Ulm / Rudi Kübler  Uhr
Entscheidung gegen Batterieforschungsfabrik in Ulm überlagert die Eröffnung des Zentrums für Quanten- und Biowissenschaften.

ZQB – so heißt abgekürzt das neueste Gebäude auf dem Oberen Eselsberg. ZQB steht für: Zentrum für Quanten- und Biowissenschaften; die Gesamtbaukosten lagen bei rund 23 Millionen, dazu kommen ein paar Millionen Euro für die Laborausstattung, die modernsten Anforderungen entspricht. Schließlich sollen hier auf rund 2800 Quadratmetern  Wissenschaftler der Uni Ulm interdisziplinär und auf Spitzenniveau an einem Stück Zukunft forschen: dem Transfer der quantentechnologischen Grundlagenforschung in die Anwendung. „Das ist Forschung an den kleinsten Teilen, Sie drehen aber ein großes Rad“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Richtung von Tanja Weill, Martin Plenio, Fedor Jelezko und Frank Kirchhoff. Dieses Professoren-Quartett wird den Neubau – ein Entwurf des Stuttgarter Architektenbüros Heinle, Wischer und Partner – primär mit ihren Projekten bespielen.

Kretschmann: „Ich bin angefressen“

Kretschmann wäre jedoch nicht Kretschmann, ginge er nach der jüngst getroffenen und heftigst umstrittenen Entscheidung des Bundesforschungsministeriums, die Batterieforschungsfabrik nach Münster anstatt nach Ulm zu vergeben, einfach zur Tagesordnung über. Er habe sich nicht nur gewundert, er sei höchst irritiert gewesen oder: „salopp gesagt: Ich bin angefressen“. Mit diesen Worten leerte der Ministerpräsident einleitend den Kropf – und wie! Es gehe nicht um eine x-beliebige Frage, sondern um einen großen Umbruch. „Es geht um Innovationsführerschaft und um Klimaziele. Wir stehen im Wettbewerb mit dem Silicon Valley, mit Singapur und mit Korea, da müssen Stärken gestärkt werden“, sprach sich Kretschmann unter dem Beifall der Wissenschaftler und Politiker für den Standort Ulm aus.

Der 28. Juni 2019 ist ein Tag, an den man sich in Ulm noch lange erinnern wird. Es platzte ein Zukunftstraum, die Stadt wird nicht zentraler Forschungsstandort für die Produktion von Batteriezellen. Das hat weitreichende Folgen.

Dort Geld reinzubuttern, wo es keine Automobilindustrie gebe, sei unverständlich – ebenso die Maßstäbe, nach denen diese Entscheidung getroffen worden sei. Er habe bereits mit seinen Kollegen Markus Söder (Bayern) und Stephan Weil (Niedersachsen) Gespräche aufgenommen, um den Druck auf das Forschungsministerium zu erhöhen. Dass der Standort Ulm an einem Forschungszentrum für Brennstoffzellen und Wasserstoff beteiligt werden solle, bezeichnete Kretschmann zwar als gute Nachricht, „aber wir werden das nicht als Ersatz akzeptieren“.

Thema Batteriefabrik: Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut hat viele kritische Fragen, weil Ulm leer ausging.

Weitere Reaktionen

Uni-Präsident Michael Weber stieß ins selbe Horn, allerdings mit leiseren, aber nicht weniger nachdenklichen Sätzen. „Dass die Uni Ulm das Zentrum für Quanten- und Biowissenschaften erhalten hat, ist einem wissenschaftsgeleiteten Verfahren geschuldet. Das heißt: Der Beste bekommt den Zuschlag.“ Wissenschaftler forschten in Harvard zwar auch am Thema Quantentechnologie, „aber ein ZQB gibt es nur in Ulm“, sagte Weber.

Gunter Czisch geißelte ebenfalls die Entscheidung gegen Ulm, die das von Anja Karliczek (CDU) geführte Forschungsministerium getroffen hat. Es gehe nicht darum, Egoismen vor sich herzutragen, „aber im globalen Wettbewerb müssen Stärken gestärkt werden“, sagte der Ulmer OB und nahm damit die Worte von Ministerpräsident Kretschmann auf. Bereits am Vormittag hatte Czisch beim Festakt „175 Jahre Seeberger“ (Seite 22) davon gesprochen, dass er in der Region eine große Bereitschaft verspüre, „Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich freue mich über die Bereitschaft, ein Konsortium auf den Weg zu bringen gemeinsam mit Wirtschaft und Wissenschaft.“

Bundesforschungsministerin Karliczek kommt übrigens am Montag, 15. Juli, nach Ulm. Eine Station wird das Rathaus sein – was Czisch befürwortet. „Dann fordern wir von ihr die notwendige Transparenz. Ohne Schaum vorm Mund.“

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Was ist risikobehaftete Forschung?

Projekt Beim ersten Anwendungsbeispiel, das im neuen Gebäude ZQB erforscht werden soll, handelt es sich um das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 1,5 Millionen Euro geförderte Reinhart-Koselleck-Projekt. Der Ulmer Physiker Prof. Martin Plenio will über diese sehr selten vergebene Forschungsförderung zeigen, dass die Magnetresonanztomographie (MRT) mit Hilfe der Quantentechnologie auf eine höhere Ebene gehoben werden kann. Ziel sind kleine, kostengünstige MRT-Geräte, die einfach zu handhaben sind und auch beispielsweise in der Hausarztpraxis Anwendung finden können. Risikobehaftet ist die Forschung deshalb, weil die Erfolgsaussichten unklar sind, sprich: das anvisierte Ziel vielleicht nicht erreicht wird.