Mit drei Antragsskizzen war die Universität Ulm bei der Exzellenzstrategie angetreten: der Batteriespeicherung, der Quantentechnologie und der Traumaforschung. Dass letzterer Forschungsverbund nicht in die nächste Runde kam, sorgte in den beteiligten Instituten und Kliniken für lange Gesichter – ausgerechnet die Traumaforschung, einer der Leuchttürme der Uni! Wir sprachen mit Prof. Anita Ignatius, geschäftsführende Sprecherin des Zentrums für Traumaforschung und Direktorin des Instituts für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik, über Erwartungen und Enttäuschungen sowie über weitere Pläne und Projekte.


War der 29. September 2017 der Traumatag für die Ulmer Traumaforscher? An diesem Tag fiel das Prestigeprojekt „Traumaforschung“ durch die Exzellenzstrategie …

Prof. Anita Ignatius: Nein, auf keinen Fall (lacht). Es war von vornherein klar, dass der Wettbewerb im Rahmen der Exzellenzstrategie sehr kompetitiv sein wird. Auch wenn wir jetzt nicht zum Zuge gekommen sind, waren die Vorarbeiten nicht für den Papierkorb – im Gegenteil: Die vielen Ideen, die wir für die Antragstellung entwickelt haben, sind wichtig für die künftige Arbeit. Wir sehen den 29. September 2017 nicht als Scheitern an, sondern als Aufforderung, weiter an diesem wichtigen Thema zu arbeiten.

Die Uni Ulm verband ja große Hoffnungen mit diesem Forschungsprojekt. Haben Sie diesen Fehlschlag gemeinsam mit ihren Kollegen aufgearbeitet? Oder anders gefragt: Wissen Sie um die Gründe der Ablehnung?

Ja, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat sich bei uns gemeldet; in dem Schreiben der Gutachter wurden das wissenschaftliche Konzept und die Leistungen, auf die wir aufbauen, sehr gelobt. Und dass wir uns einem lange vernachlässigten Forschungsfeld widmen, haben die DFG-Gutachter auch sehr positiv vermerkt. Kritisiert wurden beispielsweise strukturelle Defizite: dass Forscherinnen und der wissenschaftliche Nachwuchs unterrepräsentiert sind. Diese Kritik werden wir aufgreifen ...

Welche Rolle spielte bei der Ablehnung das Fehlen außeruniversitärer Forschungsinstitute?

Dass der Standort Ulm keine außeruniversitäre Forschungsinstitutionen hat, wird ja allenthalben bedauert. Die Ausnahme: das Ulmer Helmholtz-Institut für Energiespeicherung – und die Kollegen, die an diesem Thema arbeiten, kamen ja erfreulicherweise in die nächste Runde bei der Exzellenzstrategie.

Wieviel Zeit haben Sie und ihre Kollegen in den Antrag gesteckt? Wie viel Energie ist dort hineingeflossen?

Sehr viel Energie, es waren sicherlich Monate, die der engere Kreis auf diesen Antrag verwendet hat ...

... wenn Sie vom engeren Kreis sprechen: Wer gehört dazu?

Das waren vor allem Prof. Markus Huber-Lang vom Zentrum für Chirurgie und Prof. Jörg Fegert, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Uni-Klinikum. Wir haben uns immer wieder mit den Leitern der 25 Abteilungen, die an dem Forschungsantrag beteiligt waren, abgestimmt. Jeder wollte und musste sich in den Antragstext einbringen, die Themen sind extrem interdisziplinär. Eine Person alleine könnte eine solche Antragsstellung gar nicht leisten, man muss ständig über seinen Tellerrand schauen. Ziel des Antrags ist es ja gerade, visionär zu sein, das Forschungskonzept soll ja über viele Jahre hinaus tragen.

Dann war der Frust am Anfang schon groß ...

... klar, die ersten paar Tage war ich schon sehr geknickt. Aber in der Forschung braucht man überhaupt eine hohe Frustrationstoleranz, damit muss man umgehen lernen. Ich sag mal so: Nur wer sich auf den Weg macht, kann auch mal stolpern. Man darf nicht automatisch davon ausgehen, dass die Anträge alle durchgehen. Wir haben den Mut und die Energie gehabt, die Initiative zu ergreifen – und sind diesmal leider nicht zum Zug gekommen. Aber wir werden die Ideen dennoch verwerten.

Wie viele Anträge muss man schreiben, um eine Förderung zu bekommen?

Die DFG hat eine Förderquote von circa 25 Prozent. Das heißt: Man schreibt viel Papier voll, und nur einer von vier Anträgen wird letztendlich gefördert. Im Institut hier hatten wir in den vergangenen Jahren erfreulicherweise eine Erfolgsquote von 40 Prozent bei den Antragsstellungen. Im Antrag für die Exzellenzstrategie steckte viel Arbeit drin. In der Zeit steht das eigene Institut hinten an. Aber die Arbeit macht ja auch Spaß, weil man sich über viele Themen Gedanken macht und vieles dabei lernt – allein deshalb war, wie ich anfangs gesagt habe, die Antragsstellung nicht umsonst. Vieles werden wir auch umsetzen, aber natürlich wäre es schöner gewesen, wenn die Traumaforschung als Exzellenz-Cluster anerkannt worden wäre.

Die Traumaforschung ist mit viel Vorschusslorbeeren gestartet, sie fand viel Beachtung. Spüren Sie seit der Ablehnung mangelnden Rückenwind?

Nein, das empfinde ich nicht so. Sicherlich ist es ein Dämpfer, aber da sind ganz andere Standorte nicht zum Zug gekommen. Wir haben nach der Ablehnung durch die DFG vom Uni-Präsidium und vom Dekanat der Medizinischen Fakultät sehr viel Zuspruch und Bestärkung erfahren, unseren Weg weiter zu verfolgen. Das sind keine Worthülsen. Da mache ich mir in der Tat keine Sorgen. Man sieht intern schon, was wir geleistet haben in den vergangenen Jahren. In beiden Forschungsbereichen, physische und psychische Traumata, sind wir nachweislich, was Drittmitteleinwerbungen und Publikationen angeht, sehr gut aufgestellt. Wir können schon hoch erhobenen Hauptes herumlaufen.

Wie wird es denn jetzt weitergehen mit der Traumaforschung?

Wir befassen uns gegenwärtig schon wieder mit einem Antrag, einem Antrag auf ein Forschungsgebäude für die Traumaforschung. Wir werden versuchen, die Forschungsflächen zu vergrößern und die Gruppen, die an der Antragsstellung für das Exzellenz-Cluster beteiligt waren, unter ein Dach zu bringen. Allein im Sonderforschungsbereich „Trauma“ sind es 17 Abteilungen, die integriert sind, und zum Zentrum für Traumaforschung zählen 29 Abteilungen. Da sind Kernbereiche darunter, die sich schwerpunktmäßig mit Traumata beschäftigen, beispielsweise meine Forschergruppe, die sich unter anderem mit Knochenheilung befasst, oder diejenigen von Prof. Florian Gebhard und Prof. Markus Huber-Lang, die die akuten Reaktionen nach Verletzungen untersuchen. Und dann gehören auch Abteilungen dazu, die nicht zum Kernbereich zählen, sondern an einzelnen Fragestellungen mitarbeiten.

Der Misserfolg bei der Exzellenzstrategie führt also nicht dazu, dass die Zahl der Arbeitsgruppen reduziert werden muss?

Nein, wir arbeiten weiter an diesem Thema, an diesen Fragestellungen. Für unseren von der DFG geförderten Sonderforschungsbereich „Trauma“ bedeutet das, dass wir jetzt auch den psychischen Aspekt von Trauma mitaufnehmen. Die Verbindung von physischem und psychischem Trauma, das insbesondere für das Exzellenzcluster gesetzt war, werden wir in den nächsten Jahren verstärkt bearbeiten. Die Ideen sind da, sie werden jetzt weiterentwickelt und umgesetzt.

Der von der Ulmer Traumforschung verfolgte Ansatz ist ein weites Feld. Was haben physische Traumata mit psychischen Traumata zu tun? Oder konkret gefragt: Trümmerbruch und sexueller Missbrauch passen auf den ersten Blick nicht zusammen, oder?

Das hat viel miteinander zu tun. Psychische und physische Traumata stehen in einem engen Zusammenhang. Ein Mensch mit einem psychischen Trauma kann auch somatische, also körperliche Beschwerden entwickeln. Nachweislich werden zum Beispiel das Immunsystem und das Hormonsystem in Mitleidenschaft gezogen. Heilungsvorgänge sind durch die Psyche beeinflusst, das weiß man. Umgekehrt können auch physische Traumata psychische Beschwerden hervorrufen; ein schwerer Unfall kann bei Menschen posttraumatische Belastungsstörungen auslösen. Es gibt enge Zusammenhänge, die bei weitem mehr erforscht werden müssen, als dies bislang getan wurde. Das ist sehr spannend.

Was heißt das in der Praxis? Wie arbeiten die einzelnen Abteilungen zusammen?

Unser Institut hat angefangen, mit der Klinik für Psychosomatik zusammenzuarbeiten. Um ein Beispiel zu nennen. Professor Stefan Reber von der Sektion für Molekulare Psychosomatik hat ein Modell entwickelt, um Mäusen psychischen Stress auszusetzen. Wir sehen an diesen gestressten Mäusen, dass die Knochenentwicklung gestört ist. Die Mäuse haben kürzere Knochen, das Skelett ist verändert. In unserem Sonderforschungsbereich „Trauma“ untersuchen wir jetzt die Mechanismen und wollen sie verstehen. Erste Ergebnisse zeigen beispielsweise, dass die Knochenheilung gestört ist durch psychischen Stress.

Sind die Ulmer Wissenschaftler die einzigen, die dem Zusammenhang von physischen und psychischen Traumata nachgehen?

Andere Universitäten machen ebenfalls Verletzungsforschung oder untersuchen psychische Traumata. Was die Wechselwirkung und die starke Schwerpunktsetzung in beiden Bereichen angeht, hat die Uni Ulm ein Alleinstellungsmerkmal. Und diesen Vorsprung wollen wir weiter ausbauen.

Sind die Ulmer Wissenschaftler mit ihrem Ansatz der Zeit voraus?

So weit würde ich jetzt nicht gehen wollen. Aber unser Konzept wurde durch die Gutachter der Exzellenzstrategie inhaltlich gewürdigt, und uns wurde attestiert, dass wir ein bislang zu wenig beachtetes Feld beackern.

Welche neuen Behandlungsansätze verspricht sich der Forschungsverbund?

Übergeordnetes Ziel ist, die Versorgung schwerverletzter Patienten zu verbessern. Das können wir nur, wenn wir die grundlegenden Mechanismen besser verstehen. Warum heilt beispielsweise bei Patienten mit schweren Verletzungen der Knochen schlechter als bei Patienten, die nur eine isolierte Knochenfraktur haben? Das treibt uns besonders hier im Haus um im Rahmen unseres Sonderforschungsbereichs. Wenn wir da Faktoren identifizieren, kann man Therapien entwickeln in Zusammenarbeit mit den Kliniken, zum Beispiel mit der Unfallchirurgie oder Dermatologie. Grundlagenforscher und Kliniker müssen zusammenarbeiten, um das klinische Problem, die Defizite in der Behandlung zu identifizieren. Warum ist die Heilung gestört von Hautwunden und von Knochen? Die Grundlagenforscher müssen sich andersherum der Frage stellen: Arbeiten wir mit dem richtigen Modell? Ist das Tiermodell transferierbar auf den Menschen?

Wie stellen Sie sicher, dass nicht jede Forschergruppe ihr eigenes Süppchen kocht?

Forscher sind zwar häufig Individualisten: Jeder weiß aber, dass er das Wissen und das Methodenfeld gar nicht alleine abdecken kann. Jeder ist auf den anderen angewiesen. Wir müssen uns austauschen, aber das funktioniert auch. Das ist eine Win-Win-Situation, das sehen auch die Individualisten unter den Forschern. Wichtig sind eine gute Koordination, ein wenig Diplomatie und ein übergeordnetes gemeinsames Ziel. Das gelingt in unserem Sonderforschungsbereich ganz hervorragend.

Werden Sie sich bei der nächsten Exzellenzstrategie wieder bewerben?

Das konkrete nächste Ziel ist die Fortführung unseres Sonderforschungsbereichs, der 2018 zur Zwischenbegutachtung ansteht und prinzipiell auf zwölf Jahre angelegt ist. In den ersten vier Jahren haben wir von der DFG etwas mehr als 11 Millionen erhalten, wir hoffen, dass wir in der zweiten Förderperiode sogar noch etwas mehr bekommen. Wir sind bundesweit der einzige Sonderforschungsbereich in der Traumaforschung, das ist ja nicht vom Himmel gefallen. Wir haben uns über die Jahre kontinuierlich und erfolgreich entwickelt. Deshalb mache ich mir für die Zukunft keine Sorgen. Möglicherweise bewerben wir uns wieder in der nächsten Runde der Exzellenzstrategie, wenn wir die Kritikpunkte erfolgreich aufgegriffen haben.

Prof. Anita Ignatius


Karriere Seit Ende 2008 ist Anita Ignatius (53) Direktorin des Institut für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik am Uni-Klinikum Ulm. Die gebürtige Würzburgerin hat an der LMU Tiermedizin studiert und am Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie promoviert. 1993 wechselte sie nach Ulm, ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Regeneration muskuloskelettaler Gewebe, Frakturheilung, Biomaterialien, Implantate und Biomechanik des Bewegungsapparats.