Deutsche Traumastiftung Die App, die Leben rettet

So sieht die Notfall-App „Meine Stadt rettet“auf dem Smartphone aus.
So sieht die Notfall-App „Meine Stadt rettet“auf dem Smartphone aus. © Foto: Traumastiftung
Ulm / ruk 01.12.2018
Die Deutsche Traumastiftung unterstützt eine Anwendung fürs Smartphone, um qualifizierte Ersthelfer schnell zum Einsatzort zu bringen.

Mitten auf dem Gehweg bricht die 68-Jährige zusammen. Sie ist bewusstlos, Menschen stehen herum, ein Mann alarmiert per Smartphone die „112“, ein anderer hat schon mal etwas von der stabilen Seitenlage gehört und versucht, die Frau auf die Seite zu drehen. Aber das war’s auch schon. Mehr passiert nicht. „Das ist die deutsche Mentalität: Bevor ich etwas falsch mache, mache ich lieber gar nichts“, beschreibt Dr. Björn Hossfeld von der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Bundeswehrkrankenhaus (BWK) das Manko bei der Versorgung durch Laien. Selbst ausgebildete Laienhelfer zierten sich oft, „das ist schlecht für den Patienten – oft sogar tödlich“.

Therapielose Zeit reduzieren

Und so verstreichen die Minuten. Wertvolle Zeit. Zeit, in der es bei bewusstlosen Patienten, Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand, um Leben und Tod geht. Mediziner sprechen von „therapieloser Zeit“. Bis endlich der Notarzt eintrifft, vergehen im Durchschnitt neun Minuten. „Wir kennen ja die Diskussion um die Ankunftzeiten des Notarztes“, sagt Hossfeld. Sprich: In der Stadt können die geforderten neun Minuten eingehalten werden, aber auf dem flachen Land ...

Um genau diese „therapielose Zeit“ bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken, hat jetzt die Deutsche Traumastiftung eine Notfall-App initiiert. Das Ziel der App „Meine Stadt rettet“ ist, registrierte und qualifizierte Ersthelfer, die sich in unmittelbarer Nähe des Betroffenen aufhalten, über das Smartphone zu benachrichtigen. Schnellstmöglich sollen sie dann fußläufig zum Unglücksort eilen und die bewusstlose Person wiederbeleben. Um diesen möglichen Helferkreis nicht falsch zu verstehen: Es gehe nicht darum, weitere Laien zum Notfallort zu bringen, erklärt Prof. Matthias Helm, Klinischer Direktor der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfallmedizin und Schmerztherapie am BWK und Präsidiumsmitglied der Traumastiftung. „Die App wird in einem ersten Schritt nur professionelle Helfer von ASB oder DRK und Ärzte informieren, Helfer, die trainiert und ausgebildet sind, im Moment des Notfalls dienstfrei haben, aber sich im direkten Umkreis von 300 Metern befinden.“

Nun ist die Notfall-App, die noch im Januar, spätestens aber im ersten Quartal des kommenden Jahres an den Start gehen soll, nichts gänzlich Neues, wie Helm sagt. In Lübeck und Kiel wird die App „Meine Stadt rettet“ bereits angewendet – mit gutem Erfolg, wie Hossfeld gestern bei der Präsentation an der Uni Ulm sagte. „In einem Drittel der Fälle waren die alarmierten Ersthelfer mehr als drei Minuten eher am Einsatzort, also schon nach sechs Minuten.“ Diese Zeit will die Traumastiftung noch weiter reduzieren, und zwar auf die Hälfte der geforderten Ankunftszeit des Notarztes: also auf viereinhalb Minuten. Laut Helm ein „ambitioniertes, aber auch erreichbares Ziel“. Die Ulmer Notfall-App ist zunächst ein Pilotprojekt, eines von vieren in Baden-Württemberg. Im Neckar-Odenwald-Kreis, in Freiburg und in Göppingen werden ähnliche Apps verwendet, sagte Prof. Thomas Wirth, Präsident der Deutschen Traumastiftung und Dekan der medizinischen Fakultät der Uni Ulm. Das Innenministerium will sich nach einer Pilotphase von zwei Jahren und einer abschließenden Evaluierung auf eine App festlegen und damit einheitlich alle Kreise im Land versorgen. „Wenn ich beispielsweise von Ulm nach Stuttgart unterwegs bin und in Reutlingen ist ein Notfall, werde ich alarmiert. Das ist sinnvoll“, sagte Hossfeld.

Die Traumastiftung übernimmt die Kosten, die sich auf monatlich 1000 Euro belaufen; summa summarum kommen also 24 000 Euro für die zweijährige Testphase zusammen – Geld, das laut Wirth „gut investiert ist und der Region gut tut“.

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Der Rabbiner und die Notfall-App

Anstoß Ein Mann, der Notfall-Apps aus eigener Erfahrung kennt, gab mit den Anstoß für die App, die die Deutsche Traumstiftung in der Region Ulm einführt: Shneur Trebnik. Wenn er in Israel ist, arbeitet der Ulmer Rabbiner als einer von vielen tausend freiwilligen Rettungssanitätern, „parallel zum Rettungsdienst“, wie er betont. Dort sei es über einen Notfall-App gelungen, das „therapiefreie Intervall“, also die Zeit von der Alarmierung bis zum Eintreffen eines qualifizierten Ersthelfers, auf dreieinhalb Minuten zu reduzieren.

Kontakt Trebnik hatte vor etwa einem Jahr mit Prof. Thomas Wirth, Präsident der Deutschen Traumastiftung und Dekan der medizinischen Fakultät, über eine Notfall-App für Ulm und den Alb-Donaukreis gesprochen. Was die App kostet – von 24 000 Euro für das zweijährige Pilotprojekt wird ausgegangen –,  bezeichnete Trebnik als sekundär. „Sie rettet nicht nur Menschenleben, die schnelle Ersthilfe verhindert schwere Folgeschäden und langjährige Therapie.“

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