Von Lorenzo Zimmer  Uhr

Ricky streift sich das futuristische Headset über ihren pink-blonden Haarschopf und spricht ins Mikrofon: „Bereit!“ Am anderen Ende sind ihre Teamkameraden. Sie sitzen am gleichen Tisch, zwei von ihnen direkt neben ihr. Bildschirm an Bildschirm reihen sich weitere Gamer auf einer Bahn aus unzähligen, gleichen Tischen im notdürftig abgedunkelten Foyer der Hochschule der Medien (HDM) aneinander. Vor vielen von ihnen sitzen an diesem Samstagvormittag bereits junge Leute mit konzentrierten Gesichtern, fast alle haben ein Headset auf.

Die 21-jährige Ricky Wolfmaier und ihre Freunde werden gleich ihr nächstes Turnier-Match bestreiten – auch ihre Gegner sitzen im Saal. „FriedPot8to“, wie Ricky im Spiel heißt, spielt für das Overwatch-Team der Engines Stuttgart. Normalerweise gegen Leute, die sich weit weg von ihr befinden: verstreut über ganz Deutschland und Europa. Die Zocker-Gemeinschaft der Engines wurde von Studierenden der HDM und der Uni Stuttgart ins Leben gerufen. Abends nach einem Tag an der Uni verabreden sich die Studierenden zum Spielen und messen sich in der virtuellen Welt mit anderen. Die Engines stellen Teams in mehreren Spielen, die mit Disziplinen im Sport vergleichbar sind. Wie auch im Sport feilen die Mannschaften im Training an ihrem Teamgeist, der Koordination und individuellen Fähigkeiten.

Für Rickys Team ist es heute gewissermaßen ein Heimspiel – die Engines sind die Organisatoren der LAN-Party an der HDM. Vor rund einem Jahr begann ein Gremium ehrenamtlich mit der Organisation der Stuggi-LAN und bereitete die Umwandlung der Hochschule in eine Gaming-Arena am vergangenen Wochenende präzise vor. Auf Stunden der Gespräche mit der Hochschule, Sponsorensuche und Turnier-Planung folgte am Freitag dann endlich der Startschuss. Rund 160 Gamer rückten mit ihren eigenen PC, Headsets, Mäusen, Gamepads und Paletten voller Dosenlimonade an, um sich die Finger wund zu zocken.

Was die jungen Menschen besonders auf eine solche LAN-Party zieht? „Es ist einfach lustig, die Leute, mit denen man viel spielt, auch mal in echt zu treffen“, sagt Ricky. Der Reiz des Wettbewerbs, sich im Turnier mit anderen zu messen, tue sein Übriges. „Und es ist einfach was anderes, wenn man das Headset abnimmt und danach zusammen eine Pizza bestellt oder einen Energy-Drink schlürft.“

Den kann Ricky brauchen, denn sie ist bereits am Samstagvormittag etwas übernächtigt: „Ich schlafe bei meinem Freund hier in der Nähe“, verrät sie. Doch die Logistik ist nicht ganz einfach, denn auch ihr Freund ist Gamer: „Er hatte bis 4 Uhr morgens League-of-Legends-Turnier und ich musste heute Morgen um 10 Uhr zum Overwatch-Turnier antreten.“ Schlafmangel ist die Folge: „Da ist die Kommunikation im Team in den ersten Stunden etwas dürftiger“, sagt Ricky und lacht.

Bei einem Marsch durch die LAN-Arena wird deutlich: Der Taktik-Shooter Overwatch und das Strategiespiel League of Legends sind längst nicht die einzigen Games, die auf der Stuggi-LAN gespielt werden. Am Rand fällt sofort eine Tischreihe mit sechs Röhren-Fernsehern auf, die 80er-Jahre-Flair versprühen. „Hier sitzen die Konsolen-Spieler“, verrät Engines-Mitorganisator Leonard Negurita. Auf den Röhren messen sich Spieler im kindgerechten Kamfspiel „Super Smash Brothers“ aus dem Hause Nintendo – der rot-bemützte und wohl bekannte Klempner Super Mario ist der Titelheld des Spiels.

Doch auf der Stuggi-LAN sind die PC-Spieler klar in der Überzahl. „Wir haben etwa 160 Gäste, davon sind etwa 140 mit ihrem PC gekommen“, sagt der 22-jährige Leonard, der Medienwirtschaft studiert. Er ist froh, dass nach Monaten der Organisation nun endlich Zocken auf dem Programm steht: „Die Stimmung ist super lustig und familiär, alle sind gut drauf.“

Leonard schätzt am sorgsam vorbereiteten Event vor allem den Kontakt zu anderen Gamern. „Es wird nicht nur ernsthaft gespielt, wir machen auch viel Quatsch.“ Sein persönliches Highlight war ein Schere-Stein-Papier-Turnier, das spontan in der ersten Nacht veranstaltet wurde.

Infokasten

Turniere online und offline

Für die Studenten-Initiative Engines Stuttgart ist die Stuggi-LAN die erste Veranstaltung dieser Größenordnung. LAN steht dabei für „Local Arena Network“ - also die Verwendung eines Netzwerks vor Ort statt des Internets.

Die Engines sind ein Verbund aus zock-begeisterten Studierenden. Sie treffen sich normalerweise online in Sprach-Chats und trainieren in verschiedenen Spielen für Turniere, die online und offline stattfinden. Zusätzlich betreiben die Engines einen Gaming-Raum an der Hochschule.

Der Wunsch der Engines ist es, den virtuellen Sport zu fördern und bisher kaum existierende Vereinsstrukturen voranzubringen. loz