Ulm / Magdi Aboul-Kheir Mit der Deutsch-Prüfung hat in Baden-Württemberg und Bayern am Dienstag das schriftliche Abitur begonnen. Die Aufgaben kamen per USB-Stick – und inklusive Fehlern. Ein Besuch am Ulmer Einstein-Gymnasium.

Um 8.40 Uhr geht der Blutdruck von hoch auf noch höher. Und zwar nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern, sondern auch in den Direktoraten. Lediglich 20 Minuten, bevor 32.100 junge Menschen an den allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg am Dienstagmorgen mit dem Deutsch-Abitur loslegen können, kommt eine Mail des Kultusministeriums an: „Nachsteuerung“. Im Klartext: Die Aufgaben enthalten Fehler.

Was wurde falsch gemacht?

Es sind drei Fehler: ein falscher Buchstabe, ein falscher Trennstrich, und dann ist auch noch in einem Cartoon der Text kaum lesbar. „Sowas ist nicht glücklich“, sagt Bernhard Meyer, Schulleiter des Albert-Einstein-Gymnasiums in Wiblingen. Nun ist Eile geboten: In den fünf Räumen seine Schule, in denen 120 Schülerinnen und Schüler warten, werden die Korrekturen erläutert und an Tafeln geschrieben, damit die Prüfung wie vorgesehen um Punkt neun Uhr beginnen kann.

Am Montag hat ein Lkw das Ulmer Münster beim Abbiegen beschädigt - vor den Augen der Polizei.

Abi-Aufgaben erstmals nicht auf Papier ausgeliefert

Mayer ist am Dienstag um 4.30 Uhr wachgeworden, „ohne Wecker“. Denn in diesem Jahr läuft an den Prüfungstagen an den Schulen einiges anders. Die Abituraufgaben in Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch – das sind die Fächer, in denen die Aufgaben aus dem bundesweiten Aufgabenpools kommen – werden in Baden-Württemberg erstmals nicht in Papierform ausgeliefert.

Jede Schule hat vor einer Woche einen verschlüsselten USB-Stick mit den Prüfungsaufgaben erhalten, dazu den ersten Teil des Passworts. Nach einer Prüfung, ob die Daten fehlerfrei sind, wurden Stick und Passwort-Infos im Tresor eingeschlossen.

Die Abiturprüfungen an den allgemein bildenden Gymnasien sind am Dienstag mit einem neuen Verfahren gestartet. Erstmals erhielten die Schulen die Aufgaben auf einem USB-Stick.

26-stelliges Passwort für den USB-Stick

Am Dienstag werden an den Schulen dann um 5.45 Uhr Computer und Kopierer hochgefahren. Punkt sechs Uhr kommt vom Kulturministerium die Mail mit dem zweiten Passwort-Teil.

Ein 26-stelliges Passwort ist es, „wirklich komplex, mit allen Sonderzeichen“, sagt der stellvertretende Schulleiter Robert Moll. Einmal vertippen sich die Lehrer, dann können 18 Seiten Deutschaufgaben ausgedruckt und 120 Mal kopiert werden. Großes Aufatmen und „großes Kompliment an die Stadt Ulm“, sagt Direktor Meyer, „sie haben alles sehr sorgfältig vorbereitet, die Kopierer gewartet“. Auch die Hausmeister waren ab 5.30 Uhr am Werk, ebenso zwei Mann in der städtischen IT-Abteilung.

2000 Seiten Deutsch-Abitur ausgedruckt

Um 7.30 Uhr sind die gut 2000 Seiten Aufgaben kopiert, von vier Lehrern an zwei Kopierern. Es folgen noch die „Lösungshinweise“ für die Korrektoren und Zweitkorrektoren – auf rosa Papier. „Es ist schon eine enorme Verantwortung“, sagt Meyer, „und es ist Stress ohne Ende“. Und das auch ohne die Alarm-Mail um 8.40 Uhr mit der „Nachsteuerung“.

In Ulm geht schließlich alles so weit gut, erfährt Meyer per Rundruf, er ist geschäftsführender Schulleiter der Ulmer Gymnasien. Und das Kultusministerium wird schließlich, ungeachtet der Fehler, verlautbaren: „Die Prüfungen verliefen trotz veränderten Vorbereitungsprocedere überall reibungslos.“

Bis 14.15 Uhr brüten die Schülerinnen und Schüler über ihren Aufgaben, inklusive Einlesezeit haben sie 315 Minuten. In diesem Jahr haben sich auch die so genannten „Sternchenthemen“, also die Abitur-Themen, in Deutsch geändert.

Zur Auswahl haben sie fünf Themen. 1. Die Interpretation einer Textstelle aus Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“ und vergleichende Betrachtung mit Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ in Hinblick auf die Frauenfiguren. 2. Eine vergleichende Interpretation zu den Gedichten „Sommersonate“ von Georg Trakl und „Sommerfrische“ von Joachim Ringelnatz. 3. Eine Interpretation der Erzählung „Der Störenfried“ von Brigitte Kronauer. 4. Verfassen eines Essays auf der Grundlage eines vorgelegten Dossiers mit verschiedenen Texten zum Thema „Was darf Satire? Alles?“. 5. Analyse und Erörterung des Textes „Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen“ von Hilmar Klute aus der „Süddeutschen Zeitung“.

Immer mehr junge Menschen fallen bei wichtigen Prüfungen durch. Die Erklärungen dafür reichen vom Überehrgeiz der Eltern bis zu nachlassender Konzentrationsfähigkeit.

Abitur-Prüfung: 2017 und 2018 wurde in Schulen eingebrochen

Doch warum überhaupt das neue Sicherheits-Verfahren bei den Abitur-Prüfungen? Sie sind eine Konsequenz der Schuleinbrüche in den vergangenen Jahren. 2017 waren bei einem Einbruch im Solitude-Gymnasium Stuttgart-Weilimdorf Abitur-Aufgaben in Mathe und Englisch geöffnet worden. 2018 war in einem Gymnasium in Goslar eingebrochen worden. Daraufhin musste ein Teil der Mathe-Aufgaben ausgetauscht werden, die Abi-Prüfung begann mit Verspätung.

Daher also ein neues Sicherheits-Verfahren, daher USB-Stick und zweiteiliges Passwort. Dieses Verfahren war im Vorfeld von Lehrerverbänden und Gewerkschaften allerdings heftig kritisiert worden. Das Kopieren bedeute eine „massive Belastung“ und „Stress“ für die Schulen, das Verfahren sei „nicht praktikabel“ oder „einfach verrückt“.

Kultusministerin Susanne Eisenmann hatte die Kritik entschieden zurückgewiesen: „Unsere Bildungspolitik lebt von einer lebendigen Debattenkultur, doch die Beiträge sollten sich um wirkliche Herausforderungen drehen und keine Debatten erzeugen, die mit der Realität an den Schulen wenig bis gar nichts gemein haben.“

Tests an 41 Gymnasien in Baden-Württemberg

Im Februar gab es an 41 Gymnasien zwei Testläufe. Die hätten gezeigt, dass die Befürchtungen unbegründet sind, teilte das Ministerium mit. Die Schulleiterinnen und Schulleiter hätten dem Kultusministerium mehrheitlich zurückgemeldet, dass der Testlauf ohne Probleme verlaufen und das Zeitfenster großzügig bemessen sei und ausreiche. Das Ministerium zitiert Stimmen wie: „Ich bin tiefenentspannt und möchte das Signal senden, dass wir das selbstverständlich hinbekommen.“ Oder auch: „Die Aufregung um diese Sache konnte ich von Anfang an nicht nachvollziehen. Das Verfahren lässt sich problemlos anwenden, es ist nicht nachvollziehbar, warum das nicht klappen sollte“.

Kultusministerin Eisenmann fasste das so zusammen: „Ich hatte keinen Moment Zweifel daran, dass unsere Gymnasien es nicht schaffen, Aufgaben zu drucken und zu kopieren. Unsere Gymnasien sind gut aufgestellt, das hat der Testlauf gezeigt. Es gibt keinen Grund für Panik, Sorgen oder Ängste.“ Davon abgesehen arbeiten bereits sechs Länder (Hessen, Niedersachsen, NRW, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Saarland) seit mehreren Jahren mit elektronischen Distributionsverfahren.

Nun, wer sich selbst an Schulen umhörte, bekam doch ein etwas anderes Bild: Der Aufwand sei gewaltig, das Nervenkostüm der Verantwortlichen angespannt, hieß es vielerorts; auch vor technischen Pannen mit den Kopierern, die tausende Seiten drucken müssen, hatte man Angst. Dass nun ausgerechnet beim ersten Mal mit dem neuen Prozedere auch Fehler in der Aufgabenstellung hinzukamen, wurde an den Schulen als zumindest unglücklich wahrgenommen.

Abgesehen von der nervlichen Anspannung bedeute das neue Verfahren für die Schulleitung vor allem „eine zeitliche Belastung, für die es vom Kultusministerium keine zusätzlichen Ressourcen gibt“, betont Meyer. Zumal es den Stress an drei weiteren Prüfungstagen geben wird: Mathematik, Englisch und Französisch. Die Auslieferung der Abituraufgaben in allen weiteren Fächern erfolgt in der gewohnten bereits gedruckten Form.

Am Donnerstag (Spanisch) und Freitag (Mathematik) gehen die Abiturprüfungen weiter, am 10. Mai findet das letzte schriftliche Abitur statt.

Das könnte dich auch interessieren:

Am 1. Mai wird der Tag der Arbeit gefeiert. Alle Infos über die Maistreiche, den Maibaum und den Tanz in den Mai in Ulm und Neu-Ulm.

Nun ist die Zeit, in der die Raupen des Eichenprozessionsspinners schlüpfen. Kommunen und Behörden versuchen, den Befall von Eichen mit Bioziden und Saugern zu verhindern.

Autofahrer in Ulm mussten am Dienstagnachmittag in der Innenstadt viel Geduld mitbringen. Es staute sich auf vielen Straßen.