Fast jede Woche kommt hier jemand vorbei und fragt nach dieser Hausnummer“, sagt der Rezeptionist eines Hotels in einem Ortsteil von Esslingen. „Es ist ein bisschen versteckt. Ich erkläre Ihnen, wie Sie hinkommen.“ Ein Schotterweg führt zu einem unscheinbaren Gebäude. Die Tür öffnet ein Mann mit lockigen, dunkelbraunen Haaren, schwarzen Klamotten und weißen Sneakern. „Hi, ich bin Tim“, sagt er. „Kommt doch rein.“ Über einen Innenhof geht es in eine Fabrikhalle und ein paar Stufen nach oben. An den Wänden im Treppenaufgang lehnen Gemälde. Ein Vorgeschmack auf das, was gleich zu sehen ist.

Der junge Mann öffnet eine weitere Türe. Zwei helle Räume kommen zum Vorschein. An einer Wand hängt eine kleine Sammlung an Polaroid-Fotos, eine andere ist zugeklebt mit bunten Post-its. Im nächsten Raum steht ein Arbeitstisch, Schwarz-Weiß-Bilder schmücken das Zimmer, eine Marmorplatte liegt auf dem Boden. Keine Frage: Hier arbeitet ein kreativer Kopf. Tim heißt mit vollem Namen Tim Bengel, kommt aus dem Kreis Esslingen und gilt als einer der erfolgreichsten Nachwuchskünstler Deutschlands.

Tim Bengel kreiert Bilder aus Sand, Klebstoff und Goldpapier

„Ich weiß, mein Atelier ist schwer zu finden, aber hier kann ich in Ruhe arbeiten“, sagt der 27-Jährige. Im Moment fehlt ihm die Zeit dafür. Er lebt aus dem Koffer, stellt in der ganzen Welt seine Werke aus. Seine Werke – das sind Bilder aus weißem und schwarzem Sand, Klebstoff und Goldpapier. Er setzt Sandkörner so akkurat aneinander, dass sie ein Gesamtwerk bilden: sei es eine Skyline, ein Hafen oder ein Bahnhof.

„Wie ich die Bilder genau mache, verrate ich nicht“, sagt er, grinst und nippt an der Kaffeetasse. Einen Einblick in seine Arbeit bekommt man durch ein Video, das der Künstler 2017 auf Youtube veröffentlichte. Der Clip schoss durch die Decke. Knapp eine Millionen Klicks auf Youtube, rund 95 Millionen Mal wurde es auf Facebook geteilt. Rechnet man die Aufrufe den Sozialen Medien zusammen, kommt man laut dem Künstler auf 400 Millionen.

Youtube Allein auf Youtube klickten circa eine Millionen Menschen auf das Sandkunst-Video.

Das Video öffnete ihm Türen – zum Beispiel die Tür zur Kunstwelt in New York. „Irgendwann hat das Business Insider Magazin über mich berichtet“, erzählt der 27-Jährige.  Philippe Hoerle-Guggenheim, Gründer der HG Contemporary Gallery, wurde auf ihn aufmerksam. 2017 stellte der Künstler aus dem Kreis Esslingen 15 Sandbilder im Big Apple aus. Ausstellungen in München, Los Angeles, Florenz und rund um den Globus folgten.

Tim Bengel: „Ich muss handwerklich nicht der Beste sein“

Tim Bengel und die Kunst – schon immer unzertrennlich? Ja, aber mit Anfangsschwierigkeiten. Den ersten Kontakt mit Kunst hatte er in der Staatsgalerie: „Ich war acht Jahre alt und stand mit meiner Mama vor einem Bild mit Flecken“, erinnert er sich, „Sie sagte zu mir, das ist Kunst.“ Doch so richtig etwas mit dem Bild anfangen konnte der er damals nicht. Einige Zeit später, in der zehnten Klasse, nahm er mit einer Collage aus 1-Cent-Stücken an einem Wettbewerb teil. „Ich wollte herausstechen“, sagt der 27-Jährige, während er aus dem Nebenraum die besagt Collage holt.

Die aneinandergeklebten Münzen stellen Europa dar. Einige 1-Cent-Stücke sind andersherum angebracht als andere: Das sind die Länder, die 2008 verschuldet waren. Tim Bengel gewann den ersten Platz. „Ich habe gelernt: Ich muss handwerklich nicht der Beste sein, sondern kreativ sein.“ An der Collagetechnik hielt er in den darauffolgenden Jahren fest: Er experimentierte mit Holz, Steinen und Plastik – und irgendwann mit Sand. Sein erstes Werk: „Ein Porträt von meinem Dad“, sagt er und zeigt auf ein Bild hinter sich.

Von den Sandgemälden zu eine Installation mit Grabsteinen

Der 27-Jährige wird oft als „Sandmann“ oder „Sandjunge“ betitelt. „Ich verstehe gar nicht, warum man nicht nur Künstler sagen kann“, sagt er ein wenig genervt. Er will von dem Image weg – und hat das mit seinem neuesten Werk geschafft. Seine Installation „Flower Skull Cemetery“ fällt aus der Reihe und das sei auch gut so. An einem Morgen im September tauchte plötzlich eine Art Friedhof auf einer Grünfläche im Zentrum Berlins auf. Verantwortlich dafür war Tim Bengel, zehn Tage lang wusste das aber niemand. Er setzte sich in nahe gelegenes Café und beobachtete das Geschehen. „Wenn Leute wissen, wer der Künstler ist, nehmen sie ein Werk anders wahr. Sie hätten dann vielleicht gesagt: Der soll bei seinem Sand bleiben.“

Hinter dem Werk steckt ein persönliches Erlebnis: „Ich habe auf Instagram etwas gepostet und mich geärgert, dass das nicht so gut ankommt. Dann habe ich mich gefragt, macht es Sinn, sich über so etwas aufzuregen.“ Die Installation behandelt die Frage „Why did(n’t) I live?“ (Deutsch: Warum habe ich (nicht) gelebt?). 99 Zitate, eingraviert in Marmorplatten, sollen zum Nachdenken anregen.

Hat Tim Bengel schon eine neue Idee im Kopf? „Ja“, sagt er und lächelt, „ich verrate aber nicht was.“ Dann geht es durch die mit Bildern vollgestellten Gänge nach draußen. Die Zeit in seinem Atelier kann er an diesem Tag nicht mehr nutzen: „Ich muss noch packen.“ Die nächste Ausstellungseröffnung steht an.

Info Videos und Infos zu Ausstellungen gibt es auf www.timbengel.com

Fürst Albert wollte fürs Gemälde nicht zahlen


Nach einem Besuch in Monte Carlo fertigte Tim Bengel ein Sandbild des Jachthafens an. „Fürst Albert wollte es für seinen Palast“, erzählt der 27-Jährige, „aber als Geschenk. Ich habe dann mal nach seinem Vermögen gegoogelt. Er hätte es locker bezahlen können.“ Der Fürst habe dann nach Sponsoren gesucht, die das Bild für ihn kaufen. Das kam für den Künstler nicht in Frage: „Jetzt hängt es bei einem Deutschen an der Wand.“