Ulm / Ulrike Schleicher  Uhr
Freud und Leid – natürlich freuen sich Anwohner und Geschäftstreibende entlang der neuen Linie, dass sie nun endlich fahren wird. Aber viele können den Ärger wegen der Bauarbeiten nicht vergessen.

Michael Holzschuh, Garten-und Landschaftsbetrieb, Römerstraße

Das Schlimmste für einen Unternehmer ist, dass mit dem Großprojekt Faktoren einhergehen, die er nicht beeinflussen kann, die er aber ausbaden muss und versuchen muss, diese auf irgendeine Art und Weise zu umgehen – schlichtweg deshalb, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zum Beispiel, wenn der Betrieb keine Zufahrt für die Andienung mehr hat. Ohne Andienung kein Betrieb. Und es schlimm, dass wir jetzt doch Mitarbeiterinnen entlassen mussten. Zwei Minijobs und eine Vollzeitstelle wurden gestrichen.

Auch die Bauzeitangaben haben nie gestimmt: Man hat uns zwei Jahre versprochen, jetzt sind es drei. Vier Wochen angekündigte Arbeitszeit haben in der Realität meist drei Monate bedeutet. Für einen Unternehmer tödlich. Teilweise fehlte es an Information und an der Kooperation. Es entsteht ein großes Ohnmachtsgefühl. Für die Zukunft erhoffe ich mir nur Normalität. mehr nicht. Wie es vorher war, wird es nicht wieder. Wer über die Jahre gezwungen war, andere Wege zu nehmen, stellt sich nicht schnell wieder um.Vielleicht bringt die Straßenbahn dem betrieb etwas. Ich weiß es nicht.

Steig 2 wird von der Post wegverlegt. Im Advent ist der Nahverkehr mit Bus und Bahn wieder kostenlos.

Daniela Dudenhöffer-Tröger, Elektro Tröger, Römerstraße

Ich finde, das ist alles eine Zumutung, was hier passiert ist. Man geht mit dem Bürger um, nimmt sich Sachen heraus – ich habe kein Verständnis mehr. Ein paar Beispiele:  Die Zufahrten zu den Grundstücken entlang der Römerstraße sollten garantiert sein, das war nicht der Fall. Eine Mieterin etwa will umziehen, verschob extra den Termin, weil man mir gesagt hat, dass die rechte Seite der Römerstraße von oben her im November fertig ist. Nur – jetzt ist die Zufahrt immer noch nicht fertig, und es gibt keine Möglichkeit an das Haus zu fahren. Was will man da noch sagen?

Oder: Wir wurden gefragt, ob sie auf unserem Grundstück einen Lichtmast stellen können. Wir willigen ein, was passiert? Die buddeln alles auf, machen die Schilder für unsere Firma kaputt.

Oder: Von einem Tag auf den anderen ist die Warndtstraße gesperrt, unsere Mitarbeiter müssen Umwege fahren, unser Parkplatz ist aufgerissen worden – auch er sollte schon fertig sein.  Ist er natürlich nicht. Jetzt wissen wir nicht, wie wir im Winter Schnee räumen sollen.

Oder: Hier die Parkplätze vor der Sparkasse, darunter liegt unsere Tiefgarage, da dürfen nicht so schwere Fahrzeuge drüber – das war denen egal: Ich hab’ extra ein Schild aufstellen lassen: 12 Tonnen erlaubt. Das Schild verschwand und sie sind mit 40 Tonnen-Lkw und Baggern drüber gefahren. Und wenn man was sagt, ist man der Depp.

Die Entwässerung ist auch ein Thema: Seit den Umbauten – früher war hier alles grün, jetzt ist asphaltiert  –  rauscht uns das Wasser in die Geschäftsräume. Wir mussten um eine Regenrinne kämpfen – man brauche sie nicht, hieß es.  Positives? Dazu fällt mir nichts ein.

Zahlreiche Baustellen in Ulm und Neu-Ulm fordern Verkehrsteilnehmer heraus. Eine Karte mit aktuellen Baustellen soll Abhilfe schaffen.

Renate Dilg, Anwohnerin, Römerstraße

Also das Schlimmste war sicher die lästige Parkplatzsuche von April ab. Die von der Stadt angebotenen Ersatzparkplätze unten in der Haßlerstraße waren viel zu weit weg. Ich konnte den Einkauf für die Familie nicht hochschleppen.

Die Arbeiter waren an sich freundlich, aber es ist auch einiges schief gelaufen. Unsere Parkplätze haben sie von der Straße her mit einem richtig hohen Randstein versehen, da wäre kein Auto drüber gekommen. Also mussten sie den Parkplatz absenken und alles hat sich verzögert.

Einen Leitungsmasten für die Straßenbahn haben sie uns auf den Fußweg zum Hauseingang gesetzt – man brauche den Weg nicht, habe man ihnen mitgeteilt, hieß es. Wir konnten das verhindern, weil gerade zu Hause waren. Das Positive ist: Wir ziehen Ende des Jahres weg.

Andreas Holy, Filialist von Rewe, Römerstraße

Ich musste während der Bauzeit schon große Umsatzeinbußen in Kauf nehmen. Der gesamte Berufsverkehr - bis auf die Schule - ist weggefallen. In den Ferien kam niemand mehr. Und manchmal habe ich nicht begriffen, wie gearbeitet wird.

Jetzt kann ich es kaum noch erwarten, dass die Straßenbahn fährt. Ich habe mich schon sehr gefreut, als die Testfahrt war. Ich denke, sie wertet den Kuhberg auf und schafft eine gute Anbindung. Und mir hoffentlich wieder mehr Kunden.

Andreas Holy: „Die Linie 2 wertet den Kuhberg auf - und bringt mir hoffentlich neue Kunden.“
© Foto: matthais kessler

Dr. Christian Hanisch, Anwohner Umleitungsstrecke

Die vergangenen Jahre waren schon hart für uns. Durch die relativ kleine, enge Straße sind täglich Lkw, Bus und viele Pkw gefahren. Oft hat das Haus gewackelt. Aber nun fährt bald die Straßenbahn und ich denke, das ist ein Gewinn. Auch für meine Tochter, wenn sie nicht mit dem Rad in die Schule fahren kann.

Irina Jadanovski, Geschäftsfrau Aquariumkeller, Neutorstraße/ Ecke Zeitblomstraße

In den Jahren mit der Baustelle haben ich und mein Mann sicher 50 Prozent unserer Kundschaft verloren. Wir haben solche Schwierigkeiten. Fast zwei Jahre lang konnten uns die Kunden nicht mehr erreichen. Die Neutorstraße direkt vor unserer Ladentür war ja die meiste Zeit dicht. Unsere Kunden hätten uns nur noch über die Karl- und Zeitblomstraße erreichen können. Aber wer kommt von dort zu uns? Niemand. Den Weg kennen doch Leute, die aus Biberach und Günzburg mit dem Auto kommen, gar nicht. Das hat uns extrem geschadet.

Finanziell ging es uns immer schlechter.  Wir haben an unseren Vermieter geschrieben. Er hat uns für ein paar Monate einen symbolischen Betrag erlassen. 25 Jahre haben wir den Laden jetzt. Wir sind ein gutes Fachgeschäft für Aquaristik. Doch die Zeit mit der Baustelle war und ist eine Katastrophe, an manchen Tagen kommt ein Kunde. Dabei sorgen wir kleinen Geschäfte für Besonderheiten in der Stadt. Aber der Stadtverwaltung sind wir völlig egal.

Aber wir müssen nach vorne schauen, positiv sein. Um Kunden zurück zu gewinnen, wollen wir im Dezember und Januar gute Sonderangebote machen. Wir haben schon viele Fische gekauft und bieten Schnäppchen bei Aquarientechnik an.  Hoffentlich kommen die Kunden. Sie müssen kommen.

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Sandra Ritschmann, Schulleiterin Hans-Multscher-Grundschule, Eselsberg

Vor zwei Jahren ging es los mit der Baustelle im Mähringer Weg. Die Schule liegt an einer Seitenstraße. Die Baustelle hat durchaus den Schulweg verändert. Doch es hat geholfen, dass wir von Anfang an Gesprächsrunden hatten. Die Menschen vor Ort, die Bauarbeiter und Werner Reichert von der SWU waren als Ansprechpartner vor Ort eine große Hilfe. Wenn sie gesehen hatten, dass eine Schülergruppe kommt, haben sie geholfen, dass die Kinder sicher über die Baustelle kommen.

Die Müllabfuhr musste sich auch etwas einfallen lassen, da ja unsere Schule nicht mehr für Müllfahrzeuge erreichbar war. Müllmänner haben sich dann die Tonnen mit Gabelstaplern geholt. Probleme hatten wir vor allem mit den Radfahrern, die etwa übers Lehrer Tal fahren sollten, was den meisten offenbar zu umständlich war. Stattdessen kamen sie auf den Gehwegen den gesperrten Mähriger Weg runtergeschossen, was zu mehreren Beinah-Zusammenstöße mit Kindern geführt hatte, die nichtsahnend aus dem Schulhof kamen. Wenn Eltern etwas zu den Radfahrern gesagt haben, dann wurden die Eltern teils beschimpft.

Eltern haben vor allem die Situation mit den Parkplätzen bemängelt, obwohl es vor der Baustelle auch keine Parkplätze an der Schule gegeben hatte. Manche Eltern haben ihre Kinder etwa  am Stifterweg oder an der Kirche aus dem Auto gelassen, was zu gefährlichen Situationen geführt hat, weil die Kinder teilweise irgendwie  und irgendwo über die Straße gerannt sind. Da haben wir keine Lösung gefunden.

Rektorin Sandra Ritschmann: „Probleme hatten wir mit Fahrradfahrern.“
© Foto: Oliver Schulz

Hildegard Dahmani, selbstständig mit einem Büro im Mähringer Weg

Direkt vor meinem Büro war lange Zeit alles aufgerissen, erst die eine Seite, dann die andere, denn die Straßenbahn wird durch den Mähringer Weg fahren. Mir haben am meisten die Bauarbeiter leidgetan, die bei der allergrößten Hitze Teer aufgetragen haben.

Das hat so schlimm gestunken, ich bin ja schier erstickt in meinem Büro, aber ich kann wenigstens die Tür zumachen. Die Bauarbeiter standen mittendrin in den Dämpfen. Die Bauarbeiter haben überhaupt  immer darauf geachtet, dass wir Anwohner eine guten Zugang zu den Häusern hatten  und sind immer sofort mit Baggern und Lastern weggefahren, wenn man als Anlieger mit seinem Auto kam. 

Die Bauzeit habe ich nicht als schlimm empfunden. Sicher musste ich auch mal Umwege fahren, wenn ich zum Büro wollte, aber was soll’s? Jeder will eine schöne Stadt, aber von selber kommt das nicht. Und jetzt schauen Sie mal, wie schön das geworden ist. Alle sagen jetzt, was wir für ein Glück haben, mit der Straßenbahn vor der Tür. Nur die Bauzeit aushalten, das will niemand.

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