Innenstadt Handel fordert Hilfe gegen Gewalt und Drogen in der City

Herbstliche Tristesse in der oberen Bahnhofstraße. Hier erleben die umliegenden Geschäfte zunehmend Gewalt und Drogenhandel. Sie fordern mehr Hilfe von Stadt und Polizei.
Herbstliche Tristesse in der oberen Bahnhofstraße. Hier erleben die umliegenden Geschäfte zunehmend Gewalt und Drogenhandel. Sie fordern mehr Hilfe von Stadt und Polizei. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Frank König 08.11.2017
Der Ulmer Innenstadthandel klagt über Gewalt und Drogen. Sport Sohn zeigte Videos mit brutalen Schlägereien in der oberen Bahnhofstraße. Die Polizei will die neue Problemzone im Blick behalten.

Aus Sicht des Ulmer Handels sorgen aggressive Flüchtlinge, Drogendealer,  Bettlerbanden und eine zunehmende Zahl von Ladendieben für unhaltbare Zustände in der oberen Bahnhofstraße, vor allem im Umfeld des Mc Donald’s-Containers, Sport Sohn und Peek & Cloppenburg – neuerdings auch hinter den Handelshäusern zur Sedelhofgasse hin. Die Security von Sport Sohn zeigte beim ersten runden Handels-Stammtisch der CDU im Ratskeller brutale Videos von den Schlägereien. Security-Chef Sertan Cam sagte, er kenne zwischenzeitlich „alle Gruppen“, die sich in dem Quartier aufhalten, darunter Afghanen und Syrer. Es komme auch zu Auseinandersetzungen von Flüchtlingsgruppen, die aus mehreren Heimen wie Langenau und Biberach anreisen. Es gab zudem eine Großschlägerei mit mehr als 100 Personen, bei der später die Polizei eingeschritten sei. Bei Sport Sohn habe man im Kontext von Ladendiebstählen mehrere Hausverbote ausgesprochen: „Wir haben die Namen, alles“, sagte Cam. Die Polizei unternehme jedoch zu wenig.

Schockierende Szenen

CDU-Fraktionschef Thomas Kienle will das Thema am Mittwoch bei einer Sicherheitskonferenz im Rathaus zur Sprache bringen. Die Einzelhändler konnten ihre Sorgen schon am Dienstag bei einem von Citymanager Henning Krone in die Wege geleiteten Termin mit OB Gunter Czisch vortragen. Kienle zeigte sich schockiert nach den Videos. Er wolle keine Sequenzen mehr sehen, in denen sich in Ulm junge Schläger auf den Kopf treten, während nebenher der Straßenkehrer in aller Seelenruhe die Mülleimer leert. Notfalls will Kienle eine öffentliche Videoüberwachung wie in Mannheim.

Seitens P & C berichtete Chefin Ute Dieterich, dass sich vor allem am Wochenende insgesamt drei Gruppierungen hinter den Geschäften an der Sedelhofgasse treffen: „Da fahren dann vier, fünf BMW vor.“ Am Personaleingang herrsche trotz der neu installierten Videoüberwachung zunehmend Angst. Die Gruppen hätten schon auf ihr Auto geschlagen, ihre Mitarbeiterinnen seien „unflätig“ beschimpft worden.

Gleichzeitig sei die Diebstahlquote enorm gestiegen: „Die klauen bandenmäßig.“ Zuletzt hätten sich fünf Männer auf einer Etage des Ladens verteilt, die man nicht alle dingfest machen konnte. Die Polizei lasse sie ohnehin rasch wieder laufen, so dass sie sogar zu P & C zurückkommen könnten: „Die Mitarbeiterinnen haben Angst.“ Die Rechtsprechung habe anscheinend zunehmend keine Handhabe mehr. So bekomme man von den Strafverfolgungsbehörden nach einer Anzeige meist die Mitteilung, dass das Verfahren eingestellt wurde oder der Beschuldigte nicht mehr auffindbar sei. Seitens Schuhpoint Tress berichtete Frank Tress von einem weiteren Hotspot an der Dreiköniggasse, wo sich demnach Kasachen treffen, mit massiven Drogen- und Alkoholproblemen. Auch gestohlene Fahrräder würden dort umgeschlagen, die Webergasse diene als Toilette. Das Rathaus wolle aber die Bänke nicht abbauen. Das Württembergische Reisebüro in der Wengengasse hat keine billigen Bahn- und Flixbus-Tickets mehr: um schwierige Kundschaft abzuhalten.

Dealer treten offen auf

Citymanager Krone erzählte davon, dass unweit in der Ulmer Gasse die Fenster des Kinderparks abgeklebt werden mussten, weil Jugendliche dort bewusst vor den Kindern ihre Notdurft verrichten. In der Bahnhofstraße übergeben sich Drogenabhängige nach den Worten von Sport-Sohn-Chef Christoph Holbein regelmäßig gegen die Schaufenster. Vor allem am Baumrondell bei der Apotheke hielten sich täglich 20 bis 30 Personen auf. Es gibt Videos davon, wie dort Drogenersatzstoffe gehandelt und auf offener Szene Handwerkerautos aufgebrochen werden, zudem von Schlägereien der Dealer. Nicht nur Kunden, auch Mitarbeiter seien verängstigt. Früher oder später blieben die Lehrlinge weg.

Bei der Polizei räumte Sprecher Wolfgang Jürgens ein, dass die obere Bahnhofstraße zur Problemzone werde, weil sich auch Gruppen vom Bahnhofsvorplatz wegen der Baustellen hierher zurückgezogen hätten. Es sei auch klar, dass sich Drogenersatz-Praxen im Umfeld befinden und Süchtige erhaltene Substanzen illegal weiterverkaufen. Man könne in einer Fußgängerzone nicht einfach Platzverweise aussprechen, müsse aber diese neue Entwicklung zweifellos stoppen.

Holbein stellte in dem Kontext die Frage, inwieweit Handel im Zuge der neueren Stadtplanung in Ulm überhaupt noch erwünscht sei: „Wir haben das Gefühl, dass wir das Problem sind.“ Michael Ratter sagte, die Frequenz in der City lasse wegen der Baustellen vor allem samstags stark nach. Man müsse diesem Trend dringend entgegentreten.

Mehr Präsenz der Polizei in der Vorweihnachtszeit

Sicherheitsdebatte Die Sicherheit in der Hirsch- und Bahnhofstraße war Thema eines Gesprächs gestern im Rathaus mit OB, Händlern, Bürgerdiensten, Streetworkern und Polizei. Darin wurde nach Mitteilung der Stadt vereinbart, dass Polizei, Kommunaler Ordnungsdienst, private Security und Streetworker in der Vorweihnachtszeit mehr Präsenz zeigen. Man habe sich mit dem Handel angenähert, sagte Polizeisprecher Jürgens. Bei einem Runden Tisch heute geht es allgemein um die Sicherheit und Ordnung in der Innenstadt, etwa um Einbrüche, Kleinkriminalität und Veranstaltungssicherheit.

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