Industrie Daimler revolutioniert Produktion in Neu-Ulm: Neuer Taktverkehr im Buswerk

Werksleiter Jochen Duppui in der Neu-Ulmer Produktion: Die Omnibusse mäandern durch mehrere Montagestationen.
Werksleiter Jochen Duppui in der Neu-Ulmer Produktion: Die Omnibusse mäandern durch mehrere Montagestationen. © Foto: Matthias Kessler
Neu-Ulm / Von Frank König 07.12.2017
Daimler revolutioniert die Busproduktion in Neu-Ulm und führt Standards aus der Autofertigung ein. Dazu gibt es ein Standortpaket. 2018 soll alles fertig sein.

Bei Setra geht 2018 ein mehrjähriges, groß angelegtes Projekt zur Umstellung der Busproduktion zu Ende. Die Neuordnung, die sich an den Standards der Autofertigung orientiert, verlief, wie berichtet, nicht ohne Spannungen in der Belegschaft. Viele Mitarbeiter wurden aus ihrem bisherigen Arbeitsumfeld herausgelöst und an neue Stationen versetzt. Daimler hatte dann Ende September mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung zum neuen „Zielbild“ für die europäischen Omnibuswerke vereinbart. Zu dem Gesamtpaket gehört auch eine Beschäftigungssicherung bis 2024.

Am Standort Neu-Ulm hat Werksleiter Jochen Duppui den großangelegten Systemwechsel mit Daimler-Bus-Produktionschef Marcus Nicolai umgesetzt. Der entscheidende Schritt wurde nach der Sommerpause gemacht: mit der Verlagerung der Setra-Produktion auf nur noch eine einzige Montagelinie. Voher waren es zwei, was für mehr Puffer in der eher handwerklichen Fertigung mit enorm vielen Varianten sorgte – aber aus Sicht des Managements inkonsequent und ein Stück weit ineffizient war. Inzwischen verzeichne man „keinerlei Rückstände“ mehr, sagt Duppui. Das bedeutet, dass die Busse nicht mehr aus dem Takt genommen werden müssen, weil vielleicht irgendein Bauteil gerade nicht vorhanden ist.

Das Ziel lautet, dass vier Fünftel der Omnibusse in nur einem Arbeitsgang fertig werden. Die kürzeste Taktzeit für einen Bus beträgt 36 Minuten pro Arbeitsstation. So durchläuft er in der mäandernden Fertigung 46 Stationen bis zur Fertigstellung, zu der auch das Finish mit Testfahrten gehört. Daimler hat Millionen in die Produktion im Werk Neu-Ulm investiert, um die Taktzeiten zu optimieren. Wie berichtet, wurden moderne Hub­arbeitsbühnen angeschafft, mit denen die Mitarbeiter inzwischen von oben an den Busdächern arbeiten können – bis hin zu Doppeldeckern.

Lokalpatriotismus spielt mit

Für das Material gibt es eigene Aufzüge. Die gesamte Materiallogistik wurde nach Duppuis Worten neu konzipiert, so dass alle Bauteile rechtzeitig am Band angeliefert werden und nicht nachträglich besorgt werden müssen. Weil das meist in der Hektik passiert, sei im Zuge des neuen Systems auch die Zahl der Arbeitsunfälle deutlich zurückgegangen.

Duppui kommt zwar von Neoplan (siehe Infokasten), kennt aber natürlich die Geschichte von Setra und Kässbohrer. Gerade wegen der langen Tradition des Ulmer Busherstellers, der 1995 in der Evobus aufging, wolle man eine „innovative Busfabrik“ haben. Da spiele durchaus ein Stück Lokalpatriotismus mit. Zuvor habe sich in dem 1992 noch unter Kässbohrer-Regie erbauten Werk im Starkfeld wenig geändert. Das neue Fertigungssystem hat letztes Jahr sogar den „Truck Operations Award“ der Daimler-Nutzfahrzeugsparte gewonnen.

Das System umfasst eine weitere Komponente: die Lackierung. Im bisherigen Produktionsverbund kamen alle Stadtbus-Karossen aus Mannheim zur Lackierung nach Neu-Ulm, was einen regen und natürlich kostspieligen Bahnverkehr auslöste. Nun hat Daimler für Busse das Konzept der Offline-Lackierung entwickelt. Dazu werden die Busse auch so umkonstruiert, dass sämtliche zu lackierenden Teile nicht mehr zur Karosserie gehören, sondern angeschraubt oder angeklebt werden. Sie werden zuerst an einem Trägerfahrzeug angebracht, auf dem sie in die Lackierbox gelangen. Danach gehen die Teile nach Mannheim und Ligny für den echten Bus und werden dort verarbeitet. Wegen der individuellen Lackierung der Busse bis hin zu Airbrush-Motiven erfordert das eine bis auf Zehntel-Millimeter genaue Montage. Derzeit durchlaufen jährlich noch 6500 Busse die Neu-Ulmer Lackierung im Zweischicht-Betrieb.

Das neue Produktionssystem sieht auch vor, dass der Standort nur für Setra-Reisebusse zuständig ist, Mannheim für Mercedes-Stadtbusse, auch als E-Version. Bisher konnte Neu-Ulm auch die Citaros bauen. Wegen des Booms bei Reisebussen – wegen Flixbus – spielte das zuletzt keine Rolle. 2016 verließen 2700 Reisebusse die Fabrik an der Otto-Hahn-Straße. 2017 werden es etwa 2000 sein. Das entspricht nach Angaben des Managements dem Zehnjahres-Durchschnitt. Die Zahl der auch für die Umstellung der Produktion nötigen Leiharbeiter wurde drastisch zurückgefahren. Die Beschäftigung der Stammbelegschaft ist gesichert.

3858 Mitarbeiter am Standort Neu-Ulm

Belegschaft Daimler beschäftigt bei Evobus in Neu-Ulm 3858 Mitarbeiter. Die Umstellung der Produktion wurde 2015 begonnen. Daimler investiert dazu 140 Millionen Euro in die europäischen Bus-Standorte.

Standorte Auch Mannheim wird umgestellt, dort entsteht ein Zentrum für E-Stadtbusse. Neu-Ulm ist im Standortpakets für Sicherheits- und Assistenzsysteme – so auch autonomes Fahren – zuständig.

Werksleiter Duppui war nach Studienabschluss 1994 als Fahrzeugingenieur zuerst bei Neoplan, ab 1996 bei Evobus, mit Stationen in Südamerika. Seit 2012 ist er Standortchef für Evobus in Neu-Ulm.