezeigt. Er stehe für ein „Weltbild, das mit unserem nichts gemein hat“. Als Vorbild im öffentlichen Raum habe Heilmeyer nichts zu suchen. „Opportunismus darf keine Schule machen.“

Emotionaler Einwurf der SPD

Stadträtin Dagmar Engels (SPD) brachte zusätzliche Emotionalität in die Debatte, als sie von einem ein paar Jahre zurückliegenden Besuch in der ehemaligen Krakauer „Judenstadt“  berichtete. Dort habe Heilmeyer mit dem als „Schlächter von Polen“ bezeichneten und später von den Alliierten als Hauptkriegsverbrecher hingerichteten Hans Frank regelmäßig zum Schachspiel getroffen. „Das ist auch eine Belastung für die Menschen, die heute in der Heilmeyersteige wohnen.“

Umbenennung: Wer zahlt für neue Dokumente der Anwohner?

Geplant ist jetzt seitens der Stadt, die Anwohner über das Umbenennungsverfahren zu informieren und Einwände zu sammeln. Alle Kosten für Adressänderungen auf Dokumenten, Ausweisen, Kfz-Papieren und Co. will die Stadt Ulm übernehmen. Die Umbenennung soll im Dezember 2020 im Zusammenhang mit dem Fahrplanwechsel erfolgen.

Diskussionen um den Namen Heilmeyer gab es auch in anderen Städten. Freiburg und Günzburg haben entsprechende Straßen bereits umbenannt.

Wie soll die Heilmeyersteige künftig heißen?

Beschluss: Wie die Heilmeyersteige künftig heißen wird, ist offen. In den nächsten Monaten können die Gemeinderatsfraktionen aber auch Bürger Vorschläge einreichen, heißt es bei der Stadt. Allerdings gebe es einen Beschluss des Gemeinderates aus dem vergangenen Jahr, bei der Umtaufe möglichst auf Personennamen zu verzichten.

Mediziner: Der künftige Name dürfte somit insofern aus dem Rahmen fallen, da viele benachbarte Straßen im Viertel nach Ulmer Medizinern benannt sind. Im Laufe des nächsten Jahres wird der Gemeinderat den neuen Namen beschließen.

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