Sie sind Partnerzeitungen: Südwest Presse (SWP), Märkische Oderzeitung (MOZ) und Lausitzer Rundschau (LR). Ein deutsch-deutsches Medienunternehmen also – und warum sollte diese Ost-­West-Verknüpfung nicht auf ungewöhnliche Weise für ein besonderes Projekt genutzt werden, wenn „30 Jahre Mauerfall“ gefeiert werden?

Die Frage stellten sich die Ausbildungsredaktionen der Verlage Anfang 2019. In einem Magazin aus Ost- und West-Perspektive, aber auch aus gemeinsamen Blickrichtungen auf dieses deutsche Thema zu schauen, schien uns verlockend – der Anstoß zu „Ein Land“.

Die meisten der Volontärinnen und Volontäre – also die jungen Journalisten, die den Redakteursberuf lernen – sind nach der Wende geboren. Doch haben sie, je nachdem wo sie geboren und aufgewachsen sind, wo sie leben und arbeiten, ihre ganz eigenen Erfahrungen und Sichtweisen: Sie sehen Gemeinsames und Unterschiede, Einendes und Trennendes, Bekanntes und Fremdes in Ost und West. Auch ihre persönlichen Perspektiven und Sensibilitäten sollten sie als Stärke in die Arbeit einbringen.

Menschen und Begegnungen stehen im Mittelpunkt von „Ein Land“. Es ging nicht um das Widerspiegeln des Forschungsstands oder einer zementierten politischen Haltung und schon gar nicht um eine ideologische Schönfärbung – sondern um eine frische, neugierige, möglichst offene Annäherung an Realitäten und subjektive Wahrnehmungen von Menschen in Ost und West.Unsere Volontärinnen und Volontäre haben daher nicht mit Historikern und Forschern diskutiert. Es ging ihnen nicht um Distanz und Analyse. Sie haben mit Menschen über Erlebnisse und Emotionen gesprochen, über Erfolge und Enttäuschungen, Schicksale und Freuden, über Differenzen und Einheit. Über alles, das „Ein Land“ ausmacht und das man nun auf 60 Seiten und im Internet unter einland.net nachlesen kann. Magdi Aboul-Kheir, SWP-Ausbildungsredakteur

Ein * für die Vielfalt

„Ein Land“ – der Name unseres Magazins spielt bewusst auf Einigkeit und Zusammengehörigkeit an. Zugleich sind die Geschichten, die wir erzählen, so unterschiedlich wie die Menschen, die sie erlebt haben. Daher benutzen wir in unserem Magazin das Gender-Sternchen *: die inklusivste aller Formen geschlechtersensibler Sprache. Es lässt Raum für alle Menschen – auch für jene, die sich nicht in die Zweigeschlechtlichkeit einordnen wollen. Im Magazin lesen Sie deshalb von Bürger*innen, Politiker*innen, Aktivist*innen. Das hat auch bei uns für Debatten gesorgt. Überwiegend einig waren wir uns aber, dass wir mit Sprache geschlechtersensibel umgehen wollen. Einigkeit und Vielfalt schließen sich nicht aus. Und das soll auch in unserer Sprache sichtbar sein. Liesa Hellmann, LR-Volontärin

Was ist besonders an „Ein Land“?

Von Anfang an war klar, dass „Ein Land“ ein „Wende-Magazin“  im Wortsinn sein sollte: Von zwei Titelseiten ausgehend sollte es den Lesern eine Annäherung aus Ost und West in zwei Lese-Strecken ermöglichen – und dabei auch den Perspektivwechsel veranschaulichen. In der Mitte des Hefts treffen beide Lese-Strecken aufeinander: auf einer Panoramaseite.

Eine Kernidee von „Ein Land“ war der Perspektivwechsel: Brandenburger Volontäre aus Frankfurt/Oder und Cottbus recherchieren im Westen, ihre Kollegen aus Baden-Württemberg liefern auch Ost-Geschichten. Gerade dadurch soll eine frische Sichtweise ermöglicht und sollen Vorurteile überwunden werden.

Die Volontäre sollten sich ganz konkret der neueren Geschichte ihres Heimatlandes annähern: persönlich, mit Reportagen und Gesprächen, Ansichten und Bildern. Es geht um Vergangenheit und Gegenwart, Leben im geteilten Deutschland, Mauerfall und Wiedervereinigung, Leben im wiedervereinten Deutschland. Und im Mittelpunkt aller Reportagen und Interviews stehen Menschen: ihre erlebte Geschichte und ihre erlebten Geschichten. Magdi Aboul-Kheir, ­SWP-Ausbildungsredakteur

Wie lief das Projekt ab?

Es ist ein Treffen mit Symbolcharakter: Am Samstagabend, dem 9. November 2019, wollen die beteiligten Volontäre in Berlin gemeinsam das Erscheinen des Magazins feiern. Damit geht das Projekt genau dort zu Ende, wo sich vor 30 Jahren Historisches zutrug.

Im März war von einer Abschlussfeier noch keine Rede. Damals trafen sich Volontäre und Ausbildungsredakteure der drei Zeitungen erstmals im niedersächsischen Hitzacker. In direkter Nähe zur früheren deutsch-deutschen Grenze diskutierten die jungen Journalisten die Fragen: Wie sollen das Magazin, die Internetseite, der Instagram-Account aussehen? Welche Storys brauchen wir? Impulse gaben ein Besuch der ehemaligen Grenzstadt Rüterberg und das Gespräch mit einem Wende-Pfarrer.

Auf die Planung folgte die Arbeit: Die Volontäre recherchierten, interviewten, schrieben, drehten. Dabei bildeten sich Autoren-Teams aus Ost- und West-Volontären. So entstand ein grober Entwurf, der im September den Feinschliff bekam. In Zwickau besprachen die Volontäre die Texte mit Ausbildungsredakteuren und klärten letzte Fragen. Danach kümmerte sich Franziska Oblinger, Grafikerin der Südwest Presse, um das Layout. Christian Kern, SWP-Volontär

Was bleibt als Erkenntnis?

Wenn aus einer Idee Wirklichkeit wird, ist das Gefühl unbeschreiblich: Da ist Stolz auf das Geleistete. Etwas Wehmut, dass die schöne gemeinsame Zeit erst einmal vorbei ist. Aber auch Erleichterung, dass der Stress, der mit einem Projekt dieser Größe einhergeht, ein Ende hat. Doch über allem steht: Wir Volontäre haben etwas geschaffen, das bleibt.

Wir haben etwas über die Geschichte unseres Landes gelernt, das über den Geschichtsunterricht hinausgeht: dass es 30 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer Narben aus einer Zeit gibt, die wir zum größten Teil nicht erlebt haben. Doch durch die Offenheit unserer Pro­tagonisten und die Bereitschaft, ihre Erfahrungen mit uns und am Ende auch mit Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, zu teilen, haben wir die Zeit vor der Öffnung der Mauer besser kennenlernen können.

Wir erfuhren in einem Streitgespräch, wie Menschen aus dem Osten über den Westen denken und andersherum. Wir lernten, dass Geschichte sich nicht wegwischen lässt, dass sie tief mit der Gegenwart und der Zukunft eines Menschen verbunden sein kann – Friedhelm Martens, in Mann, der Opfer der Stasi wurde, hat uns davon erzählt. Wir erlebten aber auch, dass Geschichte manchmal verschwindet. Dass im Wortsinn Gras darüber wächst. Davon berichtete Henryk Müller, der in den Westen floh und später zurück in den Osten zog.

Durch all unsere Gesprächspartner ist uns bewusst geworden, dass es auch unsere Aufgabe ist, Erinnerung wachzuhalten. Dass es unser Auftrag ist, von Geschichte, von Menschen und ihren Schicksalen zu erzählen – auch in der Hoffnung, dass kommende Generationen daraus die richtigen Lehren ziehen.

Und auch voneinander haben wir viel gelernt. Die Sicht von Volontären aus dem Westen und dem Osten eröffneten uns neue Blickwinkel. Die verschiedenen Perspektiven haben uns neugierig gemacht, bereichert und Debatten entfacht. Dabei haben wir gemerkt, dass es heute noch immer Unterschiede zwischen Ost und West gibt, die wir akzeptieren sollten  – und vielleicht auch überwinden können. Mit gegenseitigem Verständnis, mit Rücksicht und Respekt auch gegenüber unseren Protagonisten und dem Thema selbst haben wir das Magazin „Ein Land“ mit Leben gefüllt. Thomas Sabin, MOZ-Volontär