Häftlinge Büromöbel aus dem Ulmer Knast

Täglich von kurz vor 7 bis 16 Uhr: Die Tätigkeit in den Werkstätten soll den Gefangenen eine Struktur in ihrem Alltag geben. In der Schlosserei werden vor allem Teile für Büromöbel hergestellt. 
Täglich von kurz vor 7 bis 16 Uhr: Die Tätigkeit in den Werkstätten soll den Gefangenen eine Struktur in ihrem Alltag geben. In der Schlosserei werden vor allem Teile für Büromöbel hergestellt.  © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Katrin Stahl 07.11.2018

Um kurz vor sieben Uhr morgens beginnt die Arbeit in den Werkstätten in der Talfinger Straße 30. Mittags gibt es eine Pause. Feierabend ist um 16 Uhr. Ein ganz normaler Arbeitstag – bis auf die Tatsache, dass die Arbeiter anschließend nicht nach Hause gehen, sondern nur ein Gebäude weiter in ihre Zimmer. Sie sind Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Ulm (JVA) und befinden sich im offenen Vollzug.

Eingliederung in die Gesellschaft

„Resozialisierung mit Produktivität“ – so lautet das Ziel des Vollzuglichen Arbeitswesens (VAW). In den Betrieben, die es in ganz Deutschland gibt, sollen die Strafgefangenen auf das berufliche Leben nach ihrer Entlassung vorbereitet werden. Neben der gesellschaftlichen Eingliederung wird auch Wert auf wirtschaftlich sinnvolle Arbeit gelegt. In Baden-Württemberg, wo für Häftlinge Arbeitspflicht herrscht, stehen die insgesamt 18 Niederlassungen seit 2001 unter dem Dach des Landesbetriebs VAW. Dieser Zusammenschluss ermögliche eine bessere kaufmännische Steuerung. „Wir sind wirtschaftlich ergiebig“, sagt die Geschäftsführerin der Ulmer Niederlassung, Gabriele Schmidt.

Fünf Arbeitsbetriebe gibt es in der JVA Ulm. In der Hauptanstalt in der Oststadt liegen Schreinerei, Schlosserei und ein Betrieb, der Unternehmen mit kleinen Diensten zuarbeitet. Etwa 120 Insassen sind dort tätig, kümmern sich um allgemeine Handwerks-, Montage- und Verpackungsarbeiten. Der Fokus liegt auf der Herstellung von Büromöbeln. Kunden sind vor allem Justiz- und Gerichtsgebäude sowie Ministerien und Polizeistationen in Baden-Württemberg. Die Nachfrage ist groß, über 1600 Arbeitstische werden im Durchschnitt pro Jahr produziert. Besonders beliebt: Die Neuentwicklung „eJustice“, ein ergonomischer, elektromotorisch höhenverstellbarer Sitz-Steharbeitsplatz.

Pro Stunde erhalten die Gefangenen für ihre Arbeit zwischen 1,60 Euro und 1,80 Euro. Etwas mehr als die Hälfte davon wird treuhänderisch verwaltet und fließt in das Überbrückungsgeld, das für die Zeit unmittelbar nach der Haft gedacht ist. Den Rest dürfen die Häftlinge nach Belieben ausgeben – meistens tun sie das für Zigaretten und Kaffee. Etwa sechs Monate bleiben die Häftlinge im Durchschnitt im Betrieb. Im besten Fall folgt dann der nächste Schritt, der Freigang.

Ein beinahe ganz normales Leben

„Unser Auftrag ist es, die Gefangenen auf ihr zukünftiges Leben in der Gesellschaft vorzubereiten“, erklärt Nadine Schmelzer, stellvertretende Leiterin der JVA Ulm. Und das Wichtigste im Leben seien nun einmal Arbeit und ein soziales Gefüge. „Durch die Tätigkeit in den Werkstätten erhalten die Gefangenen eine Struktur in ihrem Alltag, sie müssen sich selbst organisieren.“ Dies beginne bei dem eigens zubereiteten Frühstück am Morgen und reiche über den Urlaub, der beantragt werden muss, bis zum persönlichen Zimmerschlüssel, den jeder Gefangene besitzt. Ein beinahe ganz normales Leben also – im Kleinformat auf 1,2 Hektar Gefängnisfläche, und mit strengen Richtlinien: kein Alkohol, keine Drogen, keine Gewalt. „Wir geben den Häftlingen einen Vertrauensvorschuss“, sagt Schmelzer. Nur so würden diese lernen, Verantwortung zu übernehmen. Warum die ausschließlich volljährigen Männer im offenen Vollzug sind, hat unterschiedliche Gründe (siehe auch Infokasten). „Wir haben Insassen, die Sexualstraf- und Gewalttaten bis hin zum Mord begangen haben“, erzählt Schmelzer. Viele seien wegen Betrugs da, einer wegen wiederholten Fahrens ohne Führerschein. Grundsätzlich gehe man bei keinem der Gefangenen von einer Fluchtgefahr aus.

Was die Häftlinge von der alltäglichen Struktur halten? Da ist sich Schmelzer sicher: „Der Großteil ist froh darüber, etwas zu tun zu haben.“

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Man darf sich frei im Gefängnis bewegen

Gestaltung Im Gegensatz zum geschlossenen Vollzug können sich die Häftlinge im offenen Vollzug frei innerhalb des Gefängnisses bewegen. Es werden keine oder nur verminderte Vorkehrungen gegen eine Flucht getroffen.

Gründe In den offenen Vollzug kommt ein Gefangener, wenn keine Gefahr besteht, dass er diese erweiterte Freiheit missbraucht. Oft ist es der letzte Schritt vor dem Freigang. Ziel ist die Resozialisierung der Gefangenen und deren Eingliederung in die Gesellschaft.

Standort Im Jahre 1970 wurde die Hauptanstalt der JVA Ulm zu einer Anstalt des offenen Vollzugs umgewandelt. Das Gefängnis besitzt insgesamt 153 Haftplätze.

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