Ein Wundermittel im Kampf gegen den Krebs – das erhoffen sich viele Betroffene von Methadon. Dabei ist die erhoffte Wirkung, nämlich das Sensibilisieren der Krebszellen gegenüber der Chemotherapie, noch nicht durch Patientenstudien nach wissenschaftlichen Standards belegt. Seit einigen Jahren sorgt die Ulmer Chemikerin Dr. Claudia Friesen mit ebenjener These aufgrund eigener Laborversuche und Fallberichte für Aufruhr. Anfang nächsten Jahres soll eine Darmkrebs-Studie an der Universitätsklinik Ulm anlaufen und für mehr Klarheit sorgen.

Bisher wird das Medikament nur in der Suchttherapie und als Schmerzmittel verwendet. Manche Tumorpatienten verlangen daher gezielt nach Methadon gegen Schmerzen – aber nicht alle Ärzte verschreiben es. Hausarzt Dr. Christian Kröner aus Pfuhl nutzt das von Friesen erforschte D,L-Methadon (siehe Infokasten) seit mehreren Jahren in der Schmerztherapie.

Herr Dr. Kröner, Sie benutzen Methadon als Schmerzmittel bei Krebspatienten. Einige hoffen, davon gesund zu werden. Wie gehen Sie damit um?

Christian Kröner: Wenn man einen schweren Krebs hat, nimmt man jeden Strohhalm. Natürlich hat der Patient die Hoffnung, dass das etwas gegen seinen Krebs bewirkt. Als Arzt muss ich dann ganz klar sagen: Es gibt keinen Nachweis. Als Schmerztherapie machen wir das, aber wir wissen nicht, ob es gegen Krebs hilft.

Nutzen manche Patienten mit einer Krebserkrankung das aus, um an Methadon zu kommen?

Wir haben Patienten, die haben keine Schmerzen und wollen trotzdem Methadon.  Das muss man im Einzelfall entscheiden. Den meisten Patienten, die kommen, geht es aber so schlecht, dass es da wenig Diskussion gibt. Der Eisbecher ist die Chemotherapie, Methadon kann nur das Sahnehäubchen sein, kein Ersatz für die Chemo- oder die Immuntherapie.

Methadon wird unter Ärzten heiß diskutiert. Wie reagieren Kollegen darauf, dass Ihre Praxis damit arbeitet?

Wir wurden auch mit Dreck beworfen. Es hieß: Sie machen Krebstherapie mit Methadon. Nö, bei uns kriegen es die Patienten, weil sie es wollen und es medizinisch egal ist, ob ich Schmerzen mit Morphium oder Methadon bekämpfe. Hoffnung spielt eine große Rolle in der Krebstherapie. Der Patient braucht immer ein Licht am Ende des Tunnels, wo er hinlaufen kann. Manche Ärzte wollen damit selbst nicht arbeiten, aber schicken ihre Patienten zu uns.

Wie das?

Ich hatte Leute da, deren Hausarzt hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, es zu verschreiben. Weil er nie mit Methadon gearbeitet hat. Viele Kollegen haben keine Ahnung davon, das wollen aber wenige zugeben. Ich meine das gar nicht ketzerisch. Ich hätte auch keine Ahnung, wenn ich nicht die Ausbildung zum Suchtmediziner gemacht hätte.

Ist der Umgang mit Methadon nicht Teil der medizinischen Ausbildung?

Doch. Jeder Arzt muss mit Opioiden umgehen können. Aber zu Methadon habe ich im Studium nur einen Satz gelernt: „Methadon ist ein Drogenersatz.“ Es ist ein Nischenmedikament. Was man nicht kennt, benutzt man nicht gerne. Das Problem ist, dass es das D,L-Methadon nicht fertig hergestellt  gibt. Man muss es in der Apotheke mischen lassen. Es gibt keine Packungsbeilage für die Ärzte, wo drinsteht, wie man es verwendet. Man braucht also viel Erfahrung damit.

Wie geht es den Patienten mit Methadon?

Ich habe keine Wunderheilung gesehen. Aber dass die Menschen damit ziemlich lange gut leben. Methadon hat weniger Nebenwirkungen als andere Opioide, macht weniger müde. Wir haben viele Leute mit einer schweren Krebserkrankung, die damit täglich arbeiten gehen, deutlich schmerzfreier sind.

In Folge von Claudia Friesens Fernsehauftritten 2017 ist die Nachfrage nach Methadon angestiegen. Wie hat das Ihre Arbeit verändert?

Der Einzugsbereich der Praxis hat sich schlagartig vergrößert. Die Leute sind bis zu 200 Kilometer weit gefahren, um sich hier zu Methadon beraten zu lassen. Das hat etwas nachgelassen, weil es mittlerweile wohl doch mehr Kollegen verschreiben.

Was sagen Sie zur geplanten
Methadon-Studie mit Darmkrebspatienten?

Wir warten seit Jahren darauf. Das ist der richtige Schritt, um die Diskussion auf saubere Füße zu stellen. Bisher basiert sie auf Meinungen und nicht auf Fakten. Ich bin fest davon überzeugt, dass weder die böse Pharmaindustrie Methadon verhindert, noch die gute Methadontherapie alles heilen wird. Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen. Aber auch wenn rauskommt, dass Methadon nicht gegen Krebs wirkt, werde ich es in der Schmerz­therapie weiter verwenden. Den Patienten geht es damit gut.

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Ulm

Ausbildung als Suchtmediziner


Zur Person Der gebürtige Ulmer Dr. Christian Kröner (38) ist Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin und arbeitet als niedergelassener Hausarzt im Neu-Ulmer Stadtteil Pfuhl. Nach dem Medizinstudium in Hannover absolvierte er die Facharztausbildung in der Schweiz. Nebenberuflich bildete er sich als Notarzt und Suchtmediziner weiter. Er ist Lehrbeauftragter der Universität Ulm für Allgemeinmedizin.

Schmerzmittel Methadon zählt zu den Opioiden. Dabei handelt es sich um künstlich hergestellte Substanzen mit einer Wirkung, die der des Opiats Morphium ähnelt. Methadon gibt es in den Varianten L-Methadon, das stark schmerzlindernd wirkt, und D-Methadon, das bei Nervenschmerzen hilft. D,L-Methadon ist ein Gemisch aus beiden Varianten.