Schwäbisch Hall Erinnerung an Tomi Ungerer: In der Kunsthalle Würth wurde er zum Künstler

Tomi Ungerer und seine Kunst im Fokus der Fotografen 2010 in Hall. In der Nacht zum Sonntag starb Ungerer in Irland.
Tomi Ungerer und seine Kunst im Fokus der Fotografen 2010 in Hall. In der Nacht zum Sonntag starb Ungerer in Irland. © Foto: Marc Weigert
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 12.02.2019
Mit der Ausstellung „Neues für die Augen“ 2010 in der Kunsthalle Würth begriff sich Tomi Ungerer erstmals als Künstler.

Das haben wir letzte Woche noch gegessen“, sagte Tomi Ungerer verschmitzt lächelnd und hielt eine Sardinenbüchse in die Höhe. Im Frühjahr 2010 hat sich der Adolf-Würth-Saal der Kunsthalle Würth in ein Ungerer-Studio verwandelt, in dem er seine große Ausstellung „Eklips – Neues für die Augen von 1960 bis 2010“ vorbereitete. Fischskelette, gefundene Schafsknochen, rostige Schaufeln oder vermeintlicher Plastikabfall – bei Ungerer konnte alles zur Kunst werden. Für den am 28. November 1931 in Straßburg geborenen Jean-Thomas Ungerer war nichts zu groß und nichts zu klein. Nichts ist banal, in fast jedem Ding steckt eine Seele, eine Geschichte, und die hat der Elsässer mit kunstvollen Kniffen, Witz und zuweilen beißender Ironie zutage gefördert.

Tomi Ungerer war Zeichner, Illustrator, Schriftsteller, Provokateur, Moralist, Erfinder eines Universums von Figuren und vieles mehr. Spielerisch und souverän wechselte der akribische Arbeiter die Stile – sei es der romantische Charakter des deutschen Hausbuchs, die scharfe Kontur der französischen Gesellschaftssatire oder der tiefschwarze angelsächsische Humor.

Eindrucksvolle Bandbreite

In Schwäbisch Hall war deutlich spürbar, wie das Multitalent auch mit damals 78 Jahren noch vor Neugier, Expermentierlust und Spontaneität sprühte. Die rund viermonatige Ausstellung in der Kunsthalle Würth gab mit etwa 650 Werken einen Einblick in die eindrucksvolle Bandbreite seiner Arbeit. „Heute ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich auf eine Ausstellung freue“, sagte Tomi Ungerer damals bei der Vernissage. In seinen Worten schwang ehrliche Rührung mit. „Zum ersten Mal habe ich meine Minderwertigkeitskomplexe überwunden“, gestand er. Ungerer war ein Rastloser, auch ein Zerrissener. Das Wort „Werk“ habe er im Zusammenhang mit seiner Arbeit früher nie verwendet, erklärte Ungerer. Doch Werner Spies, ehemaliger Chef des Centre Pompidou und damals Vorsitzender des Würth-­Kunstbeirats, habe ihm geholfen, sich selbst als Künstler zu akzeptieren. Das hat Ungerer immer wieder betont, auch bei einem Talk-Abend im September 2010 mit Ulrich Wickert im Haller Adolf-Würth-Saal.

„Meine Unsicherheit hat mich ein Leben lang geplagt“, sagte der Künstler. Seine Ideen kämen ihm manchmal vor wie ein wuselnder Ameisenhaufen im Kopf: „Ich bin einfach zu kreativ“, entschuldigte er seine ungeheure Produktivität. Am Anfang habe er einen Einfall, manchmal sei das ein Unfall, dann gebe es Beifall und am Ende habe er Durchfall, fasste er den Werdegang seiner Arbeiten selbstironisch zusammen – typisch Ungerer.

Bei den immer intensiver werdenen Phasen der Ausstellungsvorbereitung in Hall tröstete Tomi Ungerer das Team der Kunsthalle Würth mit den Worten „ohne Hölle gibt’s kein Paradies“, berichtete Sylvia Weber, Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur in der Würth-Gruppe, im Katalog-Vorwort. Der vielfach ausgezeichnete Künstler musste es wissen – drei Herzinfarkte und vieles andere hat er in seinen 87 Lebensjahren überstanden. Die deutsche Besatzung und der Zweite Weltkrieg haben ihn geprägt. Das politisch und sozial denkende Arbeitstier Ungerer lebte in Frankreich, Amerika, Kanada, Irland und in der Schweiz.

Zauberhafter Erzähler

„Wer seine abenteuerliche Biografie kennt, die Himmelfahrten und Höllenstürze durch die halbe Welt, versteht seine Widersprüche, Obsessionen und Verrücktheiten besser“, sagt Sylvia Weber. Die Zusammenarbeit mit dem „zauberhaften Erzähler“ sei „intensiv und fordernd aber immer eine Freude“ gewesen: „Mit Tomi Ungerer ist in jeder Beziehung ein ganz Großer von uns gegangen. Ein Philosoph, Künstler, Ingenieur der Lust, Moralist und Menschenfreund und leidenschaftlicher Gesellschaftsfeind. Tomi war Toleranzprediger, Friedensstifter zwischen Frankreich und Deutschland, Weltgenie des Kinderbuchs und ein unbestechlicher Chronist unserer Zeit, der mit dem Zeichenstift unbarmherzig vorführte, was ihm vor die Feder kam.“ Mit sich selbst habe er sehr streng sein können. „Bösartig war er übrigens nie“, betont Weber. „Alles geschah vor dem Hintergrund seiner tiefen Menschlichkeit.“ Immer wieder blickte Ungerer auf das Verruchte und in Abgründe, aber nie hat er den Glauben an das Gute verloren. Er blieb ein Kind, das staunen und wundern nicht verlernt hat – ein Freigeist und Brückenbauer, den man vermissen wird.

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