Schon bei der Anfahrt erkennt Thomas Marwein, dass er hier goldrichtig ist. Etwa 30 Biker, so schätzt er, habe er auf dem Weg nach Wüstenrot an der Bundesstraße 39 versammelt gesehen. Das entlockt den Bürgermeistern aus Wüstenrot, Mainhardt und Spiegelberg sowie sieben Bürgern am Dienstagvormittag nur ein müdes Lächeln. 30? Da müsse er mal an einem Sonntag bei schönem Wetter kommen. Da sei die Löwensteiner Platte übersät mit Hunderten von Motorradfahrern, klärt Wüstenrots Gemeindechef Timo Wolf den Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung über die Dimension auf. Marwein besucht auf seiner Sommertour Lärmhotspots, Gegenden, in denen die Menschen besonders stark unter Motorradlärm leiden. Dazu gehören die Löwensteiner Berge mit der B 39 und ihren Zufahrtsstraßen.

Enttäuscht vom Gespräch

40 Prozent der Beschwerden wegen Verkehrslärms im Land bezögen sich auf die motorisierten Zweiradfahrer, weiß Marwein um das Problem, gegen das vor Jahren eine Bürgerinitiative in Löwenstein mobil gemacht hatte, allerdings ohne Erfolg. Stattdessen erntete sie nur eines: Shitstorms, teilweise übelster Art, wie ein Wüstenroter im Sitzungssaal erzählt. Er zeigt sich enttäuscht von dem Gespräch mit dem Lärmschutzbeauftragten, der sich mehr als die vorgesehenen ein­einhalb Stunden Zeit nimmt.

„Was ich hier sehe, ist nur Ohnmacht. Der Lobbyismus ist so stark, dass die Politik nichts machen kann. Das finde ich sehr traurig“, meint der Rentner, der sich Lösungen erhofft hat. Er ist zwar nicht direkt betroffen, erlebt aber eine „Wild-West-Manier“ von Bikern mehrmals wöchentlich bei der Fahrt nach Heilbronn. „Das ist nicht mehr zumutbar“, sagt er etwa zu gefährlichen Überholmanövern. „Ich hatte gehofft, Sie hätten Ihre Werkzeugkiste heute gefüllt“, hat sich ein Gesprächsteilnehmer aus Neulautern vom Termin mehr ausgerechnet. „Diese Untätigkeit grenzt für mich an Enteignung“, schimpft er auf die Politik. „Sie können ein Haus in Neulautern im Sommer nicht verkaufen.“

„Ich muss in Richtung Bund gucken“, verweist Marwein da­rauf, dass er keinerlei Exekutivmacht in Sachen Lärm habe. Das sei das Feld von Bund und EU. Der Grünen-Politiker aus Offenburg spricht Klartext: „Es ist so nicht hinnehmbar, dass eine kleine Gruppe ständig Leute mit Lärm terrorisiert.“ Es bleibt ihm einzig der Appell an die schwarzen Schafe, sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten, anständig zu fahren und auf die überlauten Klappenauspuffanlagen zu verzichten. Diese Umrüstung bedürfe zwar einer Zulassung, habe dann aber Bestandsschutz. „Die sind alle legal“, macht der Lärmschutzbeauftragte deutlich, seien aber aus Sicht des Gesundheitsschutzes nicht hinnehmbar. Ein Anwohner stuft die Lärmbelästigung als Körperverletzung ein, ein anderer spricht von „infernalem Aufkreischen“ von Motoren.

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Die schweren und tödlichen Unfälle „am laufenden Band“, von denen ein Zuhörer spricht, müssten zum Handeln zwingen. Die ganze Motorradsaison über gehöre kontrolliert, fordert ein Neulauterner. „Man springt da immer hinterher“, gibt Marwein – der einzige Lärmschutzbeauftragte eines Bundeslandes – zu bedenken. Das Personal der Polizei für Kontrollen sei begrenzt. Straßenabschnitte allein für Motorradfahrer zu sperren, sei rechtlich nicht möglich.

„Rausgeschmissenes Geld“

Uwe Bossert, Bürgermeister von Spiegelberg, pflichtet dem Landespolitiker bei. Nach fünf Minuten habe sich eine Kontrolle he­rumgesprochen. Verdeckte Radarmessungen fordert deshalb ein Bernbacher. Die „Smiley-Tafeln“ beim Pilotversuch mit den Motorradlärm-Displayanzeigen, der 2016 auch auf der Bundesstraße 39 erfolgte, sind für ihn „rausgeschmissenes Geld“. Mainhardts Bürgermeister Damian Komor kritisiert an dem jetzt vom Land aufgelegten Förderprogramm für die Displays, die „leiser“, „langsamer“ oder „danke“ aufleuchten lassen, dass Kommunen bezahlen sollen statt Bund und Land als Baulastträger.

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Displayanlage misst Lärm und Geschwindigkeit


Auf Beschwerden von lärmgeplagten Anwohnern reagierte das Land 2015 und 2016 mit einem Pilotversuch auf Strecken im Hochschwarzwald, auf der Schwäbischen Alb und in den Löwensteiner Bergen. Das Verkehrsministerium ließ Motorradlärm-Displays installieren und schließlich zur Serienreife entwickeln. Das Gerät misst sowohl die Geschwindigkeit als auch die Lautstärke.

Nachdem der zeitlich befristete Versuch, die Höchstgeschwindigkeit auf der B 39 auf Tempo 70 zu reduzieren, sich nicht positiv auf die Unfallstatistik und die Lärmbelastung ausgewirkt hatte, wurden die Displays 2016 in den Ortsdurchfahrten von Hirrweiler, Bernbach, Weihenbronn und Finsterrot aufgestellt. Es wurde eine Absenkung der Lärmwerte von Motorrädern im Mittel um 1,1 bis 2,2 dB(A) nachgewiesen, so das Verkehrsministerium zum Ergebnis. Es habe auch immer eine deutliche Geschwindigkeitsreduzierung gegeben, die ohne Displays aber ebenfalls wieder nachließ.

Wüstenrot sowie Nachbarn jenseits der Kreisgrenze – Mainhardt, Spiegelberg, Sulzbach und Großerlach – wollen aus dem Förderprogramm des Landes 4000 Euro für die rund 15 000 Euro teuren Geräte.