Die Stuttgarter Öffentlichkeit nahm erstmals vor sechs Jahren von Ralph Schertlen Notiz.  Der 49-jährige Elektroingenieur kandidierte 2012 bei der OB-Wahl und unterlag dem heutigen Amtsinhaber Fritz Kuhn.  Doch der politische Ehrgeiz blieb nach der Wahl bestehen, und zwei Jahre später zog Schertlen als Einzelstadtrat für die Wählervereinigung „Die Stadtisten“ erstmals in den Gemeinderat ein.

Für seinen Ehrgeiz hat Schertlen gute Gründe: So findet er, dass der Gemeinderat die Stadtbevölkerung nur unzureichend repräsentiert.  Vor allem Naturwissenschaftler und Techniker fehlten. „Leute, die Statistiken lesen und  Gutachten einschätzen können“, wie der promovierte Elektroingenieur sagt.

Fachaspekte sind es aber nicht allein, die ihn in die Politik getrieben haben. Das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 und die Art der Entscheidungsfindung gaben einst den Anstoß. Vieles habe da „zum Himmel gestunken“, so Schertlen. Er wollte einen anderen Politik-Stil pflegen. „Ich will konstruktiv an Themen arbeiten“, erklärt Schertlen.  Wenn er die Stadtisten aber doch verorten müsste, dann in der politischen Mitte, „da, wo die FDP sein sollte und wo sie einmal war.“ Sein politisches Motto klingt einfach, vielleicht auch etwas vage: Alle sollen ein gutes Leben führen.

Ein klares Bekenntnis zu Hoch- oder Subkultur sucht man bei den Stadtisten vergeblich. Man fördere beides gleichermaßen. „Das muss sich nicht ausschließen. Die Menschen gehen heute in die Oper und hängen ein paar Tage später auf einem Punk-Konzert in einer Fabrikhalle herum.“

Schertlen will kein Spalter sein, sondern einer, der Menschen ins Gespräch bringt. „Auf gute Nachbarschaft“ heißt das Motto seiner Partei bei den kommenden Kommunalwahlen. Themen müsse man in der Breite diskutieren, die Stadtgesellschaft an Entscheidungsprozessen beteiligen. „Die Politik muss Formate finden, mit denen man die Gesamtbevölkerung mitnimmt“, glaubt er.

Als wichtigstes Thema hat Schertlen in Stuttgart Mobilität und Verkehr ausgemacht, da unterscheidet er sich nicht vom Rest der Stadträte. Das werde auch noch lange so bleiben, schließlich sei Stuttgart stark von Pendlern geprägt.

Das politische Engagement fordert auch bei Ralph Schertlen seinen Tribut. Auf die Frage danach, ob es schwierig sei, Job und Mandat zu vereinbaren, muss er nicht lange nachdenken: „Klares ja“, so der Ingenieur, der noch vier Tage in der Woche arbeitet. „Als ich gewählt wurde, habe ich auf 80 Prozent reduziert, bin dienstags immer im Rathaus, wenn der Ausschuss für Umwelt und Technik stattfindet. Es ist schon zeitaufwändig.“

Denn mit der Arbeit in den Ausschüssen sei es längst nicht getan, sagt der Stadtrat und deutet auf einen unbearbeiteten Stapel Papier auf seinem Schreibtisch. Dazu kämen Veranstaltungen – solche, die man besuchen sollte wie Sitzungen des Bezirksbeirats und solche, die die Wählervereinigung Stadtisten selbst ausrichtet.

Mehr als 30 Stunden steckt er wöchentlich allein in die politische Arbeit. Dazu kommt der reguläre Job als Ingenieur – 70-Stunden-Wochen sind für Schertlen normal. Trotzdem will er weitermachen: „Ich habe noch immer die Hoffnung, dass ich Dinge bewegen kann.“ Bei der nächsten Kommunalwahl wollen die Stadtisten ihre Sitze verdoppeln. So könnte sich auch die viele Arbeit auf mehrere Schultern verteilen, hofft Schertlen.

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Mit dem Hoverboard durch Stuttgart


Um Stuttgart autofrei zu gestalten, denkt Ralph Schertlen über die Grenzen hinaus:  „Wir müssen Experimentierfelder ausrufen, etwas ausprobieren. Ich denke an autonom fahrende Busse, an Segways, an Förderprogramme für Elektro-Tretroller, Mono-Wheels oder Hoverboards. Das könnte man fördern, so wie man heute Radleihsysteme fördert.“

Beim autonomen Fahren habe man in Stuttgart mit Playern wie Daimler und Bosch ein hohes Fortschrittspotenzial. Schertlen denkt über fahrerlose Bahnen nach, die kürzer sind, aber höher getaktet und im 24-Stunden-Betrieb laufen. „Das Thema habe ich schon vor vier Jahren angesprochen, aber seither ist leider nicht viel passiert“, stellt er fest. tb