Theater Verschärft aktuell: „Die Weber“ in Stuttgart

Stuttgart / Otto Paul Burkhardt 15.01.2019

Unten und oben sind klar zu erkennen. Zerlumpte Lohnarbeiter tragen stumm eine schwere Last über ihren Köpfen: die Kommandozentrale ihrer Firma, wo ihr Chef, der Fabrikant Dreißiger, über die Sorgen des Unternehmerdaseins jammert. Auch als unter ihm ein Kind entkräftet umkippt, schimpft er dort oben weiter über aufmüpfige Arbeiter, die von Hunger reden und dabei ihren Lohn versaufen. Dass Dreißiger, kein Scherz, auch noch einen goldenen Glitzeranzug trägt, macht ihn vollends zum Buhmann. Alles Klischee oder was? Immerhin zeigt dieses sprechende Bild: Das Obergeschoss, in dem der Fabrikant residiert, hält sich nur deshalb oben, weil es von den Arbeitern wie eine Sänfte gestemmt und getragen wird. Und weil sich manche auch danach strecken. So beginnt Gerhart Hauptmanns Klassiker „Die Weber“ in Stuttgart – am Samstag war Premiere im Schauspielhaus.

Fünf Akte in eineinhalb Stunden: Der österreichische Regisseur Georg Schmiedleitner dampft den Naturalismus-Klassiker auf Rekordkürze ein. Er streicht die Hälfte des Personals und operiert teils mit einem Sprechchor, der an ähnliche Phalanx-Massen von Einar Schleef und Volker Lösch erinnert. Bei ihm sind es nicht die schlesischen Weber, die den Aufstand wagen, sondern Billiglohnkräfte der globalen Textilindustrie: Die Bühne ist zugemüllt mit Blue Jeans – und Hauptmanns Drama, so suggeriert die Regie, könnte jederzeit auch in Bangladesh stattfinden.

Ein Land, in dem 2013 der Einsturz einer maroden Bekleidungsfabrik mehr als 1100 Todesopfer forderte. Und ein Land, aus dem die Bundesrepublik enorm viele Importe bezieht. Bald hat die Kommandobrücke des Fabrikanten keinen Unterbau mehr. Die tragende Basis der Arbeiter verweigert sich. Und so hängt das Ding jetzt labil an Seilen von der Decke herab, bevor es ganz nach unten sackt und havariert.

Verschärfte Aktualität

Der Regie gelingt es, stilisiert die verschärfte Aktualität des Dramas zu zeigen. Schmiedleitner heizt dabei die Aufruhrstimmung mit skandierten Chören und grellen Scheinwerfer-Batterien an. Dem ambivalenten Schluss – ausgerechnet der alte Hilse, ein Abwiegler, der an eine Erlösung im Jenseits glaubt, kommt beim Aufstand zu Tode – fügt die Regie eine weitere Symbolszene hinzu: Der Fabrikant bietet einem Rebellen grinsend eine Zigarre an, halb Bestechungsversuch, halb Versöhnungsgeste. Zwischen den Einbahnstraßen Mitleidsdrama und Agitprop findet Schmiedleitner einen dritten Weg – und eher Fragen als Antworten am Ende. Kurzer, starker Beifall.

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