Nächster Halt: Zukunft! 15 Jahre nach der Einführung des „Combino“ geht mit dem Ausbau der Linie 2 ein weiterer Generationswechsel innerhalb der Ulmer Straßenbahnfamilie einher. „Avenio M“ nennt sich die neue Baureihe aus dem Hause Siemens, die in Ulm Deutschland-Premiere feiert. Und zwar mit einem speziell auf Ulm zugeschnittenen Erscheinungsbild, das nun schon gar nichts mehr mit der Eisenzeit zu tun hat – als die gelben Stahlkolosse durch die Stadt rumpelten und sich die Straßenbahnfahrer selber noch ironisch „Eisenschweine“ nannten.

Seitdem hat die Tram keinen Holzboden mehr, auf dem man mit nassen Schuhen einen „Grip“ hatte wie ein Eisläufer. Und als einen die Anmutung der ausgemusterten Stuttgarter Vehikel in den Farben der Landeshauptstadt zu Tränen rührte. Auch das hat sich mit der Einführung des „Combino“ geändert, dem das Design- und Ingenieurbüro Busse ein eigenes „Ulmer“ Erscheinungsbild verpasste. Das haben die Elchinger Designer beim „Avenio M“ nun wieder getan, also die Linienführung und Farbgebung „weiterentwickelt und in die nächste Generation überführt“, sagt Martin Hannig.

Wobei der Senior-Designer nicht Herr des Verfahrens war, zumal das Schienenfahrzeug im Auftrag von Siemens von einem belgischen Unternehmen entworfen wurde. Die Chancen, sich gestalterisch einzubringen, waren endlich. „Es gab nur in einem gewissen Rahmen Einflussmöglichkeiten“, erinnert sich Hannig dennoch an eine „angenehme Zusammenarbeit“. Kein Neuland für ihn: „Man muss sich auf die Gegebenheiten einlassen und sich der Herausforderung stellen, aus dem, was man zur Verfügung hat, etwas aus dem Rohfahrzeug zu machen.“ An was sich Hannig dabei halten konnte, waren Pläne und 3-D-Daten.

Anhand dieser Vorlagen entwickelte er Linien und Farbgebung, um dem neuen Ulmer Schienenfahrzeug eine elegant-moderne und schnittige Anmutung zu verleihen. Und zwar fast ausschließlich via Klebefolien, mit einem Effekt, den man kaum für möglich hält. Denn im Rohzustand sieht der „Avenio M“ aus wie eine weiße Schrankwand auf Rädern, mit angekoppelten Wagen, die sich wie Bergwerks-Loren aneinanderreihen. Durch die Farben und Folien wirkt die Tram wie ein völlig anderes Fahrzeug. Weg sind die bulligen Kanten und quadratischen Flächen, das Gefährt gewinnt eine fließende, fast stromlinienförmige Optik. An der markanten Front ist keine A-Säule mehr zu sehen, was den Eindruck eines Visiers vermittelt, als bestehe sie aus verdunkeltem Glas.

Dieses Band zieht sich den gesamten Zug entlang und lässt die Einzelfenster verschwinden, macht sie nahezu zu einer Einheit. Nur durchbrochen von schlanken, blau umrandeten Türen, die bis zum Boden reichen. Das Gesicht des Zugwagens erinnert durch das blaue Querelement an ein klassisches Fahrerbedienpult der frühen Jahre – „eine Reminiszenz“, wie Martin Hannig sagt. Und zwar eine an die Ulmer Geschichte und mancher Protagonisten stellt die Namensgebung dar.

Wie schon beim Vorgängermodell werden die Bahnen wieder nach außergewöhnlichen Ulmern benannt und neben einem Portrait mit einer Kurz-Vita versehen. Abgesehen von den „üblichen Verdächtigen“ wie Albert Einstein und Hildegard Knef, könnte sich der gebürtige Wuppertaler künftig auch einmal Figuren aus dem Dunstkreis des Fischerstechens vorstellen, etwa den „Griesbadmichel“.

Auch das Innenleben der 31,47 Meter langen und 2,40 Meter breiten „Avenio M“-Ausführung hat sich verändert. Die Tram besitzt „eine etwas andere Sitzordnung und mehr Durchgangsflächen“, was als wichtig erachtet wurde, erläutert Hannig. Die Fahrerkabine ist komplett getrennt, Tickets gibt’s fürderhin in der Straßenbahn an elektronischen Automaten. Das 38 Tonnen schwere Gefährt kann bis zu 185 Fahrgäste befördern und bietet in der modularen Ulmer Ausführung 69 Sitzplätze.

Die wiederum sind mit einem in unterschiedlichen Blautönen gescheckten Muster bezogen, das ungeordnete gelbe SWU-Buchstaben zieren. Hinzu kommt: Es ist ein Design mit positiven Nebeneffekten, lässt Martin Hannig wissen. Abgesehen davon, dass Verschmutzungen weniger auffallen, zieht die „graffittimäßige“ Bemusterung auch gleich fragwürdigen Hobbykünstlern den Zahn und beugt Vandalismus vor, wie Langzeitbeobachtungen ergeben hätten: „Da kann man mit einem Filzstift nichts mehr bewirken.“

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Tonnen schwer ist der „Avenio M“. Das 31,47 Meter lange und 2,40 Meter
breite Schienenfahrzeug kann bis zu 185 Fahrgäste befördern und hat 69 Sitzplätze.