Die wunderlichsten Blüten treibt dieser Ort: Lichterketten wachsen aus der Holzpalme im Gleis 44. „Die Palma Gleisensis galt ja lange als ausgestorben“, doziert Raffael Schmidt, „sie ist das letzte Exemplar ihrer Art.“ Die Zwischennutzung als Garten für seltene Gewächse – ein schönes Bild für kulturellen Wildwuchs.

Genau dafür hat die Stadt Ulm das Areal vor einem Jahr freigegeben: Am 1. Juni 2018 hatten Samuel Rettig, Paul Kost und Raffael Schmidt die Schlüssel für das ehemalige Bahngebäude in der Schillerstraße 44 in Empfang genommen. Seither ist einiges gesprossen, manches wieder eingegangen, anderes hat Wurzeln geschlagen, insgesamt kann man getrost sagen: Der Garten blüht.

Club für Elektro-Musik, Ort für Künstler

Zusammengewachsen sei das Team von etwa 15 Aktiven, sagt Rettig: „Das hat sich eingegroovt.“ Ehrenamtliches Engagement braucht’s, denn viel Gewinn wirft das Gleis 44 laut der Veranstalter nicht ab, allerdings müssen sie auch keine Miete an die Stadt bezahlen. Alle anderen Kosten sollte der Club-Betrieb reinholen, was wohl halbwegs aufgeht.

Als Club vor allem für elektronische Musik ist das Gleis 44 denn auch bekannt, und damit füllt es vor allem für junge Clubgänger eine Lücke in der Stadt. Daneben besiedeln nach wie vor Künstler den ersten Stock, die Werkstätten sind weiter in Betrieb, die hauseigene Theatergruppe stellt demnächst ihr Projekt vor, außerdem ist die Flüchtlingshilfe eingezogen. Wieder ausgezogen sind die Studenten der HfK+G. Denn nicht jede Idee hat die „abenteuerliche Achterbahnfahrt“ (Rettig) des ersten Jahres überlebt: „Der Weihnachtsmarkt war nicht das Beste, was wir je gemacht haben“, meint Raffael Schmidt – der Flohmarkt „Güterbahnhof“ hingegen findet am Samstag wieder statt.

Zahlreiche Veranstaltungen und Projekte

Anderes fand überraschend viel Anklang, wie die Klavierkonzerte, das Ballett, auch das Kindertheater. Am erstaunlichsten sei die Sache mit den Vorträgen: „Wir dachten niemals, dass das funktioniert, aber wir mussten sogar Leute abweisen“, sagt Samuel Rettig. Abende zu aktuellen Themen wie Nachhaltigkeit werde es weiterhin geben, etwa in Zusammenarbeit mit Seebrücke oder der Ebert- und der Böll-Stiftung: „Die sind froh, dass sie hier junge Leute erreichen“, sagt Rettig. Und wenn wir schon bei der Politik sind: Gegen den „Anti Fascho Besen“ vorm Haus sei prompt Protest der AfD gekommen – umso stolzer steht er neben der Eingangstür.

Allgemein gilt für Rettig: „Wir wollen beibehalten, dass wir Dinge einfach ausprobieren, wenn jemand mit einer Idee kommt.“ Die neueste ist sozusagen auf dem eigenen Kompost gewachsen: Im Spätsommer soll eine Messe für Ulmer Einzelhändler stattfinden, die nicht im Internet verkaufen. „Alles offline – das gilt ja auch für uns“, sagt Raffael Schmidt in humoriger Verzweiflung über den Umstand, dass die Website immer noch nicht fertig ist.

Lob von der Stadt Ulm, Kritik von den Nachbarn

Und was ist mit den Nachbarn? Im Herbst hatte die SÜDWEST PRESSE ein Leserbrief aus der Schillerstraße 43 erreicht, Überschrift: „Der Albtraum der Anwohner“. Im Großen und Ganzen, sagt Schmidt, habe man sich arrangiert und beim Lärmschutz im Club nachgebessert. Die Fenster sind regelrecht verbarrikadiert, Konzerte im Biergarten sind nicht erlaubt. „Wenn etwas stört, versuchen wir, Abhilfe zu schaffen“, sagt Schmidt. Und so ist man auch bei der Stadt voll des Lobes: „Aus unserer Sicht läuft’s super“, sagt Sabine Schwarzenböck vom Kulturamt. „Hellauf begeistert“ ist Dirk Feil, Geschäftsführer der Sanierungstreuhand Ulm. „Eine Bereicherung für das ganze Gebiet“ sei das Gleis 44 – und Beschwerden der Nachbarn gingen auch nicht mehr ein.

Wenn man die fragt, klingt das allerdings etwas anders: „Richtige Verbesserungen haben sich nicht ergeben“, sagt Christian Goldmann aus der Schillerstraße 43. Gegen die Elektro-Bässe komme der verbesserte Lärmschutz nur „minimal“ an. Die Geräuschkulisse sei zwar etwas besser geworden, sagt wiederum der direkt angrenzende Nachbar, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er wolle aber, dass die Veranstalter die vorgeschriebenen Richtwerte einhalten. In der Nummer 43 habe man sich geschlagen gegeben, meint Goldmann. „Wir sehen wenig Erfolgsaussichten, weil wir den Eindruck haben, dass die Stadt ihre schützende Hand drüber hält.“

Die Stadt in Gestalt von Baubürgermeister Tim von Winning verweist darauf, dass der rechtliche Rahmen eingehalten werde. Natürlich sei die Gegend früher sehr ruhig gewesen, aber derlei verändere sich: „Das gehört zu den Belastungen, die man in der Innenstadt hat.“ Er höre, dass das Gleis 44 sehr gut angenommen wird: „Viele Menschen freuen sich darüber.“ Noch zwei Jahre läuft der Vertrag für die Zwischennutzung. Danach wird der Garten verbaut – und die „Palma Gleisensis“ muss auf ein neues Biotop hoffen.

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Die nächsten Termine


Ein Jazzkonzert von BBQ LIVE findet an diesem Freitag, 21 Uhr, statt.

Der Güterbahnhof, ein Flohmarkt mit Händlern, Künstlern, Foodtrucks eröffnet an diesem Samstag von 16-21 Uhr.

Die Performancegruppe aus dem Gleis 44 zeigt am Samstag, 6. Juli, von 16-20 Uhr ihr Theaterprojekt.

Ein Live-Hörspiel des „Tatortreinigers“ gibt’s am Donnerstag,
11. Juli, um 20 Uhr.

Die Öffnungszeiten des Biergartens sind jeweils Mi 17-23 Uhr, Do 17-23 Uhr, Fr 17-23.45 Uhr, Sa 13-23.45 Uhr, So 13-23 Uhr.

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