Psychische Gesundheit Buch von Haller Autor: Mit Chili gegen die Seelenpein

In seiner „Notfalldose“ trägt Uwe Hauck Medikamente gegen plötzlich auftretende Panikattacken mit sich herum, die er aber noch nie gebraucht habe, wie er sagt. Warum die Dose zudem eine sehr scharfe Chilischote enthält, erklärt er bei seinem Vortrag.
In seiner „Notfalldose“ trägt Uwe Hauck Medikamente gegen plötzlich auftretende Panikattacken mit sich herum, die er aber noch nie gebraucht habe, wie er sagt. Warum die Dose zudem eine sehr scharfe Chilischote enthält, erklärt er bei seinem Vortrag. © Foto: Beatrice Schnelle
Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 15.10.2018
Ein Buch über seinen Suizidversuch und den folgenden Psychiatrieaufenthalt machte Uwe Hauck bekannt. Im Haus der Bildung in Hall spricht er über Depression und Heilungswege.

Wer bei Amazon unter der Kategorie Bücher „Depression“ eingibt, erhält um die tausend Treffer. Bemerkenswert: Im Aufklappmenü, das schon nach den ersten drei Buchstaben die entsprechend häufigsten Titelsuchen vorschlägt, belegt „Depression abzugeben“ den ersten Platz. Der Autor dieser begehrten Lektüre lebt in Schwäbisch Hall. Als Höhepunkt einer jahrzehntelangen Depression beging Uwe Hauck Anfang 2015 einen Selbstmordversuch. Während des folgenden Aufenthalts in der Psychiatrie Weinsberg, von ihm salopp „Klapse“ genannt, outete sich der Informatiker, der zuvor über die Auswirkungen der digitalen auf die reale Welt gebloggt, getwittert und zwei Bücher veröffentlicht hatte, gegenüber seinen Social Media-Fans.

Der Schritt bescherte ihm bis heute mehr als 37.000 Twitter-Likes und erregte die Aufmerksamkeit eines Literaturagenten, der ihm damals das Verfassen eines Buchs über seine Erfahrungen nahelegte. Er habe das kaum glauben können, aber letztlich hätten sich drei Verlage um die Abdruckrechte „geprügelt“, erinnert sich Hauck.

427 Seiten starke Lebensbeichte

Anfang 2017 erscheint die 428 Seiten starke Lebensbeichte und löst einen kleinen Medienhype um den Mann aus, der sich öffentlich zur – laut Ärztezeitung – Volkskrankheit Nummer Eins bekennt, und obendrein das Tabuthema Suizid frontal angeht. Zeitungen berichten, TV-Sender laden ihn ein, in ganz Deutschland wird er seither häufig als Redner gebucht.

Bevor er minutiös beschreibt, wie er sich an einem kalten Tag im Februar das Leben nehmen wollte – Rasierklingen, Schlaftabletten und zwei Haller Türme spielen dabei eine Rolle – und welche Entwicklungen vorausgingen, stellt Hauck sensiblen Zuhörern frei, für diesen Teil seines Vortrags den vollbesetzten Saal im Haus der Bildung zu verlassen. Keiner tut’s, und es wird auch nicht sehr dramatisch, trotz der verstörenden Details. Denn der große, schlanke Mann blickt aus der Distanz zurück, scherzt und grimassiert lieber, als seinen Worten mit ernster Miene Gewicht zu verleihen. Sein gehetzter Sprachfluss vermittelt gleichzeitig den Eindruck, dass er seine Geschichte gar nicht oft genug loswerden kann. Tatsächlich sagt er über sein Outing bei Twitter „Das Erzählen hat mir gut getan“ und über seine Autorentätigkeit „Schreiben ist ein Ventil für mich.“ Der Buchtitel könnte also wörtlich gemeint sein.

Ehrlich zur Depression stehen

Wie er mehrfach betont, gehe es ihm jedoch vor allem darum, Leidensgenossen zu ermutigen, ehrlich zu ihrer Depression zu stehen. Obwohl die Erkrankung in einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft mehr als Versagen wahrgenommen werde, denn als Symptom mit Behandlungsindikation. Über die Hintergründe seiner eigenen Seelenpein spricht er lediglich in Nebensätzen. Dafür gibt er lustige Anekdoten aus dem Psychiatrie-Alltag zum Besten. Nur als er von den Auswirkungen der Ereignisse auf seine Frau und seine Kinder berichtet, geht ihm das sichtlich nahe.

Über Heikles äußert er sich durchweg ohne jede Berührungsangst. Er verstehe Menschen gut, die sich ritzen, erklärt der 50-Jährige beispielsweise, die Idee dahinter sei durchaus intelligent. Der körperliche Schmerz könne den seelischen Schmerz oder eine Panikattacke überdecken und bringe dem Betreffenden die Kontrolle über sein Leben zurück. Als unblutige Alternative empfiehlt er, einen Eiswürfel in der Hand schmelzen zu lassen: „Das tut so was von weh, macht aber nichts kaputt.“ Er selbst trage für den Notfall eine sehr scharfe Chilischote mit sich herum.

Das tägliche Antidepressivum

Was am Ende ein wenig entzaubernd wirkt: Hauck räumt ein, immer noch täglich ein Antidepressivum zu schlucken. Medikamente allein nützten allerdings nichts, wenn man sich nicht persönlich ändere, relativiert er. Ist Depression überhaupt heilbar? „Heute habe ich die Krankheit, früher hatte sie mich“, formuliert Uwe Hauck als Versuch einer Antwort auf diese Frage aus dem Publikum. Eine der bedeutsamsten Erkenntnisse aus der Therapie sei gewesen, dass er sich Zeit seines Lebens verbogen habe, um von anderen akzeptiert zu werden. Damit sei nun Schluss.

Uwe Hauck inszeniert sich nicht als erleuchteter Überflieger, sondern zeigt sich als fehlbarer Mensch, dem klar ist, dass er sich mit seiner speziellen Art der Krankheitsbewältigung nicht nur Freunde macht. Sicherlich ist das einer der Gründe, warum ihn viele Leser lieben und die 100 Zuhörer im Musiksaal dankbar feiern.

Vom IT-Fachmann zum Buchautor

Uwe Hauck, 1967 in Heilbronn geboren und in Möckmühl aufgewachsen, studierte in Osnabrück Computerlinguistik und Künstliche Intelligenz. 2000 kam er als Software-Entwickler nach Schwäbisch Hall. Seinem Arbeitgeber blieb er auch nach der Therapie treu, wechselte aber innerhalb des Unternehmens in eine andere, beratende Position. Nach zwei Sachbüchern über die digitale Zukunft der Gesellschaft und seinem Buch „Depression abzugeben — Erfahrungen aus der Klapse“, arbeitet er nun an zwei neuen Buchprojekten. Zudem engagiert er sich in der Selbsthilfeorganisation Deutsche Depressionsliga und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Uwe Hauck ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter zwischen 14 und 19 Jahren. Was ihn aktuell bewegt, ist in seinem Blog www.livingthefuture.de nachzulesen.

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