Etliche Paar Schuhe liegen vor dem Probenraum der Haller Freilichtspiele im Haal. Schon vor der Tür ist lautes Treiben zu hören. Geplapper, Poltern, der Klang eines Klaviers. 14 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 25 Jahren sind voller Energie und bereit, diese bei der Probe für das neue Stück rauszulassen. Nach dem Großprojekt „Wir sind Faust“ 2018 zusammen mit der Theater-AG der Sonnenhofschule sei das diesjährige Stück kleiner angelegt, sagt Florian Götz, Dramaturg der Freilichtspiele und Leiter des Jugendensembles.

Um die „Liebe!“ geht es dieses Mal. Wie stellen wir uns die perfekte Beziehung vor? Wollen wir so eine überhaupt? Welche Erwartungen hat die Gesellschaft? Wie wurde früher, wie wird heute geliebt? Mit all diesen Fragen beschäftigen sich die jungen Theatermacher seit Dezember. Dabei spielt auch immer eine Rolle, welche Wunschvorstellungen von Liebe und Zuneigung die Jugendlichen selbst umtreiben. Denn wie bei „Faust“ steht auch dieses Mal im Mittelpunkt, dass sie so viel wie möglich von sich selbst einbringen. So haben die Jungen und Mädchen zum Thema passende Gegenstände von zu Hause mitgebracht: Ein kleiner Stoffteddy, ein Fotoapparat und eine kleine Plastikrose liegen auf einem Tisch im Probenraum. Sie sind Teil des Requisitenpools.

Trennung und Sehnsucht

Zu Beginn der Probe gibt Götz einen Überblick darüber, was bisher erarbeitet wurde. In Gruppen haben sich die Jugendlichen in den vergangenen Wochen mit unterschiedlichen Aspekten der Liebe auseinandergesetzt, so zum Beispiel mit Trennung, Sehnsucht und der eigenen Persönlichkeit. Außerdem haben sie sich gefragt, wie die „perfekte Beziehung“ aussieht, und zwar mit allen möglichen Klischees, und festgestellt: „Das ist nichts für uns.“

Liebe, Beziehung, Sexualität – schwierige Themen in diesem Alter, oder? „Die Gruppe war von Anfang an erstaunlich offen“, hat Götz beobachtet. Das liege vielleicht auch daran, dass sich viele noch von „Faust“ kennen. Elf sind dem Jugendensemble treu geblieben. Ein Mädchen der Sonnenhofschule macht auch in diesem Jahr wieder mit.

Götz hat sich einen roten Faden aus den erarbeiteten Ideen der Ensemble-Mitglieder zurechtgelegt. Durch ein Anspiel testet der Dramaturg, ob die Struktur aufgeht. „Seid fit, seid da“, gibt er vorher noch als Anweisung. Anschließend diskutiert er mit seinen Nachwuchsschauspielern, was verändert werden muss. „Der Part ist zu lang“, „Die Stelle finde ich langweilig“, so das klare Feedback einiger Jugendlichen. Choreografische Elemente und Musik seien auch geplant, so Götz. „Aber ich weiß noch nicht, ob wir alles unterbekommen.“

Eine fertig erzählte Geschichte wird es dieses Mal nicht geben. „Wir machen eine Werkstatt­inszenierung“, so Götz. Die Zuschauer bekommen bei der Vorführung im April also Einblick in die Entwicklung der Themen und Szenen während der Proben.

Ana Reuter hat ein Freiwilliges Soziales Jahr bei den Freilichtspielen absolviert (wir berichteten). Bei der Aufführung von „Wir sind Faust“ 2018 hielt sich die 21-Jährige noch im Hintergrund. Dieses Mal traut sie sich auf die Bühne. Ana hat sich mit Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Erwartungen an Mann und Frau beschäftigt. „Das treibt die Menschen schon immer um. Es wird Zeit, dass man die festgefahrenen Rollenbilder über den Haufen wirft“, appelliert die Westheimerin. Sie hat viele Ideen im Kopf, wie sie das im Stück umsetzen könnte. Ihr Anspruch: „Ich möchte erreichen, dass die Zuschauer nach der Vorstellung aus eigenem Antrieb anfangen, einige Dinge zu hinterfragen.“

Lorena Elser hat ebenfalls schon bei „Faust“ mitgewirkt. Einen Vergleich zum jetzigen Stück kann die 16-Jährige nur schwer ziehen. Zu verschieden seien die beiden Stücke. „Auf jeden Fall können wir uns wieder einbringen und selbstständig arbeiten“, sagt die Haller Schülerin.

Sie hat sich mit der 68er-Bewegung und der damit verbundenen Forderung nach sexueller Freiheit befasst. Die Menschen setzten sich für die Abschaffung von Tabus, die Akzeptanz von Homosexualität und Experimentierfreude ein. „Die Leute sind einfach auf die Straße gegangen und haben gesagt, was ihnen nicht passt“, ist Lorena beeindruckt.

Beide Mädchen sind von dem Thema des Stücks überzeugt. Wieso? „Liebe betrifft jede Altersgruppe. Ohne Liebe geht gar nichts“, sagt Ana. Lorena fügt an: „Ohne Liebe wird man nicht glücklich. Liebe ist überall.“

Info „Liebe!“ feiert am 17. April in der Haalhalle Premiere. Die zweite Aufführung findet im Neuen Globe als Eröffnung des 8. Internationalen Jugendtheaterfestivals am 22. April statt.

Überschrift Infokasten


Hier steht der Anlauf, und hier der Text