Es tröpfelt, ist rutschig und die Wetter-App auf dem Handy zeigt gerade mal vier Grad an. Die Motivation ist auf dem Nullpunkt. Der Blick schweift nach oben, eine ellenlange Treppe führt den Berg hoch. Das Herz rast. „Los, los, los. Holt alles aus euch raus. Noch viereinhalb Minuten“, schreit Eva Unkenholz in die Menge und rennt die Stufen hinauf. Es ist 19.40 Uhr. Während andere ihren Feierabend auf der Couch verbringen, schwitzt in Stuttgart-Süd eine rund 20-köpfige Truppe unter dem Kommando von Unkenholz und ihrem Trainingspartner Julian Haspel.

Die beiden sind Personaltrainer und haben das sportliche Angebot „0711 Morning Workout“ ins Leben gerufen. Der Name verrät, was sich dahinter versteckt: Der 29-Jährige und die 28-Jährige bieten ein Workout an, bei dem keine lästige Mitgliedschaft nötig ist. Das Fitnessstudio sind die Stäffele rund um den Marienplatz und die Karlshöhe. Die Geräte sind die Stufen und das Treppengeländer. Gearbeitet wird mit dem eigenen Körpergewicht oder mit ein paar Gewichten wie Hanteln oder Kettlebells.

Schlechtes Wetter ist keine Ausrede

Mitmachen kann jeder – vorausgesetzt, er kann sich frühmorgens aus dem Bett hieven oder der Versuchung widerstehen, sich nach Feierabend aufs Sofa zu schmeißen. Denn: In der Regel findet das einstündige Training immer mittwochs um 6.30 Uhr, samstags um 9 Uhr und dienstags um 19 Uhr statt. Fällt das Training denn nie aus? Auch nicht, wenn es schneit? „Eigentlich nicht“, sagt Unkenholz, die auch als Ernährungsberaterin arbeitet. Das Credo der beiden: Schlechtes Wetter ist keine Ausrede – genauso wenig wie die sehr frühen oder späten Trainingszeiten.

Im Mai 2018 ist das sportliche Duo mit dem Workout-Angebot gestartet. „Anfangs haben wir nur mit Freunden trainiert, dann dachten wir: Komm, wir machen eine Website und laden andere dazu ein“, erzählt die 28-Jährige. Gesagt, getan. War die Gruppe anfangs noch recht überschaubar, stehen an manchen Tagen am Treffpunkt am Marienplatz auch gut und gerne mal 30 Leute.

„Wenn ich nicht zum Workout gehe, fehlt etwas“

„Selbst im Winter sind sie gekommen. Wir hatten uns anfangs noch überlegt, ob wir eine Pause einlegen sollen. Aber selbst da haben sich Menschen angemeldet“, berichtet Unkenholz. Dass die beiden selten ein Training absagen, kommt vielen gelegen: Matthias ist Teilnehmer der ersten Stunde und lässt keinen Termin sausen: „Wenn ich nicht zum Workout gehe, fehlt etwas.“

Ist das Training auch etwas für Anfänger? „Ja, auf jeden Fall“, sagt Haspel, der auch als Boxtrainer arbeitet. „Wenn jemand eine Übung nicht machen kann, zeigen wir ihm, welche er stattdessen machen kann.“ Wer Burpees – eine Mischung aus Kniebeuge, Liegestütz und Strecksprung – nicht mag, versucht sich zum Beispiel an Hampelmännern. Und wer sich die Nase putzen muss, der setzt eben kurz aus. Nach dem Motto: Niemand muss, jeder kann. Diese Devise trifft auch auf die Bezahlung zu. Teilnehmer melden sich online für ein Workout an und werden dort nicht direkt aufgefordert zu zahlen. Die Bezahlung ist auf freiwilliger Basis: Am Ende des Trainings kann in einen kleinen Sportschuh eine Spende gesteckt werden. Jeder gibt, was er kann und will.

Intervalltraining für Frühaufsteher

Bei dem Workout handelt es sich übrigens um ein „HIIT“, ein hoch intensives Intervalltraining. An Stationen werden über eine gewisse Zeitspanne unterschiedliche Übungen gemacht. Hoch anstrengende Phasen wechseln sich mit Ruhepausen ab. Nach einer Stunde Schwitzen ist die Kälte plötzlich vergessen. Jetzt ruft die Dusche und dann die Couch – nach solch einem Workout redlich verdient. „Bis morgen um 6.30 Uhr“, schreit Unkenholz denen hinterher, die völlig außer Atem die Stufen Richtung Marienplatz und damit Richtung Heimat hinuntersteigen. Das ist dann aber wirklich nur etwas für Hartgesottene.

Ein etwas anderes Fitnessstudio


Etwa 400 bis 600 Treppenanlagen, auch Stäffele genannt, befinden sich in Stuttgart. Der Ursprung der Stäffele geht auf die Zeit zurück, als die Hänge rund um Stuttgart noch Weinberge waren. Als sich die Stadt ausdehnte, wurden die alten Weinbergstaffeln durch Fußwege ersetzt, um an die Häuser in den höheren Lagen zu gelangen.

Besonders bekannt sind unter anderem die Staffel am Eugensplatz, die Oscar-Heiler-Staffel an der Karlshöhe und die Sängerstaffel in der Nähe des Kernerviertels.

Wer die unzähligen Stufen nicht als Outdoor-Fitnessstudio nutzen möchte, kann die Stäffele auch bei Touren erkunden. Stuttgart-
Marketing bietet immer wieder auch Rundgänge an.

Informationen zu dem Workout von Eva Unkenholz und Julian Haspel gibt es im Internet auf coach-julian.de