Stuttgart / Moritz Clauß Im Magazin der Württembergischen Landesbibliothek liegen 20.000 alte Bühnenwerke des Hoftheaters. Manche sind über 200 Jahre alt. Jetzt wurden sie restauriert.

Abertausende vergilbte Seiten, mit der Hand beschrieben. Noten für Opern, Regieanweisungen, Schauspiel. In der Württembergischen Landesbibliothek lagern wertvolle Stücke aus dem Stuttgarter Hoftheater. Manche sind über 200 Jahre alt. Einige der Werke übergab das Theater Anfang des 20. Jahrhunderts an die Landesbibliothek. Später gab die Staatsoper weitere Stücke an die Bibliothek ab. Das Problem: Ihr Zustand war nicht besonders gut. „Das waren Gebrauchsgegenstände“, sagt Sonja Brandt, die Restauratorin der Landesbibliothek. In den Noten hätten Musiker auch mal schnell geblättert, Risse ins Papier gemacht.

„Die Stücke kamen verstaubt und verschmutzt bei uns an“, erzählt Ida Danciu. Deshalb habe man sich entschieden, sie vor dem Verfall zu retten. Die Leiterin der Restaurierung zeigt eine Partitur mit Wachsflecken darauf. „Früher war es üblich, dass auf dem Notenständer Kerzen standen“, sagt sie. Gut möglich, dass das heiße Wachs auf die Blätter tropfte.

Die Restaurierung der rund 20.000 Stücke konnten die Mitarbeiterinnen der Bibliothek nicht alleine stemmen. Deshalb brachten sie die Werke in zwei Firmen. Die übernahmen die Trockenreinigung, säuberten das Papier mit weichen Rußschwämmen aus Kautschuk. Die seien „wie große Radiergummis“, sagt Sonja Brandt. Risse wurden nicht geschlossen, abgerissene Ecken nicht ergänzt. Man sehe weiterhin die Gebrauchsspuren – „all das, was uns das Objekt erzählen soll.“

Ida Danciu zeigt Klarinettennoten aus der Oper Lucrezia Borgia von Gaetano Donizetti. Sie wurde in Stuttgart ab 1842 aufgeführt. Auf dem Papier hat jemand mit Bleistift Notizen gemacht – und über einer Notenzeile eine Lokomotive gezeichnet. Darunter eine Linie, die zu einer weiter oben liegenden Zeile führt. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass dort weitergespielt werden sollte. Doch nicht nur die Notizen sind per Hand eingetragen, sondern auch die Noten. Elegant mit Tinte aufgemalt.

Die Noten seien damals abgeschrieben worden, nicht gedruckt, erklärt Ute Becker. Sie ist zuständig für die Musiksammlung der Landesbibliothek. „Man hat nicht immer eins zu eins abgeschrieben, sondern so, wie man es gebraucht hat.“ Die Stücke sind somit einzigartig, mehr als bloße Kopien der Originale. Ein kultureller Schatz aus Papier.

Wie viel die Sammlung wert ist, ist schwer zu sagen. Danciu spricht von einem „kostbaren nationalen Gut.“ Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Bestände deutscher Theater zerstört. Dadurch gibt es nur noch wenige große Hoftheater-Archive: in München, Schwerin, Coburg, Karlsruhe – und Stuttgart.

Es war deshalb wichtig, dass die Stücke in Stuttgart sicher verstaut werden.  Die Restauratoren verpackten die Notenbündel in stabilen Kassetten aus Pappe und Holz. Die säurefreien Boxen schützen die Stücke vor Staub und Licht. Vorne an jeder Kassette befindet sich eine Klappe. So kann man die Behälter stapeln und trotzdem jederzeit an den Inhalt gelangen.

630 der schwarzen Kassetten sind nun ordentlich in Regalen verstaut – im Handschriftenmagazin der Bibliothek. Dort liegen Werke von Verdi, Mozart, Rossini. Außerdem viele Kassenschlager aus dem 19. Jahrhundert, die heute kaum noch jemand kennt. Die Restaurierung hat 40.961 Euro gekostet. Das Land hat die Hälfte davon bezahlt, dazu kamen Fördermittel der Kulturbeauftragten der Bundesregierung.

Die Stücke in der Landesbibliothek kann man nicht einfach ausleihen. Wer drauf zugreifen wolle, brauche ein „begründetes Forschungsinteresse“, sagt Ida Danciu. Man wolle den Bestand aber auch allen anderen Interessierten zugänglich machen. Anfang 2020 soll der Erweiterungsbau der Landesbibliothek fertig werden. Mit einer neuen Ausstellungsfläche. Danciu kann sich gut vorstellen, die historischen Bühnenwerke dort der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Bund fördert den Erhalt alter Schriften

2,5 Millionen Euro stellte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, 2018 zur Verfügung. Mit dem Geld sollten originale Schriften in Archiven, aber auch in Bibliotheken erhalten werden. Oft führen die im Papier enthaltenen Säuren dazu, dass die Werke langsam verfallen.

„Vielfach sind historische Handschriften und Bücher in unseren Archiven und Bibliotheken durch Säurefraß, Feuchtigkeit und Schimmel in ihrer Substanz akut gefährdet“, sagt Grütters.

In Baden-Württemberg erhielten fünf Archive und Bibliotheken insgesamt 110 481 Euro aus dem staatlichen Fördertopf. moc