Verkehrszählung in Stuttgart Nicht weniger, aber auch nicht mehr

Stuttgart / Dominique Leibbrand 27.06.2018

Lange Staus und schlechte Luft sind Stuttgarts tägliches Brot. Seit Jahren propagiert OB Fritz Kuhn (Grüne) daher das Ziel, den Verkehr um 20 Prozent zu reduzieren. Nun sieht es allerdings nicht danach aus, dass das in naher Zukunft gelingen könnte. Die aktuelle Verkehrszählung offenbart vielmehr: Das Fahrzeugaufkommen stagniert auf einem „hohen Niveau“, wie es Stephan Oehler, Leiter der Abteilung Verkehrsplanung, ausdrückt, der die neuesten Werte am Dienstag im Ausschuss für Umwelt und Technik vorstellte.

Im Zweijahres-Takt wird einmal an der Markungsgrenze, einmal am Kesselrand über Kameras registriert, wie viele Fahrzeuge täglich ein- und ausfahren. 43 Zählstellen gibt es allein an der Markungsgrenze. Dort wurden bei der jüngsten Zählung 2016 rund 903 750 Fahrzeuge innerhalb von 24 Stunden aufgenommen. Das entspricht im Vergleich zu 2014 (rund 892 000) einem Plus von 1,3 Prozent. Kleiner statistischer Lichtblick: Die Zahl der Transporter (rund 49 000) ist um 11,5 Prozent, der Anteil des Schwerlastverkehrs (rund 50 000 Fahrzeuge) ist um 2,7 Prozent gesunken.

Leichter Rückgang

Passend dazu ist auch bei der Kesselrandzählung die Zahl von Transportern und Schwerlastern rückläufig. Ebenso registrierte die Stadtverwaltung ein minimales Minus von 0,8 Prozent beim Gesamtverkehr: Rund 427 160 ein- und ausfahrende Pkws wurden bei der jüngsten Kesselrandzählung 2017 aufgeschrieben, zwei Jahre zuvor waren es noch rund 430 600 gewesen. Ein Trend, der seit ein paar Jahren anhält: In Minischritten sinkt die Zahl der Autos am Kesselrand. Gewisse Schwankungen gab es jedoch auch schon früher. Seit 1981 finden die Zählungen statt, an der Markungsgrenze sogar schon seit 1968.

Beide Zählungen an Markungsgrenze und Kesselrand zeigen: Am stärksten belastet sind die Bundesstraßen 10, 14 und 27, die alle mitten durch Stuttgart hindurch führen. Absoluter Spitzenreiter bleibt mit leicht rückläufigen Werten die B 14 im Bereich Cannstatter Straße, wo sich die Schadstoffmessstelle Neckartor befindet, mit 95 528 Fahrzeugen in 24 Stunden.

Sorge bereitet Oehler, dass der Besetzungsgrad der Fahrzeuge auf einen historischen Tiefstand gefallen ist. Er bewegt sich zwischen Markungsgrenze und Kesselrand zwischen 1,20 und 1,23. Sprich: Die meisten Pendler sitzen allein im Auto. Das liege wahrscheinlich an flexiblen Arbeitszeiten, so der Abteilungsleiter. Die machen Fahrgemeinschaften freilich schwieriger.

Die Stagnation der Werte bewertet Oehler hingegen nicht negativ. Im Gegenteil. Denn mit Blick auf das starke Bevölkerungswachstum auf zuletzt mehr als 610 000 Einwohner hätte das Verkehrsaufkommen schließlich auch steigen können. Doch das sei offenbar durch den öffentlichen Nahverkehr abgefedert worden, so Oehler, was man als Erfolg betrachten könne. Parallel zum Bevölkerungswachstum legte auch der Stuttgarter Verkehrsverbund mit zuletzt 382 200 000 Einzelfahrten im Jahr 2017 kräftig zu.

Mehr Wohnungsbau

CDU-Fraktionschef Alexander Kotz ist hingegen weit davon entfernt, von Erfolgen zu sprechen. Die Zahlen zeigten, dass die ganzen Anstrengungen, die die Stadt unternehme, eben nur dazu führten, das Niveau zu halten. Das Ziel 20 Prozent weniger Verkehr sei womöglich eine „zu große Hoffnung“. Seine Fraktion setzt sich daher für mehrere Tunnelbauten in der Stadt ein – die Stadtautobahn an der Kulturmeile etwa soll unter die Erde. Außerdem müsse man beim Wohnungsbau stärker tätig werden. „Da dürfen wir uns nicht wegducken.“ Für Björn Peterhoff (Grüne) ist die Stagnation kein Grund, zu resignieren. Eher müsse man jetzt eine Schippe drauflegen. Die Entwicklung im Stadtgebiet bewertet er zudem positiv. Am Kesselrand habe der ÖPNV den Individualverkehr mittlerweile anteilig überholt. Die Probleme lägen vor allem in der Region. So betrage der sogenannte Modal Split an der Markungsgrenze immer noch 74 Prozent Auto zu 26 Prozent Nahverkehr. Peterhoff: „Hier besteht Handlungsbedarf“, so Peterhoff.

Das sieht auch SPD-Fraktionschef Martin Körner so. „In der Innenstadt kommen wir voran.“ Doch in den Außenbezirken und der Region bestehe Nachholbedarf. Durch die angekündigte Tarifreform im kommenden Jahr und durch Stuttgart 21 erhofft er sich positive Effekte.

Die Fraktion SÖS-Linke-Plus zeichnet ein drastischeres Bild der Problematik. Mit 1,6 Millionen gemeldeten Pkws in der Region sei man auf einem Spitzenwert. Das einzige, was gegen die Verkehrsflut helfe, seien Verbote, so Christoph Ozasek.

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