Auf dem Pragfriedhof liegen zwei Frauen, die aus ihrer Liebe zueinander nie ein Geheimnis gemacht haben: die Chanson- und Kabarett-Sängerin Claire Waldoff und die schwäbische Baronin Olga von Roeder. Waldoff und von Roeder hatten sich während des Ersten Weltkrieges kennengelernt. Die Chanson-Sängerin war den Nazis ein Dorn im Auge: ihr Bubikopf, ihre Lebensgemeinschaft mit einer Frau und ihre Lieder, die nicht rassistisch waren.

Die Geschichte von Waldoff ist eine von vielen, die in der Sonderausstellung „Und trotzdem – Lesben im Nationalsozialismus“ im Hotel Silber in Stuttgart sichtbar wird. „Ich bin jahrelang davon ausgegangen, dass nur homosexuelle Männer in der NS-Zeit verfolgt wurden“, sagt Janka Kluge vom VVN-Bund der Antifaschisten Baden-Württemberg in ihrem Impulsvortrag. Während der Paragraf 175 sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, war eine Beziehung zwischen zwei Frauen in Deutschland keine Straftat.

Nur Hinweise auf Verfolgung

Zwar existieren laut Kluge so gut wie keine Dokumente zur Lesben-Verfolgung, aber es gibt Hinweise darauf. „Sie wurden oft von Nachbarn verpfiffen, verhaftet und kamen ins Frauengefängnis oder wurden ins KZ gesteckt“, erzählt sie. Wie etwa ins ehemaligen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, das größte in der NS-Zeit. Mehr als 100 000 Frauen waren dort inhaftiert. Laut Kluge waren unter ihnen auch lesbische NS-Gefangene. Die Fachkommission der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten will das aber bis heute nicht bestätigen: Es gebe nach bisherigem wissenschaftlichen Forschungsstand keine Belege dafür, dass lesbische Frauen wegen ihrer Homosexualität mit KZ-Haft bestraft wurden. „Ein Teil des Vorstands glaubt immer noch nicht an die Verfolgung“, sagt Kluge.

Wegen solcher Aussagen ist der Historikerin die Sonderausstellung im Hotel Silber besonders wichtig: „Wir müssen die Verfolgung sichtbar machen“, sagt sie. Die zwölf Schautafeln, die im Hotel Silber aufgestellt sind, machen genau das. Während Besucher durch die Ausstellung laufen, schütteln sie ungläubig den Kopf. Zitate wie „Die gleichgeschlechtliche Betätigung ist kein der deutschen Frau eigener Wesenszug“ von SS-Mann Rudolf Klare entsetzen.

Deutlich wird: Homosexualität wurde mit Asozialität und Kriminalität gleichgesetzt. Viele lesbische Frauen in der NS-Zeit versuchten sich dem gängigen Frauenbild anzupassen: Sie ließen sich die Haare wachsen, trugen Kleider und heirateten Männern – alles nur, um nicht aufzufallen. Eine von ihnen war Elisabeth Zimmermann. Sie ging 1944 eine Scheinehe ein. „Wir waren der Feind“  – mit diesem Satz wird sie auf einem der Plakate zitiert.

Infos auf zwölf Tafeln


Die Ausstellung „Und trotzdem – Lesben im Nationalsozialismus“ wurde 2005 im Rahmen der Reihe „Herstory“ der Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in Nordrhein-Westfalen von dem Verein „ausZeiten“ und dem Verein „Rosa Strippe“ konzipiert. Auf zwölf Schautafeln werden Themen wie Verfolgung, Anpassung und die Kriminalisierungsdebatte behandelt.

Geöffnet ist die Ausstellung bis Mittwoch, 30. Januar, zu den regulären Öffnungszeiten des Hotel Silbers. Am Sonntag, 27. Januar, findet um 15 Uhr die Themenführung „Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus“ statt. Veranstaltet wird die Ausstellung vom Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg. sei