Schwäbisch Hall Chinesische Stadt wird von Deutschen aus Hohenlohe geplant

Schwäbisch Hall / Thumilan Selvakumaran 14.02.2019
Eberhard Neumann und Alexander Beck entwerfen für Gu’an, nahe des zweiten Pekinger Flughafens, ein Modell für eine Stadt nach deutschem Vorbild. Sie wurde bisher nicht gebaut.

In China sollte nach deutschem Vorbild eine Stadt für 10.000 Menschen entstehen – genauer gesagt mit Einflüssen aus Schwäbisch Hall. Das wurde 2014 bekannt. Eberhard Neumann, der damalige städtische Fachbereichsleiter für Planen und Bauen, sowie Alexander Beck, Architekt aus Blaufelden, hatten hierzu ein Unternehmen gegründet. Mit an Bord war Klaus Huber, ein Jurist aus Dinkelsbühl.

Die damals ungenehmigte Nebentätigkeit des Haller Fachbereichsleiters wurde durch einen Handelsregistereintrag bekannt (siehe Info). Jetzt, knapp fünf Jahre später, folgte eine weitere Handelsregistermeldung: die Auflösung jener damals gegründeten German Planning und Development GmbH. Was steckt hinter der Gesellschafts-Liquidation? Wurde Klein-Schwäbisch Hall zwischenzeitlich im großen Reich der Mitte realisiert?

Typisch deutsch? Golfplatz, Krankenhaus, Hotel

Das zwar nicht. Es gibt aber einen fertigen Entwurf für eine Kleinstadt, sagt Architekt Beck. Er blättert in seinem Haller Büro in der Klosterstraße in einer Präsentation. Etliche Modelle in unterschiedlichen Planungsstadien sind dokumentiert. Manche mit Golfplatz, Krankenhaus oder Hotel. Andere haben einen künstlichen See und einen Stadtkern mit satellitenförmig angeordneten Stadtteilen.

Doch wie kamen hiesige Planer an einen solchen Auftrag? Der Kontakt sei über Klaus Huber entstanden, der drei Jahre lang für eine Kerzenfirma in China die Produktion geleitet hat. Als ein dortiger Immobilieninvestor für ein Wohnprojekt in Gu’an Architekten suchte, habe Huber Beck für einen Vortrag in Deutschland gewinnen können. Beck wiederum wollte einen Stadtplaner dabei haben und fragte Neumann an. Zu Beginn waren auch die Stadtwerke Crailsheim beteiligt. Nach dem Vortrag folgte prompt die Einladung nach Asien.

Erste Gespräche vor Ort liefen offenbar gut. Neumann fertigte eine Skizze für die Kleinstadt. Eine zweite Reise wurde angesetzt. Beck sollte innerhalb von einem Tag ein Modell für ein Hotel liefern. „Die Einschätzung der Chinesen über deutsche Architektur endet in den 50er Jahren. So viel wusste ich.“ Er habe daher einen neoklassizistischen Entwurf gezeichnet. „Direkt danach hatten wir den Auftrag.“

50 Dörfer für Trinkwasserreservoir platt gemacht und umgesiedelt

Die ersten Reisen waren noch spannend, die letzten drei, vier nur noch Routine, so Neumann. Die jeweils knapp zehnstündigen Flüge seien zwar beschwerlich aber letztlich lohnend gewesen. „China ist ein faszinierendes Land. Wir haben viel gesehen. Wir haben gelernt, mit großen Dimensionen umzugehen, auch die Angst davor zu verlieren.“

Zu den besuchten Orten gehörten Slums, Metropolen, auch ein Trinkwasserreservoir für zehn Millionen Menschen, für dessen Reinheit 50 Dörfer platt gemacht und die Menschen umgesiedelt wurden. Die Macht der Regierung sei groß, meint Beck, sie entschädige aber auch gut.

Gekauftes Land gehört nach 70 Jahren der Regierung

Die Menschen im 1,4-Milliarden-Einwohner-Land drängten immer mehr in Städte, wo Hunderte 25-stöckige Bauten die Optik dominierten. Es seien nicht die Armen, die dort wohnten, sondern jene, „die es geschafft haben“, so Beck. Dass meist nicht höher gebaut wird, habe einen steuerrechtlichen Grund. Ohnehin gehöre einem das gekaufte Land und die Gebäude darauf nur 70 Jahre lang – danach geht es zurück an die Regierung.

Beauftragt wurden Beck, Neumann und Huber vom chinesischen Investor Haiqiao Zhang, der Gummi-Produkte und Filtersysteme für die Automobilbranche produziert. Er habe bereits mehrere der 25-stöckigen Hochhäuser gebaut. Zu seinem Portfolio gehört auch ein Immobilienprojekt auf 300 Hektar, wovon ein Großteil bereits bebaut ist. Eine Fläche von 70 Hektar ist für die deutsche Kleinstadt vorgesehen – mit sechsstöckigen Geschossbauten und Reihenhäusern. „In China gibt es die Vorgabe, für einen Quadratmeter Grundstücksfläche auch einen Quadratmeter Wohnfläche zu schaffen“, erläutert Beck. Wer also auf ein großes Grundstück ein Einfamilienhaus stellt, muss zeitgleich nebenan einen mehrgeschossigen Bau mit Wohnungen realisieren, um die Quote zu erfüllen. Das sei ein gutes Modell gegen Wohnungsknappheit, meint Beck.

Regierung entscheidet mit - Entwurf wurde aber „zu chinesisch“

Das deutsche Team fertigte mehrere Modelle, musste sich aber nicht nur den Wünschen des Investors stellen, sondern auch denen der Regierung, die etwa bei der Verkehrsführung und der Baudichte mitreden wollte. Das ging so lang, „bis ein Regierungsvertreter bemerkt hat, dass der Entwurf doch wieder zu chinesisch aussieht“, berichtet Beck. Dann wurde zurückgeplant.

Noch während dieser Phase sei ein Baustopp für das Areal verhängt worden, so Neumann. Grund sei die hohe Zahl an Geisterstädten, die Spekulanten aufgrund steigender Immobilienpreise lange vor Bedarf realisiert hatten. Der Haller ist überzeugt, dass sein Projekt irgendwann gebaut wird. „Bis dahin warte ich ohne Enttäuschung. Es wird ja letztlich unseren Stempel tragen.“

Anders formuliert es Beck. „Ich hätte gern gesehen, wie die fertige Stadt aussieht.“ Letztlich hätten sie aber ihre vereinbarte Leistung erfüllt und seien dafür bezahlt worden. Wie hoch die Gage war, darüber schweigen die beiden Planer. Nur so viel: „Es hat sich gelohnt“, meint Neumann.

Alles bezahlt - Gesellschaft aufgelöst

Für beide ist das Projekt abgeschlossen, die Gesellschaft nicht mehr nötig. Daher sei sie aufgelöst worden. Darüber ist Neumann nicht unglücklich. „Meine Frau geht noch in diesem Jahr in Rente. Wir werden uns dann sortieren und sind offen in der Frage, wo wir hinkommen.

Beck sieht das Projekt als großen Erfolg. „Ich konnte aufgrund des Bedarfs und der Mittel binnen drei Jahren in Schwäbisch Hall ein Büro aufbauen, dass nun auch ohne China-Projekt weiter funktioniert.“

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Nebentätigkeit nachträglich genehmigt

Im Jahr 2014 wurde durch einen Handelsregisterauszug in dieser Zeitung bekannt, dass Eberhard Neumann Mit-Gesellschafter der German Planning and Development GmbH ist. Ziel war die Stadtplanung, umfasste also just jenen Bereich, den er als Fachbereichsleiter bei der Stadt Hall verantwortete. Dies war allerdings nicht mit dem Arbeitgeber abgestimmt. „Blöd, wenn uns das durch die Zeitung bekannt wird“, kommentierte damals Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim. Kritik kam auch von Gemeinderäten, die unter anderem von einer „unguten Verstrickung“ sprachen. Der OB genehmigte die Nebentätigkeit nachträglich. Neumann ging 2015 regulär in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Peter Klink, der heute Baubürgermeister ist. thumi

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