Kopfschmerzen, Sprachstörungen, Persönlichkeitsveränderungen, ein epileptischer Anfall: Die möglichen Symptome des Glioblastoms sind vielfältig. Rund drei von 100 000 Menschen erkranken jährlich an dem aggressiven Tumor, der sich im Gehirn ausbreitet – und im Regelfall tödlich endet. „Glioblastome wachsen sehr schnell“, sagt der Leitende Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie, Prof. Marc-Eric Halatsch, „mit der aktuell etablierten Behandlung liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei etwa 17 Monaten.“

Heilung bisher nicht möglich

Die aktuelle Behandlung, das ist im ersten Schritt oft eine Operation: Möglichst weitgehend wird das Glioblastom aus dem Gehirn entfernt. Das Problem, so Halatsch, seien die Ausläufer der eigentlichen Tumormasse, die sich im Umfeld ausbreiten und nicht chirurgisch entfernt werden könnten: „Wir müssen darauf achten, keine wichtigen funktionellen Zentren zu schädigen, das ist bei Eingriffen im Gehirn besonders kritisch.“ Gewisse Kompromisse müssten beim Entfernen des Tumors eingegangen werden, „onko-funktionale Balance“ nennt das der Experte.

Einige Wochen nach dem Eingriff beginne die Standardtherapie mit Bestrahlung und Chemotherapie, und doch: Meist kommt es Monate später zu einem Rezidiv, also dem Wiederauftreten des Tumors. „In Einzelfällen gibt es Langzeitüberlebende“, so der Neurochirurg, „aber Heilung ist bisher in der Regel nicht möglich.“

Eine ernüchternde Erkenntnis, die Halatsch vor über fünf Jahren auf eine unkonventionelle Idee brachte: Gemeinsam mit dem amerikanischen Psychiater Dr. Richard Kast stellte er sich die Frage, ob ein einzelner Wirkstoff vielleicht nicht ausreiche, um die aggressive Tumorart zu bekämpfen. Die beiden Mediziner machten sich auf die Suche nach unterschiedlichen Wirkstoffen, die Glioblastom-Zellen am Wachsen hinderten – und wurden fündig.

Für ihre Studie identifizierten sie neun Medikamente, die normaler­weise unter anderem gegen Bluthochdruck, Depressionen und HIV eingesetzt werden, und kombinierten diese miteinander. Drug Repurposing – die Verwendung von Medikamenten zu einem neuen Zweck – wird dieser Ansatz genannt. Mehr als tausend Glioblastom-Patienten interessierten sich für die Teilnahme an der klinischen Studie, die von der belgischen Stiftung Anticancer Fund gefördert wird. Zehn Teilnehmer, bei denen es trotz Standardtherapie zu einem Rezidiv gekommen war, wurden schließlich in die Studie aufgenommen.

Von November 2016 an erhielten sie die Wirkstoffkombination – zusammen mit einer niedrig dosierten Chemotherapie und einer intensiven Betreuung durch das Forschungsteam. Dieses kann mit den Ergebnissen zufrieden sein. „Die Verträglichkeit des Medikamenten-Cocktails war besser als erwartet“, berichtet Studienleiter Halatsch, „außerdem haben die Wirkstoffe tatsächlich therapeutische Effekte gezeigt.“ So stabilisierte sich das Tumor-Rezidiv bei der Hälfte der Teilnehmer, das Glioblastom eines Patienten zeigt bereits seit zwei Jahren keine Veränderung. „Die bisherigen Resultate geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus“, sagt Halatsch.

Zur Studie nicht zugelassen

Weitere Teilnehmer, so fährt er mit gewissem Bedauern fort, dürfe er momentan aber nicht mehr zur Studie zulassen. Seiner Ansicht nach ist die Behandlung des Glioblastoms nicht nur eine biologische Herausforderung, sondern zudem auch ein forschungspolitisches Thema. „Bestimmte Forschungsrichtungen bei Hirntumoren werden nicht ausreichend unterstützt“, kritisiert er. Das sei jedoch nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ein Problem. Für die Forschung von Halatsch sieht es allerdings gut aus: Können die ersten positiven Ergebnisse bestätigt werden, ist eine größere klinische Studie geplant.

Seit über 20 Jahren in der Glioblastom-Forschung


Zur Person Der Leiter der klinischen Studie, Prof. Marc-Eric Halatsch, ist Leitender Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie in Ulm. Seit 2009 arbeitet der 51-Jährige am Universitätsklinikum, seit 1996 ist er in der Glioblastom-­Forschung tätig.