Langenau / Von Helmut Pusch  Uhr

Am Anfang war ein Auto: ein Renault R4 F6. Ein Minivan, würde man heute sagen. Einen R4 hatte auch der junge Helmut Schlaiß in den 70er Jahren besessen, mit dem er oft nach Italien gefahren war. So ein Auto wünschte sich der mittlerweile 65-jährige Langenauer wieder. Ein Bekannter, der in Frankreich lebt, vermittelte ihm einen R4, den Schlaiß zum Einmann-Wohnmobil ausbaute. Das Ziel? Klar: ­Italien.

 „Doch ich wollte nicht nur rumfahren, ich wollte etwas mit Sinn machen“, erzählt er. Eher zufällig fiel ihm da Goethes Tagebuch seiner Italienreise in die Hände. Und weil Schlaiß seit Jahrzehnten seine Brötchen als Fotograf verdient, stand schnell fest, dass er auf den Spuren Goethes Italien fotografieren würde.

Schlaiß packte seine Leica M Monochrome ein, die nur Schwarzweiß-Aufnahmen macht – und fuhr erst mal mit dem Zug nach Venedig. Das hatte Schlaiß vorher schon gut zwei Dutzend Mal besucht, dort kennt er sich aus, und dort wollte er mit seiner Kamera ausprobieren, wie man der Aufgabe gerecht wird. Schlaiß hatte nur ein 50-Millimeter-Objektiv dabei. „Diese Brennweite entspricht am ehesten dem menschlichen Auge“, erklärt der Fotograf: „Goethe hatte ja auch kein Weitwinkelobjektiv oder Fernglas.“

Nachdem Schlaiß mit seinen Versuchen in Venedig zufrieden war, setzte er sich in seinen Renault und fuhr – nach Karlsbad. Denn dort startete Goethes „Italienische Reise“: „Früh um drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte.“ Wie setzt man das ins Bild? Schlaiß fotografierte die alte Post in Karlsbad, deren Uhr drei Uhr zeigt, während am nächtlichen Himmel der Vollmond von dramatischen Wolken umspielt wird.

„Benediktbeuren liegt köstlich und überrascht beim ersten Anblick. In einer fruchtbaren Fläche ein lang und breites weißes Gebäude und ein breiter hoher Felsrücken dahinter.“ Der Blickwinkel ist hier klar definiert. „Ich habe immer versucht, Goethes Beschreibungen zu folgen“, sagt Schlaiß. Waren die zu ungenau, suchte sich der Fotograf seine eigene Position. Probeschüsse gab es nicht. „Ich habe mir erst mein Motiv gesucht und dann fotografiert“, sagt Schlaiß – und das meisterlich: Die Bilder haben eine unglaubliche Schärfentiefe, wirken fast übernatürlich.

Anmutung von Goethes Zeit

Doch Schlaiß wollte nicht nur Goethes Blickwinkel, seine Fotografien sollten auch wie aus Goethes Zeit anmuten, also keine Touristenmassen oder moderne Verkehrsmittel zeigen. Oft fotografierte er deshalb in den frühen Morgenstunden. Wartete manchmal stundenlang auf den perfekten Augenblick, wie etwa bei der Porta del Popolo. Ein Pflichtmotiv, war sie doch für Goethe das Entrée Roms: Insgesamt vier Stunden wartete Schlaiß, bis das Tor, das heute an einer der Hauptverkehrsadern Roms liegt, nicht von Autos verdeckt war.

In vier Etappen hat Schlaiß  Goethes komplette Reise nachempfunden, dessen Stationen auf 125 Fotografien eingefangen. An ein Buch dachte der 65-Jährige dabei nicht. „Ich hatte gehofft, dass vielleicht eine Galerie an diesem Projekt Interesse hat“, erzählt Schlaiß – bis Kritikerpapst Denis Scheck auf Einladung der Langenauer Buchhandlung Mahr 2017 im Pfleghof sein Jane-Austen-Buch vorstellte. Schlaiß begleitet Mahrs Lesungen immer mit der Kamera, und Mahrs Frau Angelika riet Schlaiß: „Lade doch ein paar von deinen Italienfotos auf dein Smartphone.“ Schlaiß befolgte den Rat, zeigte die Auswahl Denis Scheck, und der war sofort begeistert, bestellte sich spontan eine gerahmte Aufnahme der Via Appia. „Wir sind dann so verblieben, dass wir uns nach Abschluss des Projekts nochmal unterhalten wollten.“

Im Januar 2018 kam Scheck  dann nach Rammingen, schaute sich die kompletten Fotografien an und meinte: „Da muss man was daraus machen.“ Und er machte. Eine Woche später rief Horst Lauinger, der Chef des Manesse-Verlags, bei Schlaiß an. Der wollte nicht nur einen Bildband, sondern die Schlaiß-Fotografien mit dem Originaltext Goethes zu einem Prachtband zum 75-jährigen Bestehen des Mannesse-Verlags machen. Ein Ritterschlag.

Buchvorstellung im Langenauer Pfleghof

Premiere Helmut Schlaiß, Denis Scheck, der das Nachwort verfasst hat, und Verleger Horst Lauinger stellen am Sonntag, 17. März, 17 Uhr, „Italienische Reise. Ein fotografisches Abenteuer von Helmut Schlaiß“ im Langenauer Pfleghofsaal vor.

Buch Dem Text von Goethes „Italienischer Reise“ sind 125 Fotografien in Duoton-Technik vorangestellt, mit der jeweiligen Passage aus Goethes Text. Das Buch erscheint bei Manesse in zwei Qualitäten: als gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag zu 49,80 Euro und als auf 500 Exemplare limitierte Luxusausgabe mit signiertem Print für 125 Euro.