„Die Anzahl der Kinder in Schwäbisch Hall ist beachtlich. Wir sind überrollt worden von den Anmeldungen“, räumt Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim im Gemeinderat ein. Die Stadtverwaltung ging vor zwei Jahren noch davon aus, dass 1480 Drei- bis Sechsjährige betreut werden müssen. Nun bringen die Eltern aber 1528 in die Tageseinrichtungen. Das sind 48 Kinder und damit 3,2 Prozent mehr als geplant. Wäre das ein einmaliger Effekt, könnte ihn die Verwaltung möglicherweise noch abfedern. Doch die Stadtverwaltung schreibt: „In den Folgejahren erhöht sich die Differenz noch weiter.“ Neue Baugebiete im Wolfsbühl, Sonnenrain und in Bibersfeld erhöhen den Druck. „Die Stadt Schwäbisch Hall erlebt momentan eine sehr dynamische Bevölkerungsentwicklung“, steht in der Gemeinderatsvorlage.

„Wir haben eine gesetzliche Verpflichtung, die Kinder zu betreuen“, macht Pelgrim die Dringlichkeit klar. Neue Gebäude, neue Gruppen und neue Konzepte, nennt Pelgrim seine Ideen. Damit keine Kinder abgewiesen werden müssen, legt der Oberbürgermeister ein „Ad-hoc-Programm“ auf.

Zusammenrücken heißt das wohl für manche Kinder in Tagesstätten. Denn Schwäbisch Hall erlaubte sich den Luxus – oder aus Sicht der Eltern die Notwendigkeit –, Plätze freizuhalten. Aus pädagogischen wie praktischen Gründen kann es sinnvoll sein, dass mehrere Geschwisterkinder die gleiche Tagesstätte besuchen. Die Folge: „In der Vergangenheit wurde ein Kindergartenplatz bis zu einem Dreivierteljahr vorgehalten. Diesen Puffer können wir nicht aufrechterhalten“, stellt Pelgrim klar. Einige Geschwisterkinder werden in Zukunft wohl getrennt.

Teil der Sofortmaßnahme sei die Gründung neuer Gruppen in bestehenden Kitas sowie der Bau neuer Gebäude. Der Waldkindergarten erhält im Herbst eine zweite Gruppe in einer Jurte, der Waldorfkindergarten rechnerisch eine halbe neue Gruppe.

Die Bemühung könnte ins Leere führen, sofern nicht der Kampf um Erzieherinnen gewonnen wird. „13 Stellen sind im Kita-­Bereich unbesetzt“, erläutert Pelgrim – bei 180 potenziellen Stellen. „Es gibt einen absoluten Fachkräfteengpass.“ Dabei bilde die Stadt Hall rund elf Erzieherinnen pro Jahr aus und verabschiedete den jüngsten Jahrgang vor Kurzem. „Drei wechseln in Nachbarorte, fünf studieren und nur drei bleiben“, rechnet Pelgrim vor.

Hall sucht Hilfe in Spanien

Die Stadtverwaltung macht nun bei einem Projekt des Kolpingwerks mit. Ein Jahr lang werden Spanier in ihrem Land aufs Deutsch-Sprachniveau B1 und später auf B2 gebracht. Bei der Phase in Deutschland erwerben sie die Anerkennung als Erzieher. Das Programm startet im September. Im Herbst 2021 könnten die ersten spanischen Erzieher in Hall anfangen. Rund 75.000 Euro kostet diese Fachkraftgewinnung.

Das kommt einigen Stadträten spanisch vor. „Der Spracherwerb ist im Alter von null bis sechs Jahren besonders wichtig“, mahnt Rüdiger Schorpp (SPD) an. Die Deutschkenntnisse müssten gut sein. Besser sei es, andere „Bonbons“ zu bieten, wie die Hilfe bei der Wohnungssuche. „Die Spanier wollen ihren Lebensmittelpunkt verändern“, erläutert Christoph Klenk, der neue Fachbereichsleiter für den Kita-­Bereich. Wer das straffe Programm durchlaufe, bleibe auch in Deutschland. Stuttgart habe gute Erfahrungen damit gemacht. „Die Bleibequote beträgt 80 Prozent.“

OB Pelgrim versichert, dass bisher nichts half: „Wir schalten Anzeigen, werben permanent auf der Homepage.“ Er macht klar, dass es bei der Geschwindigkeit des Spracherwerbs auf die Motivation ankomme. Die sei bei den Bewerbern hoch. Er kenne aber Menschen, die schon seit 30 Jahren hier lebten, ohne richtig Deutsch zu sprechen.

Stadträtin Damiana Koch (Bunte Liste) fühlt sich angesprochen – obwohl sie bestimmt nicht gemeint war. Die Frau aus Brasilien sagt: „Ich lebe seit 1991 in Deutschland und benötige noch zwei Reinkarnationen, um die Sprache zu lernen.“

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