Eigentlich will Lilo Walther  nur ihr Lieblingsbild zeigen. Bevor sie die düster wirkende Fotografie im Untergeschoss des Weißen Kubus’ aber so richtig erklärt hat, meint ihr Mann Jakob schon: „Kommen Sie, das muss ich Ihnen auch noch zeigen.“ Er führt durch eine unscheinbare Tür in die Katakomben des Ausstellungsgebäudes, hier steht die Heizungsanlage und allerlei anderer technischer Kram. Der 74-Jährige kommt alle paar Tage herunter und liest die Zählerstände der verschiedenen Stromkreise ab, am Ende des Monats macht er eine detaillierte Abrechnung.

Das ist eine seiner Kernaufgaben. Auf seiner Visitenkarte steht, dass er  bei der Walther Collection für das Facility Management, neudeutsch für Hausmeistertätigkeiten, zuständig ist. Diese Bezeichnung wird dem Cousin von Kunsthallen-Gründer und Sammler Artur Walther aber nur sehr bedingt gerecht. Er ist viel mehr als nur ein Hausmeister.  „Ich bin hier daheim“, sagt er. „Keiner ist öfters in den Gebäuden unterwegs als ich und meine Frau“.

Keiner kennt die Geschichte der renommierten Fotografie-Sammlung im Neu-Ulmer Stadtteil Burlafingen besser und länger als Lilo und Jakob Walther. Sie waren dabei, als Jakobs Cousin Artur nach vielen Jahren als Investmentbanker in New York ins beschauliche Burlafingen zurückkam, um seiner todkranken Mutter beizustehen. Und sie waren dabei, als der Kunstsammler beschloss, sein Elternhaus in ein Museum zu verwandeln.

Das Ehepaar sitzt in der offenen Küche des schwarzen Bungalows, der inzwischen ebenfalls zu einem Ausstellungsgebäude umgebaut ist, und blättert in einem dicken Fotoalbum. Es zeigt die Entstehung der Walther Collection, rund 10 000 Aufnahmen hat Jakob Walther gemacht. „Zuerst wollte Artur sein Elternhaus nur etwas umbauen, damit er seine ganzen Fotografien dort lagern kann“, erzählt er.

Für einen kleinen Anbau an das Haus sollen die Garagen weichen – doch plötzlich kommt alles ganz anders. Während die Garagen abgerissen werden, hat Artur eine Idee. Er lässt das gesamte Haus abreißen und entscheidet, „was Vernünftiges zu bauen“. Noch am gleichen Abend müssen die Architekten anrücken, um das neue Gebäude zu planen, bis spät in die Nacht hängen sie über den Planungsskizzen. Danach fliegt Artur wieder zurück in die USA und überlässt die Baustelle seinem Cousin, der kennt sich als gelernter Sanitärfachmann aus. Er ist gerade in Rente gegangen und betreut die Arbeiten von da an,  schließlich wohnt er nur 500 Meter entfernt.

Seither ist die Kunsthalle am Rande von Burlafingen ohne Jakob Walther nicht mehr zu denken. Inzwischen ist er auch offiziell bei seinem Cousin Artur angestellt. Er schließt Besuchern die Räumlichkeiten auf, schaut nach dem Garten, beauftragt Handwerker. Er macht, was anfällt: „Ich bin die rechte Hand von Artur.“

Wenn der Sammler mal wieder in Deutschland vorbei schaut, bereitet Jakob den Bungalow vor, in dem sein Cousin dann wohnt. „Ich stelle sein Auto raus, lüfte ein wenig durch und bestelle die Reinigungsfrau“, sagt er. Unterstützt wird er von seiner Frau Lilo. Die 73-Jährige kümmert sich darum, dass die Rechnungen bezahlt werden.

Zuviel sind ihnen die Aufgaben nicht, auch wenn der Rentner fast täglich auf dem Gelände unterwegs ist. „Ich muss das ja alles nicht machen“, sagt Jakob Walther. Aber er will es gern – und das merkt man. Während er über das Gelände führt, leuchten seine Augen, jedes Detail findet er spannend. Die Betreuung der Kunsthalle erfüllt ihn: „Die Aufgabe hat einen ganz besonderen Energieschub gegeben, sie macht mich hellwach.“

New York in Neu-Ulm

Und die besonderen Aufgaben der Walthers haben auch ihre Vorteile. Zum Beispiel sind sie regelmäßig im Kontakt mit den Großen der Kunst. Ob bei einer Ausstellungseröffnung oder bei einem privaten Besuch in Burlafingen – die beiden sind meist dabei, wenn Artur Walther die New Yorker Kunstszene in seiner alten Heimat begrüßt. „Das ist ein absolutes Highlight“, sagt Jakob Walther. „Artur hat unseren Horizont extrem erweitert.“ Regelmäßig ist das Burlafinger Ehepaar in New York zu Gast, dort wohnen die beiden direkt an der 5th Avenue und besuchen Kunstmuseen, wie etwa das MoMa.

Dass ihr Leben noch einmal eine solche Wendung nehmen würde, hätten die Walthers vor zwanzig Jahren nicht gedacht. „Früher war Jakob schon Italien in den Ferien fast zu weit“, erzählt Lilo. Aber: „Wir waren auch vorher keine Banausen und haben immer wieder Museen besucht.“ Allerdings habe sich ihr Kunstinteresse gewandelt. „Ich bin jetzt auch total auf Fotografie fokussiert“, sagt Jakob.

Und seine Ehefrau? Die führt noch einmal zurück ins Untergeschoss des weißen Kubus’, um ihr Lieblingsbild zu zeigen. Das ist Teil der Ausstellung „Recent Histories“ und ist eigentlich nicht nur ein Bild, sondern eine Installation aus mehreren Fotografien. Die zeigen alle eher düstere Motive aus dem Urwald. Die Komposition gefällt ihr wegen des Kontrasts, denn immer wieder sind auch ganz kleine helle und farbige Elemente auf den Fotos zu finden. Noch wichtiger für sie: „Es berührt mich. Ich finde, man muss Kunst auch fühlen.“

Wie lange können sie das alles noch leisten? „Solange Körper und Kopf noch mitmachen“, sagt Jakob Walther. Viel Kraft gibt ihm die Reaktion  der Besucher: „Wenn die mir sagen, sie finden das Museum toll, dann pumpert das Herz wieder.“

Mit dieser Folge endet unsere Sommer-Serie


Museen Über den Sommer haben wir in unregelmäßiger Reihenfolge Menschen vorgestellt, die in Museen eher im Hintergrund tätig, deswegen aber nicht weniger wichtig sind. Wir haben beispielsweise einen Handwerker im Museum Ulm begleitet und einen Aufseher im Stadthaus besucht. Mit dieser Folge über Jakob und  Lilo Walther von der Walther Collection in Burlafingen endet unsere Reihe nun.