Zwischennutzung „Endlich mal was Neues“: Richtfest im Gleis 44

Ulm / Lena Grundhuber 02.09.2018
Ein bunt gemischtes Publikum feiert die Eröffnung des „Gleis 44“ in der Schillerstraße mit klassischem Konzert und elektronischer Musik.

Ich könnte jetzt sagen, dass ich nur hier bin, um meine Kinder abzuholen“, meint Thomas Seisler. Stimmt aber gar nicht, der 56-Jährige ist einfach da, weil ihn interessiert, was hier los ist. So wie hunderte andere Besucher auch: Der Biergarten des neuen Zwischennutzungsprojekts „Gleis 44“ in der Schillerstraße 44 war zur Eröffnung am Samstagabend gesteckt voll mit Feiernden, und zwar keineswegs nur mit jugendlichen Partymenschen. Die Sehnsucht nach ein bisschen mehr Subkultur in Ulm scheint sich quer durch die Generationen und Szenen zu ziehen.

Insofern war es eine ziemlich charmante Idee, das Unternehmen mit kulturellem „Crossover“ zu starten – und das frisch Graffiti-besprühte ehemalige Bahngebäude ausgerechnet mit einem klassischen Konzert zu eröffnen: Tamás Füzesi, Konzertmeister der Ulmer Philharmoniker, und der junge Pianist Janis Pfeifer hatten den Flügel in der neuen Surf-Werkstatt aufgestellt.

Im Hintergrund standen die Surfbretter, über den Köpfen baumelte lustig die Ananas-Girlande, aber die Musiker ließen sich davon ebensowenig irritieren wie von der Geräuschkulisse des Bahnbetriebs vor der Tür.

„Mutige Entscheidung“

Der Lärm, allerdings nicht der Bahnlärm, ist schon jetzt, nach drei Monaten Umbauphase, zum Thema geworden: „Das ist natürlich eine Umstellung für die Nachbarschaft, man wird sich auf beiden Seiten arrangieren müssen“, sagt Kulturbürgermeisterin Iris Mann.

Deshalb also werden an diesem Samstagabend zum Beispiel die Schallschutzfensterläden eingebaut, bevor es drinnen mit dem elektronischen Club-­Betrieb losgeht und der Biergarten gegen 23 Uhr so langsam schließt.

Entsprechende Gespräche, um Kompromisse mit dem betroffenen Nachbarn zu finden, liefen, sagt Kulturbürgermeisterin Mann. Abgesehen davon finde sie „supercool“, was die jungen Leute um die neuen Hausherren Samuel Rettig, Paul Kost und Raffael Schmidt da so alles auf die Beine gestellt haben. Am Samstag konnte man sich denn auch die ersten kulturellen Pflänzchen ansehen: Die offene Mal- und Bastelwerkstatt der UstA zum Beispiel, den Raum, den die HfK+G für ihre Studenten angemietet hat oder auch die kleinen Ateliers für Künstler wie Mark Klawikowski und Janina Schmid.

In ihrer kleinen Ansprache zum „Richtfest“ – ganz solide mit Blumenkranz und Taufe ausgestattet – lobte Kulturbürgermeisterin Mann noch einmal die „mutige Entscheidung“ der Stadt und der Sanierungstreuhand Ulm für so ein Projekt mit ungewissem Ausgang. „Es ist toll zu sehen, dass die jungen Leute drum gekämpft haben, diese Verantwortung übernehmen zu dürfen.“ Drei Jahre lang läuft die Zwischennutzung auf dem Gelände, drei Jahre lang haben die Macher von „Gleis 44“ nun Zeit, das Haus auf seinen 400 Quadratmetern mit Leuten, Leben und Aktionen zu füllen.

„Wir wollen versuchen zu mischen und für alle was zu bieten“, sagte Paul Kost noch in der kleinen Dankesrede zur Taufe. Vielleicht muss das gar nicht sein, vielleicht reicht es erst einmal, ein bisschen Freiraum zu bieten. Oder, wie die 24-jährige Franzi fast schon stoßseufzt: „Ich bin froh, dass es endlich mal wieder was Neues in Ulm gibt.“

Das könnte Dich auch interessieren:

Wie es weitergeht

Das Haus von „Gleis 44“ ist nun endlich offiziell eröffnet, der Biergarten soll erst einmal immer am Wochenende (Fr/Sa)in Betrieb sein. Für die kommenden Veranstaltungen müsse man noch eine ausstehende Genehmigung abwarten, sagt Samuel Rettig, einer der Betreiber.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel