Alternative Stadtführung Die Schönheit der Baustelle

Entdecker der Neu-Stadt (von l.): Chris, Jessy, Yolanda, Suse, Paul.
Entdecker der Neu-Stadt (von l.): Chris, Jessy, Yolanda, Suse, Paul. © Foto: Martina Dach
Ulm / Beate Rose 10.09.2018
Kleingruppen erleben eine alternative Stadtführung, die von Ulm geradewegs nach Neu-Stadt führt.

Suse, Yolanda, Chris und Jessy sind Mitte, Ende 30 und am Samstag beim Stadtspiel „Neu-Stadt“ dabei. Paul aus Berlin, Ende 50, vervollständigt die Gruppe. Er hat die Stadtspiele bereits in anderen Städten erlebt und ist neugierig, wie das in Ulm abläuft. Zu fünft ziehen sie am Samstag los – mit viel Gekicher und ständiger Betonung von „keine Ahnung wohin. Wir kennen uns ja nicht“. Sie gehören zu rund hundert Teilnehmern, die die alternative Stadtführung „Neu-Stadt“ mitmachen, die es nur an diesem Tag gibt. Alternativ ist beim Rundgang so einiges, etwa der Einstieg ins Spiel. Den hält nämlich Karsten bereit, der an der Friedrich-Ebert-Straße wartet.

Durch ein Tor, blitzschnell von Karsten mit einem silbernen Faden gebaut, müssen sich alle Teilnehmer der Stadtführung nach Neu-Stadt hineinzwängen. „Ich zuerst, ich kann das“, sagt Suse. Und los geht’s. Karsten überreicht ihnen einen Stadtführer in Buchform. Denn die Gäste übernehmen die Führung selbst: Einer liest die Aufgaben vor, alle gemeinsam führen sie aus.

Ästhetische Bauzäune

Karsten heißt mit vollem Namen Karsten Drohsel und ist Diplom-Ingenieur der Stadt- und Regionalplanung. Er arbeitet bei der „Urban Super Group“, einer Berliner Agentur, gemeinsam mit Daniel T. Boy, Tristan Biere und Turit Froebe. Sie alle haben für verschiedene soziokulturelle Zentren in Baden-Württemberg das Spiel entwickelt, in Ulm fürs Roxy, das Veranstalter des Stadtspieles war. Gefördert wird es von der Landesstiftung. Sinn und Zweck des Spiels beschreibt Drohsel so: Man soll die eigene Stadt entdecken, feststellen, in was für einer tollen Stadt man lebt. Bei der Vorbereitung für Ulm kamen die Macher nicht an den vielen Baustellen vorbei. Drohsel spricht vom „ästhetischen Moment der Bauzäune“, das ins Spiel integriert wurde.

Die Gruppe zieht los. Zunächst sollen alle von sich erzählen, Geschichten davon, was sie sich als erstes gekauft haben, egal ob erfundene oder wahre Geschichten. Chris fängt an: Süßigkeiten auf dem Schulweg. Jessy ein rosa-pinkes Gummitwist, Suse als „Zonenkind“ vom 100-Mark-Begrüßungsgeld ein Hanuta und eine „Büchse Fanta, ekelhaft“, Yolanda einen Drachen und Paul vom Vorratsgeld der Mutter Bonbons, wofür es Haue gab. Welche Geschichte ist wahr? „Alle“, sagt Suse. „Falsch“, ruft Yolanda. „Meine nicht.“ – „Meine auch nicht“, sagt Jessy. Worüber gekichert wird. Jessy erwartet nicht mehr als ein „Lustiges durch die Stadt latschen“. Sie war in jüngeren Jahren in der Stadtranderholung Ruhetal mit dabei, die immer „Stadtspiele“ angeboten hatte. Etwas „ähnliches“ stellt sie sich vor.

Allerbester Blick auf das Freilufttheater

Die Gruppe entscheidet, wohin es mit dem Stadtführer geht. „Partybaustelle“, sind sie sich einig. Was, laut Buch, zunächst Pantomime bedeutet. „Wirklich Begriffe raten?“, fragt Paul. Pantomimisch versuchen vier aus der Gruppe das „Schiefe Haus“ darzustellen, doch Suse, gebürtig aus Berlin, errät es einfach nicht. Dann hebt Jessy die Arme, wedelt und kichert. „Ulmer Spatz?“, fragt Suse. Richtig. Paul will das Lokal „Zur Forelle“ darstellen, hebt dafür die Hände über den Kopf und wiegt sich hin und her. „Hä?“, fragt Suse. Alle müssen lachen. Der Weg durch die Stadt führt sie zum Schiffspielplatz. Dort sollen sie Emotionen tanzen, wobei die Stadtbummler und Lokalgäste einen allerbesten Blick auf das Freilufttheater der Fünf haben. „Ihr tut euch leicht, ihr kommt aus Berlin“, sagt Jessy. Suse legt los, stellt „Romantik“ dar, singt dafür laut „Ti amo“.

Für Suse steht nach etwas mehr als einer Stunde fest:  „Man kennt sich nicht und erzählt, was man sich als erstes gekauft hat und macht sich zum Affen. Mir gefällt’s.“ Alle stimmen zu. Paul hat das Stadtspiel in Ludwigshafen und Bad Cannstatt mitgemacht, jenes in Ulm fand er besonders prima. „Das Wetter ist gut“, nennt er einen Grund. Einen Abschluss gibt es für alle, im Roxy-Biergarten. Natürlich sind die Fünf dabei und kichern, etwa über „Forellenkönig“ Paul.

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