Auf der Internetseite von Abellio Rail Baden-Württemberg ist noch alles im Zeitplan: Am 19. Juni, heißt es da, werden drei Strecken jeweils von Stuttgart nach Bad Wildbad, Heidelberg und Bruchsal in Betrieb genommen. Noch im Dezember wird das Liniennetz bis Mannheim erweitert, kündigt das Tochterunternehmen der niederländischen Staatseisenbahn am Donnerstag an. Ein halbes Jahr später, also im Juni 2020, soll die Übernahme der DB Region-Strecke von der Landeshauptstadt nach Tübingen abgeschlossen sein. Die Linien (siehe Grafik) werden im Regionalnetz Neckar verkehren. 52 Elektrotriebzüge des Typs Talent 2 vom Eisenbahnhersteller Bombardier sind dafür eingeplant.

Doch ob Abellio in Baden-Württemberg so schnell die „Qualitätsführerschaft auf der Schiene“ erreicht, wie es in der Eigenwerbung heißt, darf bezweifelt werden. Denn Bombardier hat Probleme bei der Lieferung bestätigt: „Bedauerlicherweise stehen im Juni nicht die für die erste Lieferung vereinbarten 16 Fahrzeuge zur Verfügung stehen“, sagt Unternehmenssprecher Andreas Flórez. Es sei aber geplant, „mindestens zehn Züge betriebsbereit zu übergeben“. Als Gründe nennt er Probleme mit der Software. Neue europäische Normen in die Computerprogramme einzubinden, sei zu einer komplexeren Aufgabe geworden als erwartet.

Flórez versichert, dass an einem Aufholprogramm gearbeitet werde. Im Juli sollen zehn der geplanten 16 Züge geliefert werden. Das teilte Dietmar Knerr, Geschäftsführer Abellio Rail Baden-Württemberg, in einer Pressekonferenz mit. Man rechne damit, dass die restlichen Fahrzeuge zwei bis drei Monate später auf die Schienen können.

Bis dahin muss Plan B, wie ihn Knerr nennt, greifen. Abellio führe Gespräche mit anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen hinsichtlich der Verfügbarkeit von Leihfahrzeugen, so Abellio-Sprecherin Hannelore Schuster. „Zudem stehen wir im Austausch mit der Deutschen Bahn und prüfen verschiedene Optionen. So auch die Möglichkeit, dass DB Regio den Betrieb auf der Verbindung Stuttgart-Mühlacker-Pforzheim/Bruchsal-Heidelberg kurzzeitig fortführt.“ Wie die Übergangslösung konkret aussehen kann, muss geklärt werden. Auch die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft soll Abellio unter die Arme greifen.

Sollte Plan B so klappen, wie es sich alle Beteiligten vorstellen, dann seien Fahrgäste kaum von den Lieferproblemen betroffen. „Zum Beispiel für die Fahrt von Pforzheim nach Stuttgart hatten wir eigentlich einen Zug mit 326 Sitzplätzen eingeplant“, so Knerr. Solange die neuen Fahrzeuge noch nicht da sind, werden in dem Ersatz-Zug nur 273 Plätze zur Verfügung stehen.

Verkehrsminister Winfried Hermann hörte auf einer Dienstreise im kanadische Waterloo im letzten Jahr schon mal von den Lieferproblemen bei Bombardier. „In Waterloo hatten sie ein komplettes neues Netz aufgebaut, aber mussten ein Jahr lang auf die Züge warten. Die Kanadier haben das aber locker weggesteckt“, erzählt er. Damals habe er noch darüber gewitzelt, jetzt steckt das Land selbst in der Patsche.

Wieso hat sich Abellio für einen Hersteller entschieden, der sich bisher nicht als zuverlässig erwiesen hat? „Bombardier hat behauptet, alle Fahrzeuge rechtzeitig zu liefern“, sagt Knerr. Erst im Januar, als kein Plan über den Baufortschritt geliefert wurde, machte sich das Unternehmen Sorgen. Auf Anfrage habe Bombardier dann die Hosen heruntergelassen, wie Knerr sagt. Für die Hersteller-Wahl habe damals bei der Ausschreibung auch das wirtschaftlich beste Angebot von Bombardier gesprochen.

Man habe den Prozess bei Bombardier stets eng begleitet, fügt Hermann hinzu und wehrt sich damit gegen eine Behauptung des verkehrspolitischen Sprechers der SPD-Landtagsfraktion, Martin Rivoir.  Er wirft Hermann vor, er habe wegen mangelnder Kontrolle des Lieferanten versagt.

Bei Go-Ahead läuft alles reibungslos ab


Der zweite neue Betreiber in Baden-Württemberg, die Go-Ahead Verkehrsgesellschaft, kann hingegen im Juni wohl pünktlich mit seinen Fahrzeugen an den Start und auf die Schienen gehen. Von Lieferverzug ist nichts bekannt.

Die Züge befahren die Strecken Stuttgart-Crailsheim und Stuttgart-Geislingen-Ulm sowie Stuttgart-Würzburg und Stuttgart-Aalen.

Statt auf Bombardier setzt das britische Tochterunternehmen auf den Schweizer Schienenfahrzeug-Hersteller Stadler. uwo