Die Dauerausstellung zum Projekt Stuttgart 21 zieht ans Gleis 16. Die Deutsche Bahn, die Landesregierung, die Stadt Stuttgart und der Verband Region Stuttgart (VRS) haben insgesamt 3,4 Millionen Euro für ein neues Informationszentrum bewilligt. Am derzeitigen Standort oben im Bahnhofsturm kann das sogenannte Turmforum nicht bleiben: Denn der Bonatzbau wird von 2020 an in seinem Inneren komplett erneuert. Nur noch die Hülle des denkmalgeschützten Bahnhofsgebäudes aus dem Jahr 1922 wird stehen bleiben.

Die Vorbereitungen zu den auf fünf Jahre angesetzten Umbauarbeiten beginnen Mitte 2019. Dann werden der Turm samt Aussichtsplattform, die auf 58 Meter Höhe einen grandiosen Blick auf die Stadt bietet, für Besucher geschlossen. Die Schau soll dann ab September 2019 in einem Neubau am östlichsten der 16 Bahngleise gezeigt werden.

Vier Millionen Gäste

Das derzeitige Turmforum war Mitte 1998, lange bevor Stuttgart 21 öffentliches Aufsehen erregte, eröffnet worden. In diesen 20 Jahren haben nach Angaben des Trägervereins rund 4,1 Millionen Menschen die Ausstellung der Projektgesellschaft besucht. Dazu kamen 12 000 Führungen durch die Ausstellung und über das Baustellengelände. Am Freitag war diese Bilanz in einem kurzen Festakt mit viel lokaler Prominenz und dem Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) als Vertreter des südlichen Endes des Bahnprojekts gefeiert worden.

Vorsitzender des Vereins Bahnprojekt Stuttgart-Ulm ist der frühere CDU-Bundestagsabgeordneter Georg Brunnhuber. Er schwärmt, das Turmforum gehöre zu den Stuttgarter Highlights wie der Fernsehturm, die Museen oder die Wilhelma. Es sei ein festes Ausflugsziel geworden.

Ein Besuchermagnet soll die neue Informationsstätte bleiben. Der Anspruch dürfte nicht einfach einzulösen sein. Die Ausstellungsfläche schrumpft von 500 auf 300 Quadratmeter. Das Gebäude wird wieder eine Ausstellungsplattform bekommen. Die ist dann lediglich 26 und nicht mehr knapp 60 Meter über dem Boden. Was an der Raumgröße fehlt, soll über die Präsentationstechnik ergänzt werden. Brunnhuber spricht von digitalen Informationsmedien, über die sich Besucher mit speziellen Brillen in virtuelle Welten begeben können.

In der Virtual Reality sehen die Besucher nicht nur Züge, die in den neuen unterirdischen Bahnhof einfahren oder mit hohem Tempo nach Ulm rasen. Im Gegensatz zur alten Ausstellung soll die neue Schau mehr Themen aufgreifen. Das dürfte den Geldgebern geschuldet sein. Das Verkehrsministerium und die Stadt Stuttgart geben jeweils eine halbe Million Euro zum Bau und für die neue Ausstattung. An der Verwaltungsspitze stehen jeweils Mitglieder der Grünen-Partei, die sich immer wieder kritisch zum Projekt S 21 äußern. Sie wollen nicht nur als Geldgeber auftreten, sondern beim Ausstellungskonzept mitbestimmen.

Baubürgermeister Peter Pätzold kündigt an, dass die Stadt die Bevölkerung über das geplante Rosensteinquartier informieren möchte. „Die Stadt setzt auf die Inbetriebnahme 2025, damit wir endlich das Wohnen der Zukunft zeigen können“, sagte Pätzold. Auf einer 100 Hektar großen Fläche, auf der heute noch Gleise liegen, sollen nach Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs ab dem Jahr 2025 nach und nach etwa 5600 Wohneinheiten entstehen.

Gerd Hickmann ist Abteilungsleiter im Verkehrsministerium. In früheren Zeiten hat sich das Tübinger Kreistagsmitglied der Grünen offen gegen das Projekt gestellt. Heute sitzt Hickmann im Vorstand des Pro-S-21-Vereins und lobt die konstruktive Zusammenarbeit. Er äußert einen Sonderwunsch, mit dem einige Projektbefürworter im Verein ihre Probleme haben dürften: Für Hickmann wäre es „ein starkes Zeichen“, wenn die Ausstellungsmacher der Geschichte des Protests im künftigen Informationszentrum einen Platz einräumen würden. Bislang informieren die S-21-Gegner über ihre Sicht in einem Zelt am Ende der Königstraße.

Infos über S-Bahnen

Der Verband Region Stuttgart bringt ebenfalls 500 000 Euro ein. Dafür möchte der VRS besonders dem für die Region bedeutenden Nahverkehr Ausstellungsfläche widmen, kündigte Regionaldirektorin Nicola Schelling an. So soll über das ETCS informiert werden. Die elektronische Steuerung soll helfen, dass S-Bahnen, für die der VRS zuständig ist, in kürzeren Abständen fahren können. Mit der Tieferlegung des Hauptbahnhofs werden einige Bahnhöfe in der Region zu regionalen Knotenpunkten aufgewertet.

Am neuen Ausstellungskonzept werde bereits gearbeitet, sagt David Bösinger, der Leiter des Turmforums. Von der Medientechnik könne nicht viel mitgenommen werden, da sie veraltet sei. Das Info-Zentrum sei Vorbild für viele solcher Einrichtungen von Großprojekten in Deutschland geworden. Dieser Anspruch solle aufrechterhalten werden.

Besucher dürfen wieder auf die Baustelle


Die Bahnhofsbaustelle kann von Freitag, 4., bis Sonntag, 6. Januar, besichtigt werden. Die Bahn bietet die nunmehr vierten „Tage der offenen Baustelle“ an. Die Besucher haben jeweils zwischen 10 und 16 Uhr Zeit, das etwa 600 Meter lange Gelände zu erkunden.

Besondere Anlaufstellen sind die ehemalige Bahndirektion, die für den Tunnelbau angehoben werden musste, die erste von vielen Kelchstützen, die das Dach des Tiefbahnhofs tragen werden, oder das Grundwassermanagement. Die neue Haltestelle der Staatsgalerie kann ebenso besichtigt werden wie eine Rettungszufahrt in den Tunnel am südlichen Ende des Bahnhofs. uro