Der Aufschrei ist einhellig. Die Fachschaften der Musiklehrer, der Landesmusikrat und die zwei größten Musikverlage Baden Württembergs laufen Sturm gegen  die neue  „Verordnung des Kultusministeriums über die Wiederaufnahme des Schulbetriebs unter Pandemiebedingungen“. Die besagt nämlich unter anderem, dass das Singen und das Musizieren für Blasmusiker im Unterricht an baden-württembergischen Schulen im kommenden Schuljahr verboten ist.

„Eine Katastrophe“, sagt Tobias Hermanutz. Der leitet die Sinfonietta des Ulmer Humboldt-­Gymnasiums. Ein Spitzenensemble, das 2012 in seiner Kategorie den Deutschen Orchesterwettbewerb gewann. Seine Befürchtung: „Wenn die Chöre und Orchester ein weiteres Jahr nicht proben können, fahren sie alle gegen die Wand.“

Andere Länder als Beispiel

„Die Sicherheit von Lehrern und Kindern ist wichtig“, sagt Johannes Graulich. Der Chef des Stuttgarter Carus-Verlags ist auch Kinderarzt. Doch dafür müsse weder das Singen noch das Musizieren mit Blasinstrumenten kategorisch verboten werden. In Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Berlin gehe man andere Wege. „Sogar die Bayern sind da weiter“, sagt Graulich.

Dort sind für Bläser und Sänger zwei Meter Abstand vorgeschrieben. Die Bläser sollen sich versetzt aufstellen, um Gefahren durch Aerosolausstoß zu minimieren. Das Kondenswasser der Blasinstrumente darf nur ins Waschbecken entleert werden. Und nach 20 Minuten Unterricht sollen die Räume zehn Minuten lang belüftet werden.
Die baden-württembergischen Musiklehrer organisieren jetzt ihren Widerstand. Sie haben zu einer Online-Petition aufgerufen. Und am kommenden Mittwoch sollen im ganzen Land Demonstrationen auf das Problem aufmerksam machen.
Auch die Chorverbände im Land protestieren gegen das Gesangsverbot und haben in einem Schreiben Kultusministerin Susanne Eisenmann aufgefordert, die Verordnung zu ändern.  Das Kultusministerium hat jetzt auf diesen Protest reagiert: Man werde analog zum Infektionsgeschehen und zu aktuellen medizinischen Einschätzungen die Vorgaben kontinuierlich überprüfen und auch über mögliche Lösungen für das Singen mit mehr Abstandsmöglichkeiten nachdenken – etwa in Räumlichkeiten außerhalb der Schulen, heißt es von dort.

Info Die Petition der Musiklehrer findet man im Internet unter www.openpetition.de/petition/online/rettet-die-ags-rettet-die-schulmusik