Michelfeld Unkraut: eine vorbildliche „Schlamperei“

Zwischen Mädesüß und Wilder Möhre haben Gemeindegärtner Thorsten Genthner (links) und Bürgermeister Wolfgang Binnig gut lachen: Die verwilderte Wiese bei der Sporthalle ist eine der Michelfelder Vorzeigeflächen für den Insektenschutz.
Zwischen Mädesüß und Wilder Möhre haben Gemeindegärtner Thorsten Genthner (links) und Bürgermeister Wolfgang Binnig gut lachen: Die verwilderte Wiese bei der Sporthalle ist eine der Michelfelder Vorzeigeflächen für den Insektenschutz. © Foto: Beatrice Schnelle
Michelfeld / Beatrice Schnelle 31.08.2018
Wildwuchs nützt den Insekten: Indem sie auf öffentlichen Flächen „Unkräuter“ wuchern lässt, setzt die Gemeinde Michelfeld neue Maßstäbe gegen zu viel Ordnungssinn im Garten.

Wildpflanzen, im Volksmund noch als „Unkräuter“ verschrien, machen gerade einen tiefgreifenden Imagewandel durch. Wenn alles gut geht, werden Vorgarten- und Schrebergarten-Besitzer von ihren aufmerksamen Nachbarn bald nicht mehr gerügt, weil es auf ihrem Stückle lustig wuchert, sondern sobald sie alles entfernen, was die Natur wachsen lassen möchte. Schließlich entziehen solche Leute mit ihrem in letzter Konsequenz grausamen Ordnungstrieb den Insekten, deren Zahl sich in den letzten Jahren bedrohlich reduziert hat, Nahrung und Wohnraum.

„Toll, was Sie da machen“

Wolfgang Binnig steht mit seinem Namen für das neue Naturverständnis, das sich langsam, aber sicher gegen Golfrasenherrlichkeit, tote Steingärten und dekorative Zuchtpflanzen ohne Nutzen für Biene und Co. durchsetzt. Seine Gemeinde ist eine von 15 Mitgliedskommunen im Großschutzgebiet Naturpark Schwäbisch-
Fränkischer Wald, die sich am Projekt „Blühender Naturpark“ beteiligen. Auf rund 2500 Quadratmetern öffentlicher Fläche gedeihen in Michelfeld ungestört Wilde Möhre, Zichorie, Löwenzahn, Mädesüß und andere für Insekten attraktive Blühpflanzen oder Gräser. „Schlamperei“ hätte es früher deswegen geheißen. Nun erlebt der Bürgermeister den erstaunlichen Stimmungsumschwung ganz persönlich. Es gibt keine Beschwerden über die „vernachlässigten“ Grundstücke. Ganz im Gegenteil: Bürger aus dem ganzen Umkreis bis nach Hall hinein rufen im Rathaus an, um ihm zu sagen: „Toll, was Sie da machen, danke dafür.“

Thorsten Genthner, Mitarbeiter im Michelfelder Bauhof und Gärtner von Beruf, kümmert sich um die wilden Wiesen, die oft an prominenter Stelle liegen, wie vor Sporthalle, Schule, Feuerwehr oder als grüne Mitte eines Kreisverkehrs. Drei Seminare hat er absolviert, die das Team vom Naturpark Schwäbischer Wald in der „Pilotgemeinde“ Althütte für die teilnehmenden Gemeinden Anfang des Jahres angeboten hatte. So bedarf etwa der Boden für die Umstellung von „schwäbisch gepflegt“ auf „natürlich gesund“ einer speziellen Bearbeitung. „Das Projekt hat unsere Vorgehensweise deutlich verändert“, sagt Genthner. Die aufwändige Vorbereitung zahle sich durch weniger Aufwand bei der Pflege aus. Besonders wichtig: Die Flächen werden nur noch einmal im Jahr, nämlich nach Ende der Blütezeit im Spätherbst, gemäht. Und das mit einem einfachen Balkenmäher, damit das Schnittgut einige Tage liegenbleiben und fürs kommende Jahr aussamen kann. Dann erst wird es abgeräumt, damit die nächste Wildpflanzen-Generation genügend Licht und Luft hat.

Wann man aussät, welche Pflanzen welchen Nutzen für die Insekten haben, wann sie blühen, ob sie ein- oder mehrjährig sind, welche Sorten sensibel sind und welche am Straßenrand das Streusalz im Winter überleben: das alles hat Genthner bei den Seminaren gelernt. Die kostenlose Ausbildung sei nur einer der vielen Mehrwerte, die das Projekt für die Gemeinde mit sich bringe, unterstreicht Wolfgang Binnig.

Auf der Suche

Noch befindet sich die wunderbare Verwandlung in den Anfängen. Nächstes Jahr werden die naturnahen Wiesen in Michelfeld bereits einen blühenden Schritt weiter sein. Zudem ist die Gemeinde ständig auf der Suche nach weiteren, geeigneten Grundstücken: „Es sind keine starr definierten Orte, an denen wir neue Lebensräume für bedrohte Insektenarten schaffen.“

Ein zuvor völlig undenkbares Ding leistet sich die Gemeinde zum Beispiel auf den Parkflächen bei der Sporthalle: Dort dürfen nun allerlei Kräutlein und Gräslein vorwitzig zwischen dem Belag hervorlugen. Dem Pflaster schade das nicht, versichert der Rathauschef, der längst einen Riesenspaß daran hat, dass in Michelfeld jetzt so vieles ganz anders läuft als früher und Pioniergeist spürt: „Wenn unser Vorbild nur ein paar Menschen zum Umdenken und Nachmachen anregt, dann hat sich der ganze Einsatz schon gelohnt.“

Michelbach ist auch dabei

Vorbereitung Neben Michelfeld ist Michelbach an der Bilz die zweite Gemeinde im Landkreis Schwäbisch Hall, die den „Blühenden Naturpark“ auf ihrer Gemarkung zulässt. Dort soll im Herbst mit der Vorbereitung öffentlicher Flächen und der Aussaat für das Frühjahr nächsten Jahres begonnen werden. cito

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