Von außen wirkt Sankt Veit wie eine kleine Hohenloher Dorfkirche unter vielen. Doch wer sie betritt, stößt auf Außergewöhnliches. Unter der Orgelempore lässt sich eine Luke öffnen, unter der eine  Eisentreppe fast drei Meter senkrecht in die Tiefe führt.  Unter einer Spannbetondecke ist zu sehen, was Archäologen zwischen den 1940er- und 1960er-Jahren freigelegt haben: die Mauerreste einer uralten Saalkirche aus der Karolingerzeit.

“Es handelt sich um die mit Abstand älteste Steinkirche in Hohenlohe“, sagt Hans-Jörg Wilhelm. Der Kirchengemeinderat und selbstständige Schaumweinproduzent zog vor drei Jahren in das verwaiste Pfarrhaus und beschäftigt sich  wie kein Zweiter mit dem “Rätsel von Regenbach“. Dass die Franken unter Karl dem Großen und seinen Nachfolgern im 8. und 9. Jahrhundert große Teile des heutigen Deutschlands christianisierten und erste Gotteshäuser errichteten, gilt als gesichert. Doch die 5,60 mal 11 Meter kleine Unterregenbacher Kirche wirkt ganz und gar nicht karolingisch. Zwei kreuzförmige, ausgemauerte Vertiefungen, sogenannte Kreuzkanäle, füllen nahezu das gesamte Kirchenschiff aus. Nach Einschätzung des Landesdenkmalamtes könnte es sich dabei um Aufbewahrungsplätze für Reliquien gehandelt haben, wie sie vor allem aus dem byzantinischen Raum bekannt sind. Hans-Jörg Wilhelm glaubt, dass der Gründer des religiösen Zentrums von Unterregenbach aus dem heutigen Serbien, Kroatien oder aus Syrien gestammt haben könnte. Klarheit könnte die Untersuchung des Skelettes bringen, das bei den Ausgrabungen im Eingangsbereich der 1200 Jahre alten Kirche entdeckt wurde. Laut Hans-Jörg Wilhelm befinden sich die Knochen in einem Depot des Landesdenkmalamts in Esslingen.

 Das Bruchstück eines Inschriftsteins wirft noch mehr Fragen auf: Fügt man in den lateinischen Satz einige der fehlenden Buchstaben ein, könnte sich folgender Sinn ergeben: “Zum Seelenheil jenen Mannes, durch den die Körper der Heiligen hierher kamen.“

War Unterregenbach einst ein Wallfahrtsort, an dem Pilger aus ganz Europa die sterblichen Überreste Heiliger verehrten? Bereits die günstige Lage könnte darauf hindeuten. Oberhalb des Dorfes, auf dem Höhenrücken zwischen Kocher und Jagst, verlief die Hohe Straße, ein Handelsweg, der wohl bereits Jahrtausende vor Christus intensiv genutzt wurde. Münzfunde beweisen, dass nicht nur Menschen aus Mitteleuropa in Unterregenbach Handel trieben. Tonscherben aus tieferen Schichten deuten darauf hin, dass dort bereits im 5. und 6. Jahrhundert vor Christus Kelten siedelten.

Dass im frühen Mittelalter in Regenbach das Leben pulsierte, beweist die erste Erwähnung in einer Schenkungsurkunde von Kaiser Konrad II. aus dem Jahr 1033. Darin ist von Gehöften, Hofraiten, Mühlen, Knechten, Jagden und Gewässern die Rede. Weitere Schriftquellen über den geheimnisumwitterten Ort im Jagsttal sind bis heute nicht bekannt, sodass allein archäologische Funde vage Auskunft geben können.

Deutlich spektakulärer als die Mauerreste unter Sankt Veit scheinen jene der zweiten frühmittelalterlichen Kirche, der großen Basilika. Deren bis heute komplett erhaltene Krypta befindet sich direkt unter dem  Pfarrhaus. Die im Pfarrgarten sichtbaren Mauerreste des vermutlich zwischen 950 und 1000 errichteten Baus lassen die wahren Dimensionen erahnen: 48 mal 17 Meter. Damit war die Unterregenbacher Basilika nach heutigen Erkenntnissen die damals größte Kirche in Württemberg.

Warum es mit dem religiösen Zentrum wenige Jahrhunderte später bergab ging, ist unklar. Das Landesdenkmalamt ging bei einer Analyse im Jahr 1980 davon aus, dass die große Basilika spätestens im 13. Jahrhundert aufgegeben wurde. In einem Unterregenbacher Häuserverzeichnis von 1520 ist von der Kirche gar keine Rede mehr. Je mehr die Herrscher von Langenburg an Bedeutung gewannen, desto schwieriger wurde die Situation für Unterregenbach, glaubt Hans-Jörg Wilhelm. Er hält es für möglich, dass die Steine der Basilika für den Bau des Langenburger Herrschaftssitzes verwendet wurden. “Unterregenbach ist erst zu einem kleinen Teil archäologisch erforscht“, sagt Hans-Jörg Wilhelm und bedauert, dass das Landesdenkmalamt schon seit Jahrzehnten andere Prioritäten setzt. Etliche weitere Grabungen in und rund um das Dorf wären nötig, um das Geheimnis von Regenbach tatsächlich zu lüften.

Info Fragen zur Geschichte von Unterregenbach beantwortet Hans-Jörg Wilhelm unter der Telefonnumer  07905 / 94 06 00. Er bietet auch Führungen durch die Kirche Sankt Veit, die Krypta der Basilika und das Dorfmuseum in der Alten Schule an. Letzteres kann nur auf Anfrage besichtigt werden.