Radverkehr Stuttgart hinkt Fahrrad-Zielen weit hinterher

Am Sonntag dominieren die Radfahrer wieder die Straßen in Stuttgart, wie hier beim Radaktionstag im Juni am Schloßplatz. Im Alltag haben die Radler in der Landeshauptstadt aber mit vielen Problemen zu kämpfen.
Am Sonntag dominieren die Radfahrer wieder die Straßen in Stuttgart, wie hier beim Radaktionstag im Juni am Schloßplatz. Im Alltag haben die Radler in der Landeshauptstadt aber mit vielen Problemen zu kämpfen. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Tilman Baur 23.08.2018

Am Sonntag dominiert auf Stuttgarts Straßen das Fahrrad, denn dann endet in der Landeshauptstadt die Deutschland-Tour. Im Alltag haben es die Radler allerdings nicht nicht leicht – und das, obwohl schon vor einem Jahrzehnt Verwaltung und Gemeinderat das Ziel formuliert haben, den Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr auf 20 Prozent anzuheben. Dafür setzte man sich konkrete Ziele: man wollte das Radverkehrsnetz durch neue Radwege verbessern, Gefahrenstellen beseitigen, sichere Fahrradabstellanlagen einrichten und den Radverkehrsetat erhöhen.

Mittlerweile kann die Stadt auf einige Fortschritte verweisen: So ist das Radnetz von 80 Kilometern im Jahr 2006 auf 190 Kilometer im vergangenen Jahr gewachsen. Die Zahl der Radfahrer steigt messbar, und der jährliche Radetat ist auf fünf Millionen Euro angewachsen.

Trotzdem: Radexperten sind ernüchtert, wenn sie über die Situation in Stuttgart sprechen. Denn noch immer ist die Stadt fahrradfeindlich. „Tatsächlich ist die Situation für den Radverkehr nicht zufriedenstellend, auch wenn die Stadt stets beteuert, sie wolle besser vorankommen“, kritisiert Frank Zühlke vom ADFC.

Die Mängelliste ist lang

Zwar habe die Verwaltung mittlerweile Mittel erhöht und mehr Personal eingestellt, schnell voran gehe es aber nirgends. Das Hauptproblem: „Es war vorgesehen, jedes Jahr eine der zwölf Hauptradrouten erster Ordnung umzusetzen. Inzwischen ist immer noch nur die Route 1 einigermaßen fertig“, sagt Zühlke.

Seine Mängelliste ist lang: Befragungen zufolge beklagten sich Radler vor allem über schlechte Ampelschaltungen, zu wenige Kontrollen von Falschparkern auf Radwegen und die fehlende Führung durch Baustellen.

Blockaden im Gemeinderat und zögerliches Verwaltungshandeln verhinderten den nötigen Fortschritt zusätzlich, sagt Zühlke. Doch er sieht auch Positives: Immerhin gebe es hier und da kleinere Maßnahmen wie derzeit am Wilhelmsplatz, wo ein neuer Radweg entsteht.

Ein großes Problem sei auch, dass das Auto vielen noch immer heilig sei. In der engen Kessellage könne man aber keine Radwege bauen, ohne Straßen zu beschneiden. „Wer dem Radverkehr etwas geben will, muss dem Autoverkehr etwas nehmen, egal ob es Fahrspuren oder Parkplätze sind. Nur so ist es möglich, das im Verkehrsentwicklungskonzept 2030 angestrebte Ziel von 20 Prozent weniger Kfz-Verkehr zu erreichen – das geht mit Sicherheit nicht von allein!“, so der Experte.

Offizielle Zahlen bestätigen das schlechte Zeugnis Zühlkes. Denn grundsätzlich gilt die Regel: Je größer eine Stadt, desto größer auch der Anteil der Radfahrer. In Städten zwischen 200 000 und einer halben Million Einwohner pendeln bis zu 20 Prozent der Arbeitnehmer mit dem Rad zur Arbeit, in Freiburg liegt die Quote gar bei einem Drittel.

Nicht so in Stuttgart: Nach einem Mikrozensus des Statistischen Landesamts aus dem Jahr 2012 liegt die Quote bei fünf Prozent. Nur ein Berufspendler von 20 wählt in Stuttgart das Rad. Der Wert dürfte in der Zwischenzeit gestiegen sein, offizielle Zahlen liegen jedoch nicht vor.

Den Radfahrern im Kessel jedenfalls geht es nicht schnell genug voran. Sie machen Druck. Ein Bürgerbegehren namens Radentscheid hat einen Forderungskatalog aufgestellt und sammelt Unterschriften, um bessere Bedingungen zu erzwingen. Der auch vom ADFC unterstützte Radentscheid fordert die Stadt auf, sichere Radverkehrsanlagen und Nebenstrecken an 15 Kilometern Straße im Jahr anzulegen.

Es sollen Hauptradrouten für den Alltags- und Pendelverkehr entstehen. Die Stadt soll Kreuzungen sicher gestalten, die Rad­infrastruktur besser pflegen und Abstellmöglichkeiten schaffen. Viele dieser Forderungen decken sich mit den Vorhaben, die die Stadt einst selbst formuliert hat. Ein knappes Jahrzehnt später sind die meisten nicht eingelöst.

Mitmach-Aktionen in der Innenstadt

Rennen Die erste Deutschland-Tour seit 2008 führt in vier Etappen durch fünf Bundesländer. Es nehmen 22 Profi-Teams teil. Die vierte und letzte Etappe führt am 26. August vom südhessischen Lorsch über den Kreis Ludwigsburg und Waiblingen nach Stuttgart. Ziel ist die Theodor-Heuss-Straße.

Aktionen In der Innenstadt findet gleichzeitig ein Rad-Festival mit Fahrrad-Expo statt. Initiativen und Vereine präsentieren sich und haben Mitmach-Aktionen im Programm. Auf der Ride Tour können Besucher eine 1,7 Kilometer lange, autofreie Schleife durch die Stuttgarter City fahren. Weitere Infos unter www.deutschland-tour.com

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