Interview „Wir sind eigentlich alles mutige Typen“

Ulm / Frank König 03.09.2018
Für viele bietet eine Festanstellung die sichere Basis, um ihren Lebensplan zu verwirklichen. Das gilt nicht für junge Gründer, die im Internet noch die Chance sehen, ihr Glück zu machen.Dazu zählt Florian Bischof von Picsure.

Als Gründer eines Unternehmens kann man, speziell in der Internet-Szene, wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg in den Popstar-Himmel aufsteigen – oder womöglich auch mal umsonst über Monate hinweg eine erfolglose App programmieren. Florian Bischof (34) von Picsure gefällt jedenfalls die unkonventionelle Firmenkultur von Start-ups, so dass bereits seine zweite Gründung läuft: Picsure. Es handelt sich um eine Wortkombination aus  „Picture“ (Bild) und „insure“ (versichern). Die Idee dahinter: Potenzielle Versicherungskunden sollen ein Handy-Foto des zu versichernden Gegenstands oder Tieres per App einreichen und auf dieser Basis ein Angebot für die Versicherungsprämie bekommen. Die Anwendung richtet sich in erster Linie an jüngeres Publikum. Medieninformatiker Bischof sieht in seinem Zweimann-Büro der TFU im Science Park gute Erfolgschancen. Für ihn bedeutet die Selbstständigkeit nicht nur Mut, sondern eine durchaus realistische Chance in einem Spiel um Erfolg und natürlich Geld.

Die Konjunktur läuft gut, die Wirtschaft sucht Leute, für viele ist da eine Festanstellung ein sicherer Hafen. Warum nicht für Sie?

Florian Bischof: Gerade weil die Wirtschaft gut läuft, kann ich das Risiko der Selbstständigkeit überblicken. Ich war auch direkt nach meinem Studium als Medieninformatiker zwei Jahre lang beim Versicherungsportal Finanzchef 24 angestellt. Ein Start-up hat den Vorteil flacher Hierarchien, und das Business wächst schnell.  Außerdem ist mein Beruf als Programmierer sehr gefragt, das ist beruhigend.

Was sind denn die Risiken?

Im schlimmsten Fall sind die Ersparnisse weg. Weil ich von München nach Ulm gezogen bin, hat auch das Geld länger gereicht.

Wie waren Ihre ersten Erfahrungen in Sachen Selbstständigkeit?

Ich habe in meinem ersten Start-up auf dem Feld Social Media ein­einhalb Jahre eine Dating-App programmiert, mit der Bekanntschaften auch später wieder mit dem Handy per Bluetooth erkannt werden. Die App „Mingl“ gibt es auch heute noch im App-Store, aber es konnten keine Investoren gefunden werden; und ich habe inzwischen keine Zeit mehr, sie zu pflegen. Durch einen freiberuflichen Auftrag für einen Prototypen habe ich ich meine heutigen Partner kennengelernt. Seit März 2017 bin ich nun Co-Founder beim Versicherungsdienstleister Picsure in München: mit Gehalt. Wir haben auch das Büro in der TFU im Science Park und einen weiteren Standort in Hamburg.

Woher nehmen Gründer den Mut zum Start eines eigenen Unternehmens, oder ist es manchmal auch der Mut der Verzweiflung?

Gründen liegt im Trend, Start-ups sind cool, es gibt Shows im Fernsehen. Erfolgreiche Gründer erscheinen in manchen Fällen wie Popstars. Allerdings scheitern immer noch sehr viele, aber Misserfolge werden in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen. Durch die Digitalisierung lässt sich aber mit weniger Mitteln gründen als beispielsweise beim Aufbau eines Dachdeckerbetriebs. Man kann im Internet etwas Großes schaffen.

Sind Sie selber ein mutiger Typ? Oder eher Ihre Partner in der Firma?

Wir sind alle mutige Typen, denn wir sind nicht von Investoren finanziert. Wir leben von unseren Umsätzen, die auch mal wegbrechen können. Unser CEO hat das Unternehmen in einem Accelerator-Programm für Start-ups in München begonnen.

Wie ist die Idee zu Picsure entstanden, in der es um die Erkennung zu versichernder Objekte mittels künstlicher Intelligenz geht?

Die Idee ist im Accelerator entstanden. Das ist ein Programm für neuartige Versicherungsprodukte, Stichwort Insuretec. Der Prototyp war Anfang 2017 fertig.

Die Erkennung von Objekten mag noch in Ordnung sein, aber kann so ein System nicht auch zur Personenerkennung missbraucht werden?

Künstliche Intelligenz ist nicht wirklich intelligent. Sie entwickelt von alleine keine neuen Fähigkeiten. Die Maschinen machen genau das, worauf sie trainiert sind. Um ihnen die Erkennung von Personen beizubringen, wäre der Aufwand zu hoch. Die Gesichter müssten eingespeichert werden. Für uns ist das kein Thema.

Welche Methoden verwendet Picsure zur Analyse von Bildern?

Wir erkennen Objekte mittels neuronaler Netze. Diese Gegenstände sind in einer Datenbank verknüpft. Das ist mit hohem Rechenaufwand durch schnelle Grafikkarten verbunden. Wir verwenden Produkt- und Preisdaten. So kann man mit dem Handy eine Uhr fotografieren und mit der App ermitteln, was die Versicherung kostet. Unser erster Kunde für die Uhrenerkennung war die schweizerische Baloise.

Auf Ihrer Homepage erwähnen Sie auch die Aufdeckung von Betrug.

Picsure macht auch Betrugserkennung im Schadensfall über die Metadaten von Bildern. Wir untersuchen, ob Manipulationen an einem Foto vorgenommen wurden, beispielsweise bei einem Auto-Unfall. Es geht darum, ob jemand in Betrugsabsicht Pixel oder GPS-Koordinaten verändert hat oder sich im Internet Duplikate finden lassen.

Woher stammt das Kapital für die Firma, welchen Mut mussten Sie zur Finanzierung aufbringen?

Das erfordert Verzicht. In manchen Monaten gab es kein Gehalt für die Gründer, während wir die Gehälter für die Mitarbeiter zahlen. Wir müssen Umsätze fahren, eine Firma geht schnell insolvent. Wir haben kein Fremdkapital aufgenommen.

Weshalb sind Sie von der Geschäftsidee so überzeugt?

Versicherungen  müssen sich bei Themen wie Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen weiterentwickeln, um so auch Kosten zu sparen. Mit künstlicher Intelligenz kann das gelingen.

Brauchen Ihre Kunden Mut, um ähnlich an die Software zu glauben, oder ist sie so einleuchtend?

Sie ist schon einleuchtend, aber es ist zweifellos ein Schritt für Versicherer, das Vertrauen zu finden und den Weg in eine neue Richtung zu gehen. Denn das alte System hat in der Vergangenheit ja immer funktioniert. Allerdings hat sich in den letzten Jahren in der Branche viel getan.

Welche Courage muss man aufbringen, um als junge Firma neue Mitarbeiter einzustellen und die Gehaltsverpflichtungen zu übernehmen?

Man muss sich darüber im klaren sein, dass es sich um Verpflichtungen handelt und die Frage stellen: Kann ich die Gehälter in den nächsten Jahren regelmäßig aufbringen? Man kann neue Mitarbeiter nicht deshalb einstellen, weil man  kurzfristig das Geld dazu hat.

Was kann denn Ihre Software noch?

Wir haben eine offene Schnittstelle, über die unsere Kunden Bilder analysieren können. Für Tierversicherungen haben die Bilderkennung für 150 Hunderassen eingerichtet. So kann man schnell ein Foto von seinem Hund machen und ein Versicherungsangebot bekommen. Ein weiteres Produktfeld sind elektronische Geräte wie Computer, Handys oder Kopfhörer.

Wie viele Mitarbeiter, welche Umsätze?

Wir beschäftigen mit Werkstudent fünf Mitarbeiter. Die Umsätze sind sechsstellig.

Wären Sie so mutig, eine Prognose für die weitere Entwicklung von Picsure zu geben?

Wir wollen Wachstum erzielen und die Mitarbeiterzahl vergrößern und das Spektrum unserer Anwendungen erweitern. Wir können inzwischen rund 10 000  Produkte erkennen. Ich sehe uns eher am Anfang.

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Zur Person

Vita Florian Bischof ist als Digitalgründer always-on, also per Handy stets mit dem Internet verbunden, aber ohne teures Spielzeug, sondern mit einem chinesischen Xiaomi-Handy. Der 34-jährge Laupheimer besuchte das Carl-Laemmle-Gymnasium und Wirtschaftsgymnasium  in Biberach. Studium zum Diplom-Medieninformatiker Uni Ulm und LMU, Abschluss 2013. Danach wechselte er als Webentwickler zu Finanzchef 24 in München. Anfang 2016 gründete er seine erste Firma, doch die Finanzierung erwies sich als Problem. Durch freiberufliches Programmieren lernte er seine neuen Partner bei Picsure kennen.

Zur Serie

Mut Substantiv, maskulin: Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden; Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte; grundsätzliche Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält – so definiert es der Duden.

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