Ist das noch Stuttgart? Wer an der Haltestelle „Münster Rathaus“ aus der Stadtbahn steigt, könnte darüber ins Grübeln kommen. Abseits der Blechlawinen und der hektischen Betriebsamkeit der Innenstadt bietet sich ein beschauliches Bild: Den Blick nach Osten gerichtet schaut man auf das satte Grün der Weinberge, die über dem Neckar thronen. Im Westen dagegen ein dicht gedrängtes Fachwerkensemble, umrahmt von engen, fast mittelalterlichen Gassen, viele davon belegt mit Pflastersteinen.

Eine Übersicht der Stttgarter Stadtteile

Nur die Stadtbahnlinie 14 und der Lärm der Motoren auf der vielbefahrenen Neckartalstraße trüben das ländlich anmutende Idyll des kleinsten Stuttgarter Stadtbezirks. Wie eine Insel im Großstadtmeer mutet Münster an. Diese Beschaulichkeit lieben die „Münstermer“, wie sich die Einwohner nennen. Einer von ihnen ist Rolf Zondler.

Der promovierte Chemiker hat vor 16 Jahren den Arbeitskreis „Historisches Münster“ mitbegründet. An den Weinbergen und Streuobstwiesen kann sich Zondler bis heute nicht satt sehen. Dem Ureinwohner gefällt die ländliche Struktur, die der Bezirk sich erhalten hat – und gleichzeitig doch zur Großstadt gehört. „Alle zehn Minuten fährt die Bahn nach Stuttgart – was will man mehr?“ fragt der 69-Jährige.

Der Name „Münster“ leitet sich vom lateinischen Wort „Monasterium“ ab, was Kloster bedeutet. Die Gemeinde, 1192 erstmals erwähnt, wechselte jahrhundertelang ihre Zugehörigkeit: Das zu den Staufern gehörende Benediktinerkloster Lorch errichtete 1473 eine Verwaltungsstelle auf Münsterer Gemarkung und reklamierte Münster für sich.

Gleichzeitig meldeten die Württemberger als Regionalmacht ihre Ansprüche an.  Zu Stuttgart kam Münster schließlich 1931, als die württembergische Hauptstadt in die Fläche expandierte. „Münster hätte das auch gerne schon früher gemacht“, sagt Rolf Zondler. Als Mitgift schenkte die Gemeinde dem Stuttgarter Kämmerer Schulden in Höhe von zwei Millionen Reichsmark.

Die Entwicklung der Gemeinde hatte aber schon lange vorher eingesetzt. „Bis 1890 lebte Münster vom Kartoffel- und Weinanbau“, sagt Zondler. Das änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts schlagartig: Durch den Bau der Bahnstrecke zwischen Untertürk­heim und Kornwestheim kam Münster in den Genuss einer Haltestelle und eines Viadukts.

Damit setzte die Industrialisierung ein. Dutzende Betriebe schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Bevölkerung wuchs, ihr Gesicht veränderte sich: Arbeiter von Großunternehmen wie Salamander in Kornwestheim oder Daimler in Untertürkheim zogen zu und mischten sich unter die Weinbauern und Handwerker.

In der Nachkriegszeit wanderten viele Großbetriebe wieder ab. „Sie konnten sich in Münster nicht vergrößern, es war kein Platz da“, erklärt Rolf Zondler. Was aus jener Zeit bleibt, sind die Erfindungen: So sind der Elektrogrill, die tragbare Kabeltrommel und die Spätzlespresse Erfindungen aus Münster. Oder fast: „Der Erfinder der Spätzlespresse war eigentlich ein Cannstatter“, gesteht Rolf Zondler schmunzelnd, „das Patent hat er aber in Münster angemeldet.“

Heute prägen hauptsächlich Handwerksbetriebe und kleine Familienbetriebe den Bezirk, aber vorrangig ist Münster ein Wohnort. Während die Großunternehmen anderswo brummen, nimmt man hier am Vereinsleben teil, isst im Gasthof Rössle „den besten Rostbraten, den ich kenne“, wie Rolf Zondler sagt, oder bewundert im Feuerwehrmuseum alte Löschfahrzeuge und Uniformen. Doch plagen den Bezirk auch Sorgen: Die Bevölkerung altert. Die Jugend verschmäht das Vereinsleben zusehends. Und es mangelt an Raum für neue Münstermer: „Es gibt hauptsächlich kleine Dreizimmerwohnungen, und Neubaugebiete haben wir nicht“, klagt Rolf Zondler.

Den 60 bis 80 Neubürgern, die Münster trotzdem pro Jahr begrüßt, bietet man deshalb einiges: zum Beispiel die Mundarttheatertage, die die Vereinigung Stuttgarter Mundarttheater vom 15. bis 17. September zum zweiten Mal veranstaltet.

Musiker Wolfgang Daumer als Botschafter


Klein Mit 6397 Einwohnern ist das im Stuttgarter Nordosten gelegene Münster der kleinste Stadtbezirk – zumindest gemessen an der Bevölkerung. Flächenmäßig liegt Münster mit seinen 221 Hektar noch vor Botnang mit 213. Mit Stuttgart-Wangen teilt Münster eine Besonderheit: Die beiden Bezirke haben nur einen einzigen Stadtteil, der in beiden Fällen den gleichen Namen wie der Bezirk trägt.

Prominent Der prominenteste lebende gebürtige Bürger aus Münster ist Wolfgang Dauner. Der Pianist, Trompeter und Komponist schrieb die Filmmusik für zahlreiche internationale Produktionen. Dauner genießt weltweite Anerkennung als Jazzmusiker und wurde 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet. Der Krimiautor Wolfgang Schorlau hat Dauner eine Biografie gewidmet („Das brennende Klavier“). tjb